Neu im SCM: Die erste Studie meiner wissenschaftlichen Laufbahn

In der aktuellen Ausgabe der SCM wurde eine Studie veröffentlicht, an welcher ich seit 2015 gemeinsam mit Christina Schumann gearbeitet habe. Damals war Christina meine Masterarbeitsbetreuerin, ich ihre Studentin. Die Studie: Mein Masterarbeitsprojekt. Als wir das Projekt anfingen, habe in Ilmenau gelebt, 50 Meter Luftlinie vom IfMK entfernt. Heute lebe ich mehr als 600 Kilometer von Ilmenau entfernt und zwischen der Durchführung und der Veröffentlichung der Studie liegen zwei Leben für mich. Eines in Braunschweig und eines in Amsterdam, sowie beinahe eine Promotion, auf deren Disputationstermin ich nun noch warte.

Es ist also einiges passiert in meinem Leben und meiner Profession und dieses Paper hat mich stets begleitet. Hier ist nun die Story dieses Projektes, und auch meine Story, die mit einer Masterarbeit  beginnt und mit einem Forschungsbeitrag, der versucht den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Smartphone-Nutzung zu hinterfragen, endet.

Ilmenau, himmelblau

Mir ein Thema für die Masterarbeit zu suchen war damals die einfachste Aufgabe. Meine Ideenliste war mindestens zwei A4-Seiten lang und beinhaltete ausschließlich phänomenal gute Ideen. Mit ein paar von diesen grandiosen Ideen bin ich auf Jens Wolling und Christina Schumann zugegangen, Fachgebiet Empirische Medienforschung und politische Kommunikation. Für mich damals das coolste Fachgebiet und auch, wenn meine Forschungsidee nicht viel mit politischer Kommunikation zutun hatte. Mit Hilfe von Christina und Jens entschied ich mich, eine Studie durchzuführen, bei welcher Smartphone-Nutzer*innen auf ihr Smartphone verzichten und dabei ihr Wohlbefinden zu messen. Wir entschieden uns sogar, Gelder zur Entschädigung der Teilnehmenden vom FuLM e.V. einzuwerben. Ich glaube, es waren 300 €. 300 sehr wichtige Euro in meinem Leben. Die Entschädigung von Teilnehmenden verlieh der studentischen Studie Professionalität und sogar die Thüringer Allgemeine Zeitung rief zur Teilnahme auf. Der Aufruf garantierte mir, dass ich nicht nur Studierende als Proband*innen haben würde. Megastark war das damals.

Und noch mehr regionale Aufmerksamkeit

Das Thema war hot, damals schon, und ich habe kurz nach dem Artikel in der TA einen Telefonanruf von Antenne Thüringen bekommen: Auch sie wollten mich bei der Proband*innensuche unterstützen. Ich dachte nicht, dass es noch besser werden konnte, aber dann hat sich der damalige Radiomoderator sogar noch bereit erklärt, selbst daran teilzunehmen und nebenbei gelegentlich die Hörer wissen zu lassen, wie es ihm geht.

Das war der Anfang. Der lustige Teil, das Planen und das Erheben. Dann kam das Auswerten und Schreiben, das Verteidigen und der Studienabschluss. Christina fand das Thema ähnlich reizvoll wie ich, und sie hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, die Arbeit zu veröffentlichen. Na klar! Alles ist besser als Schublade! Aber ist das eigentlich echt Wissenschaft? Ich mein, ist das gut genug? Diese Frage habe ich mir schon gestellt aber ehrlich: Ich hatte keine Ahnung, was eine wissenschaftliche Veröffentlichung ist.

Journals, Reviewer, Major Revisions und Absagen

Wir schrieben eine allerallererste Version eines Papers und reichten es im Journal of Computer-Mediated Communication ein. Ich fing damals gerade an als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Braunschweig zu arbeiten und als wir in die zweite Runde kamen, waren alle begeistert. Ich dachte mir: Ok, cool. Immer noch keine Ahnung, warum das was Besonderes war. Ebenso groß war die Enttäuschung, als es in der zweiten Runde aufgrund der zu geringen Stichprobengröße abgelehnt wurde. Hätte auch schon in der ersten Runde auffallen können, aber gut. Dann eben ein anderes Journal. So wichtig ist dieser Impact Factor nun auch nicht, oder?

