Auf der Suche nach der Kontinuität von Begriffen, Technologien und Forschungsmethoden statt dem ständigen Ausrufen und Feststellen von Innovation und Revolution

Nun macht es vielleicht den Anschein, PhDLog wäre zu einer Art Tagungsblog geworden: Neeeiiin, nicht! Wirklich! Die Auszeit zwischen den Jahren, ein längerer grippaler Infekt und gegebenenfalls anstehende inhaltliche Änderungen (über die ich so bald wie möglich berichte, wenn „es klappt“) machen sich nur als Stille auf dem Blog bemerkbar. Also melde ich mich mit einem kleinen Bericht aus der gemeinsamen Jahrestagung der Fachgruppen „Digitale Kommunikation“ und „Kommunikationsgeschichte“, die vom 16. bis 18. Januar 2019 in Bremen stattfand. Die Ausrichtungen der Fachgruppen vermitteln direkt eine inhaltliche Schere zwischen digital als neuartig, als ein sich im aktuell schnellen Wandel befindender Technologiebegriff und der Geschichte, ein in die Vergangenheit gerichteter Blickwinkel, welcher Erklärungen im historischen Ursprung sucht. Doch tatsächlich war das weniger Tenor der Tagung. Eher standen Verknüpfungen zwischen den scheinbaren Gegensätzen im Fokus: Wie kann sich mediale Geschichtswissenschaft zum Beispiel digitale Methoden nutzbar machen; einerseits um Vergangenes zu untersuchen (Dokumente digitalisieren und quantitative Analysetechniken realisieren), aber auch um unser „Jetzt“ so festzuhalten, dass es später eine gute Datengrundlage geben wird, wenn wir untersucht werden? Was müssen wir JETZT festhalten von den unfassbaren Informationensmengen, die durch digitale Medien ihre Flüchtigkeit verlieren und später Erklärungen liefern könnten? Dies ist ein Tagungsgedanke, der für mich neu und spannend war und direkt zu Beginn der Tagung in der Keynote von Anat Ben-David geweckt wurde.

Das Ohnmachtsgefühl bei der Betrachtung der MÖGLICHKEITEN digitaler Forschungsdaten

Scheinbar alles können wir digital speichern und festhalten. Gespräche, Artikel, Websites, interne und externe Kommunikation, privat und öffentlich. Wow – Was sind das für unvergleichliche Bedingungen und Potenziale, um menschliche Entwicklungen festzuhalten und zu untersuchen. Das Internet merkt sich ALLES.

Oder? Vielleicht nicht. Daten online ändern sich: Dinge werden tatsächlich gelöscht, Websites verändern sich (wie stark sieht man hier web.timemachine). Nicht alles wird gespeichert. Was wir allerdings kaum wahrnehmen und nicht wissen ist, wann und warum etwas gelöscht wird – das wäre aber wohl besonders spannend. Geschichte kann nicht fehlerfrei konstruiert werden.

Das konnte sie noch nie, aber in digitale Kommunikationsspeicherung werden entsprechende Hoffnungen gesetzt. Was kann von digitalen Daten verlangt werden, wie genau durch sie heute und später Vergangenheit und Entwicklung nachvollzogen und erklärt werden können? Dass digitale Daten produziert werden geht nicht mit zwangsläufig damit einher, dass sie gespeichert werden, dass sie zugänglich oder auffindbar sind; oder, dass sie im richtigen Kontext erscheinen.

Wer entscheidend aufgrund welcher Kriterien was und wie gespeichert wird, woran man sich erinnern soll? Verantwortlichkeiten fallen in staatliche und private Unternehmen, bedingen Fragen des Rechts und der Ethik und die oft als gegeben vorausgesetzten technischen Auswertungsmöglichkeiten im Umgang mit den Daten sind nicht selbstverständlich. „Data Deluge“ ist der Begriff der beschreibt, dass Historiker*innen einer „ Flut von potentiell relevanten und frei verfügbaren Daten“ technisch, aber auch interpretativ gegenüberstehen. Wenn man denn an sie herankommt: Jakob Jünger hat mit seiner Präsentation der Geschichte der APIs greifbar gemacht, dass Aushandlungsprozesse über Zugriffsrechten auf Daten zwischen Unternehmen, die über Daten verfügen, und Wissenschaft, die die Daten verwenden könnten, notwendig sind – und der/die Wissenschaftler*in eine Rolle als wohl privilegierter Partner spielen kann.

