Emotionen in digitaler Kommunikation erkennen – Vorstellung einer Bachelorarbeit

In meiner Dissertation frage ich mich, wie Emotionen in Nutzer*innenkommentaren interpretiert werden und wie sie wiederum auf die Emotionen der Lesenden wirken. Christina Wicke studierte bis vor Kurzem den Bachelor Medienwissenschaften an der HBK und TU Braunschweig und hat im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Bachelorarbeit erforscht, wie Emotionen in Kommentaren interpretiert werden – und zwar in Abhängigkeit ihrer Darstellungsform. Die Arbeit war absolut lesenswert und das Ergebnis aufschlussreich. An dieser Stelle habe ich Christina gefragt, ob sie Lust hätte, ein kurzes Interview mit mir über ihre Studie und die ersten Erfahrungen im eigenständigen wissenschaftlichen Arbeiten zu führen. Sie hat zugestimmt, weshalb hier nun das erste Mal ein Interview auf meinem Blog erscheint.

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Christina, ich freue mich, dass wir dieses Gespräch hier führen! Könntest du zur Einführung kurz erklären, womit du dich in deiner Bachelorarbeit beschäftigt hast?

In meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit Emotionen in Online-Kommunikation beschäftigt. Genauer gesagt mit den unterschiedlichen Darstellungsmöglichkeiten, die bei Online-Kommunikation genutzt werden können (ganz konkret mit Textdarstellung, Emojis und Gifs) und inwiefern dadurch Emotionen unterschiedlich wahrgenommen werden. Diese Themensetzung kam zustande, weil ich in meinem persönlichen Umfeld oft Missverständnisse, die im Hinblick auf Online-Kommunikation und Emotionen entstanden, beobachten konnte und mich die Frage beschäftigt hat, in welcher Form Emotionen wohl am besten übermittelt werden können bzw. bei welcher Form es zu den wenigsten Missverständnissen kommt.  

Man kann sich schon mal fragen, aus welchem Gefühl heraus jemand den lachenden WhatsApp-Smiley mit den Punkt- statt den Strichaugen geschickt hat. Wie bist du an deine Fragestellung herangegangen?

Zunächst musste ich klären, wie man Emotionen überhaupt definieren kann. Von der im Alltag gebräuchlichen Definition (Jeder weiß doch was Emotionen sind!) bis dahin war es ein großer Schritt. Nach vielen unterschiedlichen Emotionsmodellen, die mir begegnet sind, habe ich mich am Ende entschieden, meine Arbeit auf die Grund- bzw. Basisemotionen zu beziehen. Auch da sind sich die Experten nicht ganz einig, welche Emotionen zu den Grundemotionen zu zählen sind und welche nicht. Deswegen habe ich die Arbeiten von Paul Ekman und Caroll Izard als Grundlage genommen und daraus eine Schnittmenge gebildet, mit der ich dann weitergearbeitet habe. Daraus ergaben sich schließlich die Emotionen Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst und Ekel. Um den Umfang der Arbeit sogar noch weiter zu reduzieren habe ich mich in der Auswertung später nur auf die Emotionen Freude, Ärger und Traurigkeit bezogen, weil mir diese für die Online-Kommunikation am wichtigsten erschienen.

In meinen Hypothesen hatte ich die Vermutung aufgestellt, dass sich die Emotionen in ihrer Wahrnehmungsintensität unterscheiden, also Ärger beispielsweise sehr viel schneller und deutlicher wahrgenommen wird als andere Emotionen. Diese Vermutung lässt sich anhand von Russels Circumplexmodell erklären. Er ordnet jeder Emotion einen bestimmten Grad an Aktiviertheit und Valenz zu. Die Aktiviertheit einer Emotion macht dabei dann zum Beispiel den Unterschied zwischen „Ich bin begeistert“ und „Ich bin zufrieden“. Die Valenz ordnet die Emotionen zusätzlich in „gute“ und „schlechte“ Emotionen ein. In meinem Fragebogen habe ich die Teilnehmenden deswegen beurteilen lassen, wie intensiv sie die Emotion ihrer Meinung nach wahrgenommen haben.

Natürlich musste ich aber nicht nur die Emotionen definieren, sondern auch die Möglichkeiten, sie darzustellen. Auch da gibt es deutlich mehr, als die drei Formen, für die ich mich am Ende entschieden habe. Ich habe mir Darstellungen rausgesucht, die sich aufgrund der Anzahl der angesprochenen Kanäle in ihrer „Medienreichhaltigkeit“ unterscheiden. Bei Textnachrichten können die Emotionen zum Beispiel nur über das geschriebene Wort kommuniziert werden, bei Emojis kommt dann das Bild dazu und bei GIFs bewegt sich das Bild noch zusätzlich. Es werden also mehr Wahrnehmungskanäle angesprochen.

