Eine Stadt ohne Medien, ein Fitnesstrainer auf Instagram und irgendwas mit Sushi: Bericht aus unserem Lehrprojekt “Neu gedacht”

Vor etwa einem Jahr habe ich bereits über unser Projekt im Innovationsprogramm für Gute Lehre berichtet. Gefördert und unterstützt von dem durch BMBF ins Leben gerufene Projekt teach4TU habe ich zusammen mit einer Kollegin und einem Team aus tollen Hiwis mediale „Gedankenexperimente“ (so haben wir es genannt) entwickelt. Das Ziel: Lerninhalte des Theorienseminars zur Kommunikationswissenschaft an der TU Braunschweig so vermitteln, dass die Studis intrinsisch Lust bekommen, sich damit auseinanderzusetzen und gleichzeitig noch die Sinnhaftigkeit von KMW-Theorien und auch Theorien in der Wissenschaft ganz allgemein besser verstehen. Ich bin Idealist.

Mit Ende des Semesters endet nun auch unser Projekt. Einige Videos und Ideen dahinter möchte ich gern vorstellen. In Gänze kann ich die Experimente leider nicht erklären: Wir wollen sie auch in den kommenden Semestern anwenden und sie funktionieren nicht, wenn man sie schon im Internet gefunden hat. Trotzdem möchte ich ein kleines Wrap-Up versuchen und Erfahrungen festhalten.

Was haben wir gemacht?

Um Theorien und Modelle aus der KMW besser zu vermitteln, haben wir uns insgesamt fünf kleinere Projekte ausgedacht, die die Studis zum Nachdenken und Reflektieren anregen sollten. Diese Projekte beziehen sich stets auf konkrete Theorien, wurden mit einer Ausnahme mit medialen Input begleitet und waren mit Aufgaben an die Studis verbunden. Der Ablauf war immer recht ähnlich: Zum Abschluss der zweiwöchigen Vorlesung des Moduls wurde ein Input (meistens in Form eines Videos) gegeben und eine aufbauende Denk- oder Beobachtungsaufgabe für die kommenden Tage formuliert. Im anschließenden Seminar wurde darüber gesprochen oder etwas aufgelöst. Die Studis haben Denkaufgaben bekommen, waren aber auch teilweise selbst Versuchspersonen, indem sie Umfragen ausfüllten, Beobachtungen auf Social Media sammelten oder ihr eigenes Mediennutzungsverhalten bewusst veränderten. All diese Dinge waren nicht mit Creditpoints oder anderen Belohnungen verbunden: Das war die Besonderheit am Projekt und entstand aus meiner persönlichen Überzeugung, dass Desinteresse ein strukturelles Problem ist und Spaß das beste Gegenmittel. Ich bin Idealist.

Wie haben wir das gemacht?

Das Vorgehen zur Entwicklung der Projekte begann damit, sich entlang des Semesterplans für eine oder mehrere Theorien zu entscheiden, welche durch ein Gedankenexperiment besser vermittelt werden sollte. Der Vorlesungsplan ist nach der Lasswell-Formel ausgerichtet und entsprechend haben wir versucht, Experimente zu verschiedenen Forschungsbereichen nach Lasswell’scher Art zu entwickeln.  


Wenn wir uns für eine Theorie entschieden haben, dann haben wir uns als Team an die Konzeption gesetzt: Welche Aspekte waren uns besonders wichtig zu vermitteln? Wie schaffen wir es, dass eine Theorie aufmerksam durchdacht und kritisch hinterfragt wird? Wie schaffen wir einen AHA-Effekt?

Unser Konzept:

  • Schritt 1: Input schaffen,
  • Schritt 2: Studis dazu bewegen, über den Input nachzudenken.

