Induktion, Ansteckung oder Empathie?


Im letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie die Verfassenden von Online-Kommentaren wahrgenommen und eingeschätzt werden. Dies hat im Grunde nichts mit Emotionen direkt zu tun, oder? Doch. Sogar ziemlich viel. Eineseits bestehen in der direkten, zweiseitigen Kommunikation zwischen kommunikativem Verhalten und Emotionen „vielfältige Wirkungszusammenhänge und Wechselbeziehungen“ (Fiehler, 2009, S. 757) und andererseits ist das, was Kommentierende schreiben vergleichbar mit dem, was Medienfiguren in Nachrichtenbeiträgen, Dokumentationen oder Entertainmentformaten sagen und tun.

Die Annahme ist also, dass ebenso wie durch Personen in anderen Medienformaten emotionale Reaktionen bei Rezipierenden ausgelöst werden können, die eng im Zusammenhang damit stehen, wie eine Medienperson oder hier ein Kommentarverfassender wahrgenommen werden. Im Folgenden möchte ich auf die Frage eingehen, inwiefern emotionalen Prozesse im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Medienpersonen möglich sind und Überlegungen präsentieren, inwiefern diese auf Kommentarverfassende als Medienpersonen übertragbar sind.


Emotionale Prozesse im Zusammenhang mit Medienpersonen

Wenn du bei dem Film Titanic weinst, dann kann unterschiedliche Ursachen haben: Es könnte daran liegen, dass der Film dich daran erinnert, dass letzte Woche dein/e Partner/in Schluss gemacht hat (Induktion), dass Kate Winslet in ihrem Leid als reiche, junge Frau so überzeugend ist, dass du auch ohne es Nachvollziehen zu können ähnlich aufgelöst bist (Ansteckung), dass Leonardo DiCaprios Tod in dir begründete Mitleidsemotionen weckt (Empathie) oder dass du nebenbei gerade das Abendbrot vorbereitest und eine Zwiebel schneidest.

Emotionsinduktion, emotionale Ansteckung und Empathie sind emotionale Prozesse, welche durch die Wahrnehmung und Beobachtung von Emotionen bei Medienpersonen bei Rezipierenden ausgelöst werden können (Wirth, Schramm & Böcking, 2006).* Es werden Ego-Emotionen, welche in Bezug zu der eigenen Person stehen (wie bspw. induzierte Emotionen) von Mit-Emotionen/Kommotionen unterschieden, die in Bezug auf Medienpersonen auftreten (empathische Emotionen).

  • Emotionsinduktion: Eine Induktion von Emotionen bei Rezipierenden beschreibt einen ähnlichen Bewertungsablauf eines Objektes wie es in einem Medienformat gezeigt wurde: „Sobald der Rezipient von der dargestellten Situation selbst betroffen ist, besteht die Möglichkeit, dass er die abgebildete emotionale Reaktion einer Person auf sich selbst bezieht“ (Gerth, 2015, S. 81). Die dargestellte Situation wird auf die Relevanz für eigene Ziele, Werte o.Ä. beurteilt und nicht für diejenigen der abgebildeten Person.
  • Emotionale Ansteckung: Bei emotionaler Ansteckung (oder emotional contagion, was ich im Blog öfter schon erwähnt habe), werden Emotion nachgeahmt, ohne dass sie im Einzelnen nachvollzogen werden. Ansteckung erfolgt durch das Ausdrucksverhalten des Sendenden. Es werden motorische Nachahmung (nachahmende Handlung) und periphere Rückkopplung (Gefühl wird durch starken Ausdruck verstärkt) unterschieden.
  • Empathie: Im Unterschied zur Ansteckung erfolgt Kommotion durch das Nachvollziehen einer als realistisch angesehenen emotionsbegründenden Bewertung. Diese kann affektiv oder kognitiv sein: Affektiv wird dieselbe Emotion empfunden und kognitiv wird sie verstanden/rational nachvollzogen. Es erfolgt eine Perspektivübernahme. Empathie ist das Ergebnis einer moralischen Bewertung und affektiver Disposition: Je nach moralischer Bewertung des Handelns einer Medienfigur als positiv oder negativ entsprechend der Affektive Disposition-Theorie (ADT) von Zillmann (2006), erweckt ein Charakter Emotionen verbunden mit Sympathie oder Antisympathie und damit symmetrische (Mitleid, Zuneigung, Besorgnis) oder asymmetrische Emotionen (Schadenfreude, Abneigung, Feindseligkeit). Emotionsübertragung als Folge von Sympathie erfolgt besonders bei überzeugender Leistung oder realistischer Handlungsmuster, also Formen der Authentizität (Suckfüll, 2004).