Um die Frage zu beantworten, hast du empirisch gearbeitet und eine quantitative Befragung durchgeführt. Was genau hast du gemacht?

Ich habe einen Fragebogen entwickelt, an dem letztendlich 122 Proband*innen (auswertbar) teilgenommen haben. Für den Fragebogen habe ich unterschiedliche Beispiele entwickelt und die Teilnehmenden dann befragt, welche Emotionen sie wahrgenommen haben und wie intensiv. Ich versuche das mal zu erklären: Ich habe eine Emotion angenommen, zum Beispiel Ärger. Dann habe ich mit dieser Emotion mehrere Beispiele gebildet: eins ganz ohne Darstellung (also nur Text), eins mit Emoji, eins mit GIF und dann noch gemischte Beispiele. Die Proband*innen haben sich dann die Beispiele (die am Ende dann aussahen wie Facebook-Kommentare) angeschaut und angegeben, welche Emotionen sie erkannt haben und wie intensiv. 

Mich persönlich hat es angesprochen, dass du den Proband*innen mehrere Kommentare bzw. Fälle präsentiert hast. Das schafft viele Auswertungsmöglichkeiten. Worauf hast du dich bei der Auswertung konzentriert und was konntest du herausfinden?

In meiner Arbeit konnte ich zeigen, dass es Unterschiede in der Wahrnehmung medial vermittelter Emotionen gibt. Grundlegend wurden Emotionen unabhängig von der Darstellungsform unterschiedlich stark wahrgenommen. Ärger wurde intensiver wahrgenommen als Freude, egal, ob in Textform, Emoji oder GIF. Dieses Ergebnis konnte ich sogar signifikant nachweisen.

Trotzdem macht die Darstellungsform einen Unterschied. Bei der Verwendung eines GIFs zur Emotionsdarstellung zum Beispiel wurden die Emotionen mit höherer Intensität wahrgenommen.  

Interessant sind auch die Unterschiede zwischen den Emotionen in Verbindung mit der Darstellungsform: Wird zum Beispiel Ärger in Textform vermittelt, wird diese intensiver wahrgenommen als wenn Traurigkeit und Freude „nur“ geschrieben ausgedrückt werden. Die Intensität der wahrgenommenen Emotion unterscheidet sich auch in Abhängigkeit der Darstellungsform. So stellte sich beispielsweise heraus, dass bei mehrfacher Nutzung unterschiedlicher Darstellungsmöglichkeiten die dargestellte Emotion am intensivsten wahrgenommen wurde, jedoch auch die mehrfache Verwendung der gleichen Darstellungsform zur Steigerung der Intensitätswahrnehmung beitrug. Das bedeutet, drei wütende Emojis werden ähnlich intensiv wahrgenommen wie die Kombination aus einem wütenden Wort und zwei Emojis.

Besonders wichtig ist aber, dass mehrere Darstellungsmittel stets zu einer viel intensiveren Wahrnehmung führen als einfache. Das war einer meiner stärksten Unterschiede und entspricht auch dem sogenannten Frequenztheorem, welches besagt, dass je häufiger bestimmte affektive Inhalte in einem Text auftreten, desto stärker ist auch die entsprechende Emotion.

Das waren jetzt nur ein paar meiner Ergebnisse. Mit verschiedenen Tests lässt sich einiges rechnen und herausfinden.

Danke für den Einblick! Bist du zufrieden mit den Ergebnissen? Haben sie dich beeinflusst, also reflektierst du nun dein eigenes Verhalten anders oder siehst du die Dinge anders?

Emotionen sind ein sehr schwieriges Thema – sie sind bei jedem unterschiedlich und nicht immer gleich ausgeprägt. Was der eine vielleicht als Wut bezeichnet, findet der Andere noch gar nicht so schlimm. Dementsprechend gibt es auch unterschiedliche Wahrnehmungen von Emotionen und auch diese objektiv zu bezeichnen ist nicht leicht. Das ist mir durch meine Arbeit noch einmal in aller Deutlichkeit klargeworden.

Tatsächlich schicke ich mittlerweile lieber Sprachnachrichten, wenn mir wirklich wichtig ist, dass mein Gegenüber meinen Tonfall hört. Das kann schonmal viele Missverständnisse aus dem Weg räumen. Allgemein versuche ich auch, bei wichtigen Dingen weniger über WhatsApp oder ähnliche Dienste zu kommunizieren, sondern sich lieber für ein persönliches Gespräch zu treffen. Man kann schon sagen, dass ich mit meinen Ergebnissen zufrieden bin. Sie haben mir deutlich gezeigt, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können.