Der Input sollte die Grundlage für eine Fragestellung sein, aber auch interessant genug gestaltet, um Aufmerksamkeit zu wecken. Also haben wir keinen Text von Luhmann vorgelesen. Wir dachten uns, besser mehrere Sinne ansprechen und am allerbesten den Unsinn (das dachte ich mir). Nach langen Diskussionen haben wir uns meistens für Augen und Ohren entschieden. Kurzm: Wir haben Videos gemacht. Echte Videoaufnahmen, Einblendungen aus dem Internet begleitet von einer Sprechstimme und Legetechnik waren unsere Formate. Nachdenken wollten wir spielerisch (weshalb wir u. a. ein Quiz erstellt haben) und am eigenen Leib (weshalb wir mit den Studierenden als Proband*innen und Beobachter*innen gearbeitet haben) auslösen.

Das Ergebnis

Nun gibt es für euch die angekündigten Ausschnitte und kurze Erklärungen zu drei unserer fünf Experimente.

1 – Marie in No-Media

Plot: Marie zieht an einen Ort, an dem es keine klassischen Massenmedien und keine Smartphones gibt. Sie durchlebt ihren Alltag ganz neu. Anhand ihrer Geschichte sollen die Funktionen von traditionellen Massenmedien quizartig in den verschiendenen Szenen identifiziert, wiederholt, reflektiert und hinterfragt werden.

2 – #FitKing: Trainer*innen auf Instagram

In den Seminaren (Wir bieten drei inhaltsgleiche Seminare für die bis zu 90 Studierenden an) haben wir den Studierenden unterschiedlich geframte Beiträge zum Thema Fitnesstrainer*innen auf Instagram gezeigt, im Anschluss mit einem kurzen Fragebogen nach Meinungen zum Thema gefragt und die Ergebnisse zwischen den Seminaren verglichen.

3 – Verstehen wir uns?

Den Studierenden wird in einem Video ein Chat zwischen zwei Fremden gezeigt. Die Unterhaltung ist durch gravierende Missverständnisse geprägt, an denen auch die Studis teilhaben, indem sie zwischendurch Fragen über die Chattenden beantworten sollen. Das Experiment soll zeigen, wie schwierig es eigentlich ist, sich über reduzierte Kommunikationskanäle und ohne sozialer Kontexthinweise auszutauschen.

Noch eine unverwirklichte Idee

Unsichtbar bei so einem Projekt bleiben immer die Ideen, für die sich letztendlich nicht entschieden wurde. Das sind sehr viele. Eine mochte ich besonders: Die Idee von der Fake-Theorie. Gerade zu Beginn des Semesters war das Thema Fake News noch brandheißer als jetzt und wir haben uns überlegt, in der ersten Vorlesung glaubhaft von einer Studie zu berichten, die es gar nicht gibt. Unsere Hiwine hat daraufhin die Kartoffelkäfer-Theorie entwickelt: Nach einer Laborstudie mit schriftlicher Befragung, durchgeführt von den Kommunikationswissenschaftlern Moore und Hill, würden Personen unterschiedlichen Alters Falschmeldungen unterschiedlich gut erkennen. Personen, die in den 1950er Jahren geboren wurden, fallen auf besondere Weise auf, da sie seltener dazu neigen würden, Fake-News zu glauben. Die erklärende Ursache: Sie haben bereits Erfahrungen damit in der Kindheit gesammelt, da sie mit Eltern aufgewachsen sind, die Opfer einer Zeitungsente wurden: dem Kartoffel- bzw. Amikäfer. Den gab es wirklich. Sehr glaubhaft alles.

Aufgelöst werden sollte das dann erst zu einem späteren Zeitpunkt: Frühestens im anschließendem Seminar; oder noch später. Doof nur, wenn die Studis dann gerade nicht da sind und für immer im Glauben darüber bleiben, dass die Theorie stimmt.

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Fazit – Sind nun alle intrinsisch motiviert und haben Bologna überwunden?

Ja klar, was denkt ihr denn?*

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* Wir haben evaluiert, aber zum Auswerten bin ich noch nicht gekommen.

Das war’s erstmal! Bis zum nächsten Mal!

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