Führen emotionale Kommentare zu emotionalen Reaktionen? Nach meiner Studie eher nicht.

Die ausgedrückte Emotionalität in einem Online-Kommentar führt nicht unbedingt zu einer emotionalen Reaktion bei Lesenden.

Das ist zumindest das vorläufige Ergebnis einer quasi-experimentellen Studie, die ich im vergangenen Jahr durchgeführt habe und über die ich in diesem Beitrag berichten möchte. Die Studie habe ich im Rahmen meiner Diss durchgeführt, aber ich bin/war zunächst nicht sicher, inwiefern ich sie wirklich einbringen möchte. Mit der Studie will ich u.a. überprüfen, ob emotionale Worte und Zeichen auch als solche interpretiert werden, und ob sie wiederum zu eigenen emotionalen Reaktionen führen. Wenn dem nicht so wäre, warum sollen emotionale Kommentare dann ein Problem darstellen?

Der Beitrag wird etwas länger, weshalb ich eine Übersicht über den Inhalt geben möchte: Zunächst möchte ich kurz darüber berichten, wie die Studie durchgeführt wurde und wie ich die interessierenden Variablen ausgedrückte und zugeschriebene Emotionen sowie emotionale Reaktionen definiere und gemessen haben. Mit zwei leitenden Fragestellungen leite ich in die Präsentation der ersten Ergebnisse ein, die mir als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen dienen können. Darauf gehe ich nach einer sehr kurzen Zusammenfassung im Fazit kurz ein. Ganz wichtig ist zum Ende auch eine Anmerkung zu den Limitationen der Studie. Ihr seht, alles ist sehr kurz. Wie presst man eine wissenschaftliche Auswertung auch sonst in ein Blogformat?

Ganz kurz: Die Studie

Die Studie lief so ab, dass in vier künstlichen Online-Gruppendiskussionen je drei bis fünf ausgewählte Teilnehmer*innen in synchron stattfindenden moderierten Chats zu vorgegebenen regional relevanten Themen diskutierten. Dadurch sollte eine Diskussion in Online-Kommentarspalten simuliert werden, die aber den Vorteil haben sollte, dass aufgekommene Emotionen im Nachhinen besser nachvollzogen werden sollten als beim Lesen von Kommentaren unter “echten Artikeln”. Außerdem konnten so Variablen wie der Grad eigene Beteiligung u. ä. erhoben werden.

In anschließenden leitfadengestützten Einzelinterviews sollten ex-post eigene Emotionen zu drei bis vier ausgewählten Diskussionskommentaren beschrieben werden, die sich hinsichtlich ihres Ausdruckes in emotionaler Valenz (positiv, negativ, neutral) und Erregung (hoch, niedrig) unterschieden (diese Differenzierung richtet sich nach dem Circumplexmodell von Russel (1980)). Die gezeigten Kommentare wurden aus der Diskussion theoretisch nach emotionalen Hinweisreizen von Harris und Paradice (2007) ausgesucht. Wenn eine Aussage einen oder mehrere Hinweise auf eine negative Emotion enthielt, z.B. aggressive Wörter oder Emojis, wurde festgelegt, dass eine sehr negative (mehrere negative Hinweisreize) oder eine negative (ein bis zwei negative Hinweisreize) Emotion ausgedrückt wurde. Durch die theoretische Auswahl gab es etwa gleich viele Kommente mit (sehr) positiv/negativ ausgedrückten Emotionen.

Innerhalb der Interviews habe ich den Studienteilnehmenden zu jedem gezeigten Diskussionsausschnitt immer folgende Fragen gestellt:

  • Was unterstellst du dem Verfassenden, warum er oder sie das so geschrieben hat? Glaubst du, die Person war emotional und wenn ja, inwiefern? (zugeschriebene Emotion)
  • Wenn du den Kommentar liest, löst das bei dir Emotionen aus und wenn ja, welche? (emotionale Reaktion)

