Die erste Hürde? Themenfindung für Forschungsprojekte

Schlagwort Hasskommentare: Die Emotionalität mit welcher Nutzerkommentare auf den Web- und Facebookseiten deutscher Nachrichtenanbieter formuliert sind hat in den vergangenen Jahren nicht nur für enorme mediale und wissenschaftliche Resonanz gesorgt, sondern sie ist auch mir aufgefallen. Ob Berichte über politische Entscheidungen oder über den neuen ZDF-Film: unsachliche, herabwürdigende und beleidigende Kommentare schmücken zunehmend das Internet. Themenübergreifend dienen Kommentarspalten scheinbar vor allem als Sprachrohr für jene, welche sich mit Berichterstattungen oder Artikelinhalten nicht zufriedengeben. Im Sommer 2015 fand diese Beobachtung für mich ihren Höhepunkt: Mit Beginn der “Flüchtlingskrise” wurde das Lesen von Kommentaren zu einer Unerträglichkeit. Beiträge von Usern waren nicht mehr nur noch unsachlich und beleidigend, sondern auch hasserfüllt und hetzerisch. Fragen zum Wer? und Warum? taten sich bei mir auf. Hinzu kamen Vorstellungen davon, welche Wirkung die Kommentare bei anderen erzielen könnten – also denen, die sie lesen.

In meinen Gedanken nahm das Thema zunehmend Einzug. Erste wissenschaftliche Studien wurden veröffentlicht, welche sich um ganz ähnliche Beobachtungen und Befürchtungen drehten und persönliche Beobachtungen bestätigten. Qualitativen Analysen von Kommentaren zu Online-Nachrichten von Marc Ziegele von 2016 ergaben, dass der Großteil der Anschlusskommunikation nicht als nüchtern-rationaler Diskurs verläuft. In ihrer Dissertation unterstellt Nina Springer (2014) 40 Prozent der untersuchten Kommentare einen ironisch-sarkastischen Unterton und bezeichnet das Klima in den Kommentarspalten als ein Klima der Gegenöffentlichkeit. Schon 2012 wurden von Baek, Wojcieszak und Delli Carpini untersuchte Online-Diskussionen als geprägt von persönlichen Angriffen, affektgeladenen Werturteilen, sowie antisozialem und enthemmten Kommunikationsweisen bezeichnet. Zunehmend werden Partizipationsmöglichkeiten über Kommentare mit der Verbreitung radikaler und extremer Meinungen in Verbindung gebracht, welche sich in antisozialen und aggressiven Kommunikationsverhalten ausdrücken, schreiben Barth und Wagner 2015 in der POP-Zeitschrift.

Noch bevor ich aktiv danach gesucht hätte, wusste ich zumindest, womit ich mich die nächsten Jahre beschäftigen wollen würde. Die ersten Ideen lassen sich in folgenden Fragestellungen zusammenfassen:

Warum sind Online-Kommentarspalten eigentlich so aggressiv und welchen Einfluss hat das auf die Kommentar-Rezipierenden? Wie verändern sie Meinungsbildung? Welche gesellschaftliche Bedeutung kann Online-Kommentaren so langfristig zukommen?

Die Fragestellungen sind als Ausgangsposition zu verstehen. Als Ausdruck eines Erkenntnisinteresses, welches sich in den vergangenen Jahren stets ausdifferenziert hat, stets verändert und neu entwickelt hat, wieder verworfen wurde und sich letztendlich jetzt noch immer im Entwicklungsprozess befindet. Dieser Entwicklungsprozess hat mich über erste Studien und Versuche mit manuellen und automatisierten Inhaltsanalysen über qualitative Erhebungen mit Online-Gruppendiskussionen und Interviews hingeleitet zu der Erstellung einer theoretischen Arbeit.

Ein langer Weg, wo sich ab hier die Frage stellt: Wo soll er hinführen? In diesem Sinne… to be continued!

 

 

Literatur

Baek, Y. M., Wojcieszak, M. & Delli Carpini, M. X. (2012). Online versus face-to-face deliberation. Who? Why? What? With what effects? New Media & Society, 14 (3), 363-383.

Barth, N. & Wagner, E. (2015). Erhitzte Öffentlichkeit – zur medialen Transformation öffentlicher Kommunikation auf Facebook. POP Zeitschrift. Zugriff am 01.06.2016. Verfügbar unter http://www.pop-zeitschrift.de/2016/03/05/social-media-maerzvon-niklas-barth-und-elke-wagner5-3-2016/

Springer, N. (2014). Beschmutzte Öffentlichkeit? Warum Menschen die Kommentarfunktion auf Online-Nachrichtenseiten als öffentliche Toilettenwand benutzen, warum Besucher ihre Hinterlassenschaften trotzdem lesen, und wie die Wände im Anschluss aussehen (Mediennutzung, Bd. 20). Univ., Diss.–München, 2012. Berlin: LIT.

Ziegele, M. (2016). Nutzerkommentare als Anschlusskommunikation. Theorie und qualitative Analyse des Diskussionswerts von Online-Nachrichten (1. Aufl. 2016). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

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