Tagungen

Wir haben nun in einigen weiteren Journals eingereicht, stets widersprüchliche Anforderungen von Gutachter*innen erhalten und versucht, es allen rechtzumachen. Lange, lange Wartezeiten lagen zwischen einzelnen Einreichungen. Ich weiß ehrlich nicht mehr wie lang, aber ich weiß noch, dass das alles irgendwann absurd wurde. In der Zwischenzeit hatte ich viele andere Forschungsprojekte, wurde immer besser in meinen Lehrtätigkeiten und besuchte unzählige Tagungen. Auch mit unserer Smartphone-Studie waren wir 2016 nicht nur auf der Tagung der Fachgruppe „Digitale Kommunikation“ , sondern sogar in San Diego zur ICA 2017. Während der ganzen Zeit steckte das Paper eigentlich in Reviewprozessen fest und wurde gelegentlich von uns überarbeitet.

Vom Dranbleiben

Es war ein langer Weg. Viele Zeiten des Wartens, aber auch des Überarbeitens. Christina und ich mussten viel dazulernen, um den Anforderungen von Reviewern gerecht zu werden. Doch wir blieben dran. Nicht nur, weil schon zu viel Arbeit darin steckte, und auch nicht nur, weil wir tatsächlich Spaß an der Zusammenarbeit hatten. Das Paper wurde immer besser. Mit jedem Review, mit jeder Wartezeit und mit jedem Mal, dass ich es nach Monaten des Liegenlassens öffnete, dachte ich mir mehr und mehr: Ist schon ziemlich cool. Besonders das letzte Review des SCM, welches uns dazu ermutigte Multilevel-Analysen zu integrieren, veränderte noch einmal alles und machte unseren Ansatz um weiten Wertvoller.

Endlich SCM!

Im SCM reichten wir Anfang 2019 ein. Ich erinnere mich, wie ich mittlerweile in den Räumlichkeiten des ASCoRs saß und zu jedem Skype-Meeting mit Christina das PhD-Büro verließ, um mich in einem der Konferenzräume niederzulassen. Neben der Paper-Besprechung ließ ich Christina teilhaben am Stand meiner Dissertation, und irgendwann am Bewerbungsprozess bei Netflix. Nach einer weiteren Major Revision, für welche Christina und ich uns intensiv mit den Multilevel-Analysen befassen mussten, hat’s dann geklappt mit der Veröffentlichung. Bis letzten Donnerstag, als dann tatsächlich die aktuelle Ausgabe mit unserem Paper herauskam, blieb ich skeptisch und glaubte nicht ganz daran, dass das tatsächlich passieren würde.

Nun ist es publiziert und komisch fühlt es sich an. Ich danke Christina so sehr für diese wunderbare Zusammenarbeit, und ich danke allen Reviews, und den vielen Stunden Arbeit, welche einige mir fremde und bis heute unbekannte Menschen in dieses Paper gesteckt haben. Nur wegen Euch und Ihnen ist dieses Paper nun, wie es ist! Vielen Dank dafür, und auch für die Möglichkeit, diesen verrückten, viel zu langen Prozess erfahren zu haben.

Natürlich lässt sich ein Prozess von fünf Jahren zur Veröffentlichung einer Studie auch als guter Ausgangspunkt für eine kritische Stellungnahme zur Frage, wie Wissenschaft arbeitet nehmen. Aber nicht heute.

Here it is

Hier ist sie nun, die Studie. Ich schätze die Arbeit besonders, weil sie in ihren Details auf die Bedeutung des Smartphones von einem anderen Blickwinkel aufmerksam macht. Am besten gefällt mir die Diskussion.

Viel Spaß beim Lesen!

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