Für mich sind diese Fragen gerade im geschichtlichen Kontext eher neu und haben ein Gefühl der Ohnmacht ausgelöst: So viele Daten, so viel Erklärungspotenzial, soviele Machtgefüge und Manipulationsmöglichkeiten. Gern würden wir weltweite Zusammenhänge mit digitalen Daten erklären können; aber letztendlich ist dies doch nicht möglich.

Kontinuität vs. Revolution

Eine weiteren Tenor der Tagung war für mich die Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern wir uns davon abwenden sollten zu untersuchen, was sich verändert, sondern den Fokus stark machen müssen darauf, was bleibt. „Die alten Dinge verschwinden nicht, sie kommen nur im neuen Gewand wieder“ meint Holger Lund (aka DJ Jaywalk) nach seiner Präsentation zur Rückkehr analoger Schallplattentechnik. Viel ändert sich in unserer Gesellschaft. Gerade durch digitale Kommunikation wird ständig ein „neuerlicher Strukturwandel“ diskutiert, so Michael Wild. Die Wissenschaft versucht, Wandel zu beschreiben und zu erklären, verfängt sich dadurch in überschwängliche Prognosen und eine Müdigkeit darum weckt die Frage, ob die Untersuchung von Kontinuität nicht vielversprechender sein könnte als die nach den Umbrüchen. Was ist eigentlich gleich geblieben und könnte es nicht sogar sein, dass das mehr ist als das, was sich verändert hat?

Diese Frage wurde sich auf der Tagung sowohl hinsichtlich Öffentlichkeit gestellt, hinsichtlich Begriffe rund um das Internet, die sich ständig ändern und versuchen, bestehendes mit neuen Titeln besser zu beschreiben, aber ebenso im Gegenstand der Kommunikationswissenschaft: Was ist denn nun unser Kernuntersuchungsgegenstand (immer und immer hadern wir darum)? Christian Pentzold zeigt auf, wie der Internetbegriff sich weiterentwickelt und seine „öffentliche“ Bedeutung sich über die Zeit verändert hat. Internet, Web, Web 2.0, Social Media, Online, und so weiter und so fort. Immer was Neues, was gerade IN ist.

Klar: Jeder Begriff entwickelt sich, um in seiner Definition Schwerpunkte zu setzen. Aber was könnte es für die Wissenschaft bedeuten, wenn wir versuchen würden, innerhalb eines Begriffs weiterzudenken (Kontinuität) statt immer neue etablieren zu wollen (Veränderung)? Begriffe framen unsere Vorstellung vom Gegenstand und die wissenschaftliche Herangehensweise, ob wir uns mit ihm als Technik, Sozialität oder [alles möglich!] auseinandersetzen. So bezeichnet Gabriele Balbi in der zweiten Keynote das Smartphone als daughter oder son of other digital media. Das könnte eine Art Familienstammbaum von digitalen Medien implizieren. Einen Gedanke, den ich cool finde.

Ende

Von mir und meinen Forschungsschwerpunkte waren viele Themen auf der Tagung eher weit weg und durch die Kombination unserer gegensätzlich wirkenden Fachgruppen wird es sicherlich nicht nur mir so ergangen sein. Aufgrund meiner besonders vielseitigen Interessen (haha) sind es nun aber auch diese Themen, die mich besonders umtreiben. Ich setze mich natürlich so auf einer oberflächlichen Betrachtungsebene mit den Themen auseinander. Für den Blog ist das vielleicht gar nicht schlecht; und auch in Panels ist eine außenstehende Perspektive potenziell hilfreich. Noch hilfreicher ist doch aber Detailfeedback. Vielleicht kam das diesmal etwas kürzer als in internen Fachgruppentagungen.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass neben den vorgestellten Gedanken natürlich noch viele weitere Themen und Projekte präsentiert und besprochen wurden. Aber an dieser Stelle soll das erstmal genügen und ich hoffe, dass ich einigen Abwesenden und auch Externen einen kleinen Einblick in die vergangenen Tage bieten konnte.

Die nächste Digikomm-Fachgruppentagung steht erst im November an. Bis dahin wird es wohl nur noch einen einzigen weiteren Tagungsbericht von mir geben und zwar den zur Fachgruppentagung Wissenschaftskommunikation vom 06. bis 08. Februar bei uns in Braunschweig. Ich freue mich, gerade aus diesem Feld auf meinem Blog Bericht zu erstatten.

Weiterführende Lektüre

Daten in der Geschichte:

https://www.hsozkult.de/event/id/termine-36338
https://digigw.hypotheses.org/2622

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