Wissenschaftliche Ergebnisse können nur sehr selten oder nie einen weltlichen Aspekt in Gänze erklären, vor allem nicht, wenn Menschen der Untersuchungsgegenstand sind. Wie eine Studie letztendlich ausfällt hängt von vielen Entscheidungen ab, die in einem Forschungsprozess getroffen werden: Für welche Emotionstheorien entscheide ich mich? Wie designe ich die Beispiele und welche Antwortmöglichkeiten gebe ich den Teilnehmenden vor? Wie hast du diese Erfahrung wahrgenommen bzw. wie zufrieden bist du mit den Ergebnissen als Wissenschafts-Output?

Wieder lande ich bei dieser Frage bei der Komplexität und vor allen Dingen auch der hohen Subjektivität von Emotionen. Ein Aspekt, der mir vor der Arbeit zwar bewusst war, nicht aber unbedingt dessen große Bedeutung für die Auswertung meiner wissenschaftlichen Daten. Wenn ich die Bachelorarbeit noch einmal schreiben würde, würde ich damit wohl ein bisschen anders umgehen.

Falls dich das beruhigt (oder verängstigt): Das Gefühl, dass man etwas hätte anders machen können, das legt sich auch dann nicht in der Forschung, wenn es das hundertste Projekt ist. Die Bachelorarbeit ist in der Regel aber das erste größere, eigene wissenschaftliche Projekt. Wie war das für dich?

Die Bachelorarbeit ist natürlich sehr viel umfangreicher, als alle Hausarbeiten, die ich vorher geschrieben hatte. Aber gerade das hat mir am meisten Spaß gemacht. Das Thema Emotionen war zum Start der Arbeit noch ziemliches Neuland für mich. Während der ersten Wochen habe ich deswegen unglaublich viel Literatur dazu gelesen, wahrscheinlich viel mehr als unbedingt notwendig gewesen wäre. Aber das war nicht so schlimm, weil es mir Spaß gemacht hat. Ich hatte mir das Thema ja selbst ausgesucht, und ich wusste, worauf meine Arbeit am Ende hinauslaufen soll. Das war wohl der größte Unterschied zu den Hausarbeiten, die ich vorher geschrieben hatte. Die Bachelorarbeit erlaubt einfach einen viel tieferen Einblick in ein Thema.

Eine besondere Motivation war für mich aber auch das empirische Arbeiten. Zu wissen, dass hinter den abstrakten Datensätzen Menschen stecken, die sich die Zeit genommen haben, an meiner Studie teilzunehmen, weil sie (im besten Fall) genauso interessiert am Ergebnis sind wie ich, war ziemlich cool.  

Gibt es Erfahrungen, aus denen du für dich auch für Arbeiten außerhalb der Wissenschaft etwas mitnehmen konntest?

Während des Schreibprozesses habe ich mich oft in Kleinigkeiten verrannt. Egal, ob es die zwanzigste Umformulierung eines Satzes war, oder der Aufbau des Fragebogens, der sich nicht so umsetzten ließ, wie ich es gern wollte. Insgesamt hat mir das wohl eine Menge Zeit gekostet – und meinen Sommerurlaub. Trotzdem hatte ich oft keine Ruhe, bis ich die Sätze doch auch noch ein einundzwanzigstes Mal umformuliert hatte. Bis ein Freund nach einem langen Tag in der Bib zu mir gesagt hat: „Es weiß doch niemand wie deine erste Version war und auch nicht deine zweite – am Inhalt des Satzes hast du doch nichts geändert.“ Und er hatte Recht. Das hat mir – wenn man so sagen will- ein bisschen die Augen geöffnet und hilft mir auch jetzt in meinem Job extrem weiter, die Dinge manchmal einfach entspannter anzugehen.

Was machst du denn jetzt beruflich?

Ich mache gerade mein Volontariat bei einem Radiosender. Das heißt, ich recherchiere und schreibe viel, und auch da geht es oft um Formulierungen…😉

Und kannst du dir vorstellen, wieder wissenschaftlich aktiv zu werden, zum Beispiel, doch noch ein Masterstudium zu machen oder sogar eine universitäre Karriere einzuschlagen?

Auf jeden Fall! Mir begegnen jeden Tag so viele spannende Themen, die ich gerne erforschen würde. Ich denke ein Masterstudium werde ich auf jeden Fall noch machen.


Christina Wicke (23) ist Volontariatin bei Radio 38. Zuvor
studierte sie von 2014 bis 2018 Medienwissenschaften in 
Braunschweig und San Diego

Ich bedanke mich bei Christina für das Gespräch und denke, dass es für Lesende außerhalb der KW oft leichter nachvollziehbar sein kann, wie das Forschen funktioniert, wenn jemand seinen Eindruck schildert, der die Abläufe nicht für selbstverständlich hält. Deshalb hoffe ich, das Lesen hat Spaß gemacht und verabschiede mich erstmal.

Tschö mit Ö!

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