Mein Paket und ich

Hallo liebe Lesende,

das bin ich und in diesem Paket habe ich meine Dissertation nach Braunschweig geschickt. Gestern ist es im Promotionsbüro der TU  angekommen und nun werden die Arbeiten an die Gutachter*innen verschickt. Für mich gibt es nichts mehr zutun, außer meinen Disputationstermin abzuwarten. Die letzte Etappe.

Die letzten Monate zu Hause

Die letzten Monate – meine Abschlussphase – stand im Stern von Corona. Der Zustand des Zuhause Seins gewährleistete mir Freiheit, Zeit und keine Ablenkung durch Frühlingsveranstaltungen in Amsterdam – und somit Zeit für die Arbeit! Kein Königstag, kein Befreiungstag, keine Open-Air-Konzerte und Festivals und keine Tulpenmeere in Keukenhof! Gut, dass das alles ausfiel! Der Körper konnte ununterbrochen vor dem Computer sitzen und die letzten Worte tippen.

Ehrlicherweise lässt sich der Kopf nicht so einfach an die Arbeit setzen. Besonders in den ersten Wochen des Corona Lockdowns aktualisierte ich aller zwei Minuten eine andere Nachrichtenseite in meinem Browser statt mich auf meinem Text zu fokussieren. Aller zwei Minuten gab es dort etwas Neues zu lesen und jede Information ließ die Situation unsicherer erscheinen. Die Tage und die Wochen verflogen und ich kann gar nicht genau sagen, wie ich gearbeitet habe. Es fiel mir schwer, täglich Ziele zu setzen und einzuhalten, weil ich bereits bei der Formulierung der Ziele durch die Nachrichten, durch Anrufe von Familie und Freunden, und durch meine Gedanken abgelenkt war. Es gab keine Ziele, und doch schrieb ich Zeilen, laß und korrigierte Abschnitte. Meine Gedankenspanne war kurz wie nie zuvor.

Corona und meine persönliche Situation

Auch persönliche Unsicherheiten waren mit der Krise und der Abschlussphase verbunden. Mein Mietvertrag in Amsterdam lief aus und in der Krise waren Besichtigungstermine kaum möglich. Ich konnte keine Wohnung im direkten Anschluss finden und zog die letzten zwei Monate zu meiner Schwester nach Leipzig. Zurück nach Deutschland und raus aus meinem neuen Umfeld – meinen neuen Freunden, mit welchen ich mich sowieso nicht treffen konnte.

In der Wohnung meiner Schwester arbeiteten wir, versuchten uns die Tage zu strukturieren mit Sport und gutem Essen. So sehr das alles in einem dramatischen Licht stand, war es zugegebenerweise eine wunderbare Zeit. Nie in unserem Erwachsenenleben hatten wir soviel Zeit, die wir miteinander verbringen konnten und somit die Chance, uns noch einmal so gut kennenzulernen. Um nichts möchte ich diese bedeutungsvolle Zeit missen und ihre Unterstützung in den letzten Zügen der Dissertation bedeutete mir alles. Ich bin unendlich dankbar. Ein Gefühl, welches ich während Corona öfter hatte. Dankbarkeit für meine tiefen Freundschaften und all die Menschen, die mir so fern und doch so nah sind. 

Letztendlich begleitete meine Schwester mich zur Post und machte dort das letzte Foto von mir mit meinem Paket. All diese Umstände haben vermutlich mehr als mir bewusst ist beeinflusst, wie meine Arbeit zum Schluss geworden ist. Was auch immer das bedeutet… nun ist sie abgegeben. Das war es dann erstmal mit der Dissertation.

Abgegeben. Was nun?

Das Warten auf den Disputationstermin wird sicherlich einige Monate dauern und jene unter euch, die mich persönlich kennen, werden sich fragen, was ich nun mit meinem Leben anfange.

Ich sage es euch. Und ich bin darüber in einem kaum fassbaren Ausmaß erfreut, aufgeregt, und auch stolz.

Bereits vor Amsterdam habe ich den Entschluss gefasst, keine wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen und in diesem Januar habe ich angefangen zu recherchieren, wie man da draußen eigentlich an Jobs rankommt. Jobs, in denen ich meine wissenschaftliche Erfahrung anwenden kann, denn das ist, was ich kann und was mir Spaß macht.

Es war ein kalter Winterabend, an dem ich mich durch LinkedIn klickte und herausfand, dass Unternehmen dort offensichtlich Stellen ausschreiben. Nach einigen Stunden hatte ich mir einen guten Überblick verschafft und sicherlich an die 100 Ausschreibungen gelesen. Ich stellte fest, dass einige wenige geeignet schienen, um einen Versuch der Bewerbung zu wagen und damit meine Existenz sichern zu können.

Mehr sollte diese Recherche auch gar nicht bezwecken, denn es war Anfang Januar und ich suchte einen Job für Mai oder Juni. Was ich wollte, war mich zu orientieren. Toe into the cold water. Es war viel zu früh um sich zu bewerben. Unter den Ausschreibungen gab es allerdings ein Unternehmen und eine Jobbeschreibung, die so unfassbar passend und doch so utopisch erschien, dass ich, nachts um 1, auf einen Button mit der Bezeichnung „Mit LinkedIn-Profil bewerben“ klickte. Mein LinkedIn-Profil, welches aus einem groben Lebenslauf bestand und fünf „Connections“ hatte. Ich glaubte sowieso nicht daran, dass etwas passieren würde.

Auch wenn mir das zu diesem Zeitpunkt nicht ganz klar war: Das war der Moment, in dem mein Bewerbungsprozess als Customer Insight Researcher bei Netflix in Amsterdam begann.

Netflix.

Ein paar Tage nach dem Klick meldete sich ein Recruiter aus Los Gatos bei mir. Er erkundigte sich in einem ersten Videocall über meinen Lebenslauf und etwa zweieinhalb Monaten und insgesamt zehn (!) Bewerbungsgesprächen und einem 72-stündigen Assessmentcenter später, erhielt ich am 19.03.2020 um 20 Uhr wieder einen Videocall von ihm. Mit einem Angebot.

Was für ein Abend.

Ich bin so absurd glücklich über diese Chance und aufgeregt über all die neuen Erfahrungen und Möglichkeiten, die auf mich zukommen werden. Zum ersten Mal in meinem Leben stolz auf mich, einerseits, weil ich die Entscheidung die Wissenschaft zu verlassen so klar getroffen habe und andererseits, dass ich vor allem durch einen Glauben an mich selbst den Bewerbungsprozess gemeistert habe. Ich werde in einem Unternehmen tätig sein, dass „only highly talented people“ einstellt, und zum ersten Mal in meinem Leben nach dem Jahr in Amsterdam bin ich der Überzeugung, dass ich das auch bin. Ich bin davon ganz paralysiert.

However, back to reality…

Noch bin ich nicht am Ziel und wenn es soweit ist, werde ich euch von meiner Disputation berichten und damit hoffentlich vom Abschluss meiner Promotion. Wünscht mir Glück!

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