Ausgedrückt, zugeschrieben, reagiert

 Mit diesen Fragen und der Zielstellung des Projektes ziele ich auf drei Formen von Emotionen in Online-Kommentaren ab: ausgedrückt, zugeschrieben und reagiert. Ausgedrückte Emotionen sind solche, die emotionalen Hinweisreize enthalten, wie u.a. emotional aufgeladene Wörter und Wortgruppen sowie Zeichen und Symbole (Emoticons, Satzzeichen, o.ä.). Ob ein Kommentar auch als emotional interpretiert wird bzw. Emotionen zugeschrieben werden bedeutet, ob der Lesende glaubt, dass der Kommentierende mit dem Kommentar seinen eigenen Emotionen Ausdruck verleiht. Die emotionale Reaktion ist letztendlich, ob der Lesende durch den Kommentar selbst eine Emotion (subjektiv) gefühlt hat. Da ich nichts mehr mag als Übersichten, gibt es hier eine dazu:

Die Auswertung erfolgte anhand der Interviews. Ich habe die Antworten auf die Fragen zu präsentierten Diskussionsauschnitten anhand eines Codebuchs codiert und als Fälle behandelt, wodurch ich eine Fallzahl von 78 Fällen habe, in denen Emotionen ausgedrückt und zugeschrieben sowie emotional darauf reagiert wurde. Die Abstufung der codierten Variablen zugeschrieben und reagiert erfolgt hier nur anhand der Valenz (positiv und negativ). Diskrete Antworten (also, wo konkrete Emotionen genannt werden, wie wütend, glücklich, o.ä. wurden) gibt es auch, habe ich aber noch nicht ausgewertet.

Kurzum stelle ich mir dafür folgende allgemeine Fragen :

Inwiefern führen ausgedrückte und zugeschriebene Emotionen in Online-Kommentaren zu emotionalen Reaktionen bei Lesenden?

Und in welchem Zusammenhang stehen in Worten ausgedrückte und dem Verfassenden zugeschriebene Emotionen überhaupt?

Ergebnisse

Nun, die Studie ist explorativ und qualitativ, das bedeutet: Alle Ergebnisse geben nur eine Idee dessen, wie es sein könnte und bedürfen unbedingt einer größeren Stichprobe. Trotzdem geben sie interessante Hinweise.

Ergebnis 1: Ausgedrückte Emotion =/ Zugeschriebene Emotion

Erstes, sehr interessantes Ergebnis: Emotionale Hinweisreize in Kommentaren werden nicht unbedingt auch so interpretiert. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Nutzung positiv emotionaler Wörter nicht unbedingt für den Lesenden bedeutet, dass der Verfassende einen Kommentar auch aus einer positiven Emotion heraus geschrieben hat. Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen ausgedrückten und zugeschrieben Emotionen (p<.10, n=78). Die Kreuztabelle zeigt, dass Kommentaren häufiger negative als positive Emotionen zugeschrieben werden – egal, ob sie wirklich positiv oder negativ sind. Weiterhin zeigt die Tabelle, dass trotz emotionaler Hinweiswörter häufig keine Emotionen mit Kommentaren verbunden werden.

Ergebnis 2: Ausgedrückte Emotion =/ Emotionale Reaktion

Ausgedrückte Emotionen werden nicht nur nicht als solche interpretiert, sie führen auch nicht unbedingt zu einer emotionalen Reaktion, die der ausgedrückten Emotion entspricht. Wenn ihr mich fragt, erscheint mir das als logische Konsequenz: Wenn ich einen Hamster süß finde, aber glaube, es sei ein Meerschweinchen, dann kaufe ich mir ein Meerschweinchen und keinen Hamster – obwohl es der Hamster ist, den ich süß finde. Wisst ihr was ich meine? Vermutlich nicht.

Ergebnis 3: Zugeschriebene Emotion = Emotionale Reaktion (!)

Zugeschriebene Emotionen sind wie Meerschweinchen. Ich stelle zwei Dinge fest: (1) Es wurde signifikant häufiger emotional auf einen Diskussionsausschnitt reagiert, wenn Emotionen zugeschrieben wurden (Chi²=39,040, p<.00, n=77) und die Valenz der emotionalen Reaktionen entsprach auch signifikant der der zugeschriebenen Reaktionen, wie diese Tabelle zeigt:

Interessant ist aber auch hier, dass in 20 Fällen einer negativ zugeschriebenen Emotion gar nicht emotional darauf reagiert wurde. Auf positiv zugeschriebene Reaktionen hingegen seltener keine Emotion und gar keine negativen Reaktionen erfolgt sind. Leider ist die Fallzahl sehr klein, da recht selten positive Emotionen zugeschrieben wurden.

