Abschlussphase im Corona Lockdown

Als die öffentlichen Einrichtungen in Amsterdam schlossen und Social Distancing begann, veränderte sich in meinem Leben nicht sonderlich viel. Seit einigen Monaten war es für mich bereits der Normalzustand, Tage und Abende allein zu Hause zu verbringen und zu schreiben. Ei paar Mal wöchentlich ging ich noch ans ASCoR, für etwas Abwechslung im Arbeitsumfeld, für Vorträge und Meetings, aber eigentlich passierte in meinem Leben nicht mehr sehr viel neben der Arbeit an der Dissertation. Nur der Blick aus dem Fenster verriet mir gelegentlich, dass ich in einer der schönsten Städte dieser Welt wohne.

Das klingt trist, aber es entstand eine gewisse Akzeptanz der Situation. Fast immer war es regnerisch oder stürmisch in Amsterdam und mein Stipendiatseinkommen reichte eh nur für die Miete. Zu Hause hatte ich das Privileg, bekocht zu werden und mich dann zu entscheiden, ob ich mich nochmal an die Arbeit setzen wollte oder auf die Couch. Netflixen. Es gab nicht viel zu verpassen. Schon seit einer Weile kleidete ich mich täglich nur noch wie der Dude. Ich hatte mir meinen eigenen Tagesrhytmus in meiner eigenen Quarantäne geschaffen, in welchem ich am effektivsten arbeitete und ich wollte auch nur noch eines: Fertig werden. Die Frage „How are you?“ beantwortete ich meistens mit „I have good and bad days“, abhängig davon, wie gut ich an diesem Tag voran gekommen war. Manchmal dachte ich, dass ich es niemals rechtzeitig schaffen würde. Und manchmal hatte ich das Gefühl, eigentlich schon fertig zu sein.

Die Abschlussphase der Dissertation ist dem Leben in Zeiten von Corona Lockdown also nicht ganz unähnlich. Für mich hat sich in den letzten Wochen trotzdem etwas verändert. Ich fühle mich seit einer Weile nicht mehr, als würde die Zeit niemals reichen. Ich fühle mich immer wie fast fertig. Der Text ist da. Das-kann-jetzt-gut-genug-Sein. Ihr wisst ja, besser geht immer und fertig ist man eigentlich nie, aber ich nehme wahr, dass es genug sein kann. Diese Wahrnehmung ein anhaltendes Hochgefühl.

Noch greifbarer wird der Gedanke dadurch, dass ich organisatorische Angelegenheiten angehe. Telefonate mit dem Promotionsbüro in Braunschweig, um Abgabebedingungen zu erfragen, Telefonate mit dem Deutschen Konsulat und der Gemeente in Amsterdam, um in Corona-Zeiten einen Identitätscheck für das polizeiliche Prüfungszeugnis zu erhalten (leider ein erfolgloses Unterfangen soweit), Recherche über Online-Druckanbieter, Veröffentlichungsmodalitäten und Förderungsmöglichkeiten der Veröffentlichung.

Noch vor einem Jahr dachte ich, dass es niemals etwas werden kann. Und heute? Etwas Arbeit liegt noch viel mir: Redigieren, Daten aufbereiten und Layout, aber da wird gerade etwas mehr als greifbar, was ich meine Dissertation nennen kann.