Zusammenfassung

Insgesamt stelle ich mit den quantitativen Auswertungen der dennoch qualitativen quasi-experimentellen Studie also fest, dass der theoretisch festgelegte emotionale Ausdruck eines Kommentars nicht auch dem entspricht, wie Lesende ihn wahrnehmen. Wenn eine emotionale Reaktion stattfindet, geht diese jedoch hinsichtlich der Valenz einher mit der zugeschriebenen, nicht aber mit der ausgedrückten Emotion.

Was bedeuten diese Ergebnisse? Interpretation ist der wohl wichtigste Part im Umgang mit Daten. Und auch hier werde ich nur ganz kurz darauf eingehen – vor allem deshalb, weil ich noch nicht soweit bin.

Zunächst behaupte ich, dass emotionale Kommentare vielleicht gar nicht so gefährlich sind, wie es häufiger medial thematisiert wird. Wichtiger ist, dass es zugeschriebene Emotionen sind, die wiederum zu Emotionen führen – und diese nicht unbedingt im Zusammenhang mit dem Ausdruck stehen. Vielleicht ist das Ergebnis aber auch gar nicht so interessant, sondern völlig klar: Emotionen sind sozial konstruiert – Wörter und Satzzeichen genügen nicht, um einen emotionalen Ausdruck zu messen. Der Kontext des Geschriebenen zählt: Wie steht es im Verhältnis zum Artikelbeitrag oder zu anderen Kommentaren?

Ein interessantes Ergebnis ist hier nicht nur, welche emotionalen Reaktionen erfolgen, sondern auch, wann Reaktionen nicht emotional sind. Der Anteil ist recht hoch und kann Aufschluss darüber geben, wie Kommentarrezeption passiert.

Fazit

Ich persönlich finde meine Ergebnisse SEHR interessant, was allerdings wesentlich ist und was ich nicht weiß, ist, weshalb Lesende Kommentierenden bei einigen Kommentaren eine gewisse Emotionalität zuschreiben bzw. warum nicht. Es ist bedeutend und notwendig, Faktoren zu identifizieren, die einen Einfluss darauf haben, wie Menschen Kommentare lesen. Faktoren können u.a. intrapersonaler, interpersonaler oder situativer Natur sein. 

Es eröffnet sich als Ergebnis der Auswertungen also eine anschließende Fragestellung, die mehr im Mittelpunkt meiner Untersuchungen steht:

Unter welchen Bedingungen führen emotionale Kommentare dazu, dass ihnen (welche) Emotionen zugeschrieben werden und zu welchen (nicht-)emotionalen Reaktionen führt das?

Vielleicht ist es hierfür interessant, sich die im letzten Artikel beschriebenen emotionalen Prozesse heranzuziehen. Führen diese dazu, dass Emotionen zugeschrieben werden und/oder emotional reagiert wird?

Limitationen

Dazu möchte ich an dieser Stelle nicht viel sagen, sondern an späterer Stellen einen Extrabeitrag dazu verfassen. In dieser Studie, und in der Wissenschaft ganz allgemein, sind Ergebnisse aufgrund einer Vielzahl von Bedingungen (in meiner Studie u. a. durch die Konstruktion des Quasi-Experimentes, die Art und Weise der Fragestellungen in den Interviews, die Teilnehmendenanzahl und das Auswertungsverfahren) in ihrer Aussagekraft limitiert. Keine Studie (zumindest nicht in meinem wissenschaftlichen Feld) gelingt ohne Limitationen. Wichtig ist, dass einem Forschenden die Limitationen und deren Auswirkungen auf die Studie klar sind. Auch für meine Diss kann diese Studie deshalb vor allem Ausgangsmaterial oder Ideengeber sein und kaum zu festen Wahrheitsaussagen führen.

Abschließend bedanke ich mich fürs Lesen und diesen neuen Versuch, hier etwas umfangreicher in einem eher klassischen wissenschaftlichen Aufbau zu berichten und freue mich über jedes Feedback, als Kommentar oder persönliche Mail, dass ich kriegen kann.


Literatur

Harris, R. B. & Paradice, D. (2007). An investigation of the computer-mediated communication of emotions. Journal of Applied Sciences Research (3(12)), 2081-2090.

Russell, J. A. (1980). A Circumplex Model of Affect. Journal of Personality and Social Psychology (39 (6)), 1161-1178.

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1 Kommentar

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