Quelle: Eigene Darstellung


Emotionaler Prozesse als Reaktion auf Kommentierende

Emotionale Reaktionen passieren nicht nur bei Titanic, sondern ebenso bei Nachrichtensendungen und Dokumentationen, also bei informativen Inhalten mit realen Personen. Warum dann nicht auch bei der Rezeption von Online-Kommentaren? Ich stelle mir also die Frage:

Inwiefern könnte Emotionsinduktion, emotionale Ansteckung oder Empathie bei der Kommunikation mit Online-Kommentierenden Ursache für ausgelöste Emotionen beim Lesen von Kommentaren sein?

Grundlegend möchte ich zunächst davon ausgehen, dass Emotionen als Folge von Bewertungen von Ereignissen (Kommentar lesen/Artikel lesen) auftreten und lehne mich damit an Appraisal-Theorien an. Eine emotionale Bewertung würde demnach nicht die Ursache spezifischer Reize sein, sondern indirekt durch Bewertung dieser erfolgen. Unten gezeigte Grafik lehnt sich an Gerth (2015) an und unterscheidet das Appraisalkonzept von dem Kommotionskonzept, welches als Erweiterung des Ersteren beschrieben wird.

Quelle: Eigene Darstellung nach Gerth (2015)

 

Das Appraisalkonzept beschreibt, dass ein Objekt (hier ein Nachrichtenbeitrag/Artikel oder Kommentar) durch eine Bewertung (Appraisal) beim Lesenden (der später als Kommentierender fungieren wird) eine Emotion auslöst, welche durch einen spezifischen Ausdruck externalisiert wird.

Das Kommotionskonzept konzentriert sich auf die emotionale Auseinandersetzung mit den Inhalten des Rezipierenden, der an dieser Stelle keine aktive Rolle bekommt. Während durch das Objekt unabhängig vom Kommentierenden Emotionen induziert werden können, stehen Empathie und Ansteckung im Zusammenhang mit den Emotionen des Kommentierenden und lösen Kommotionen aus.

Für alle drei Formen gibt es aus meiner Perspektive begründete Ursachen, weshalb sie Teil der Emotionalisierung in der Kommentarkommunikation sein könnten:

  • Induktion: Die Betroffenheit eines Themas ist groß und löst Emotionen in Bezug auf die eigenen Zielsetzungen aus.
  • Ansteckung: Die Wortwahl (Ausdrucksweise) ist stark emotional und löst allein durch ihre Form Emotionen aus.
  • Empathie: Auch wenn selbst keine Betroffenheit vorherrscht und die Worte nicht überemotional sind ist ein Gefühl mit guten Argumenten beschrieben und kann mitempfunden oder zumindest rational nachvollzogen werden.

Es ergeben sich also Variablen, die bestimmen, welche emotionalen Prozesse möglicherweise bei der Rezeption emotionaler Kommentare im Zusammenhang mit Kommentierendenwahrnehmung ablaufen könnten. Wäre ein Rezipierender von einem Thema betroffen und würde eine emotionale Reaktion beim Lesen zeigen, wäre diese mit Induktion zu begründen. Bei stark emotionaler Wortwahl oder anderer Ausdrucksweise wird angenommen, dass Ansteckung die Emotionalisierungsursache ist. Empathie passiert, wenn Gefühle nachvollziehbar begründet werden bzw. eben nicht. Als Rechnungen stelle ich mir das so vor:

  • Hohe Betroffenheit + gleiche Emotion = Induktion
  • Niedrige Betroffenheit + reaktante Emotion = Induktion
  • Wortwahl + gleiche Emotion = Ansteckung
  • Hohe Argumentationsqualität + symmetrische Emotion = Sympathie
  • Niedrige Argumentationsqualität + asymmetrische Emotion = Antipathie

Quelle: Eigene Darstellung


Fazit

Als weitere Varianten sind natürlich Kombinationen aus allen Formen nicht zu ignorieren – und damit ein recht großes Chaos, z.B. Betroffenheit + emotionale Wortwahl + niedrige Argumentationsqualität => unspezifische Emotion = ?????. Dennoch: Ein Abgleich der ausgedrückten Emotionen mit den empfundenen unter Beachtung der Ursache(n) kann zu einem analytischen Instrument führen, mit dem erhoben werden kann, welche emotionalen Prozesse ablaufen und Rezipierende emotionalisieren – unter Berücksichtigung der Wahrnehmung der Kommentierenden. Und genau das ist auch das Ziel dieses Beitrages: Vorbereitend auf eine empirische Auswertung arbeite ich an einem Codebuch zur Inhaltsanalyse und die aktuelle Auseinandersetzung kann ein Teil davon werden. Aus Wahrnehmungs- und Handlungsweisen anderer Kommunizierender entstehen stets auch Emotionen oder werden gar erst Emotionen möglich: „Viele Emotionen werden erst durch den Kontakt mit anderen Menschen möglich, und die Interaktion mit anderen ist eine der wichtigsten Quellen emotionaler Empfindungen“ (Six, Gleich & Gimmler, 2007, S. 135).


*Je nach Literatur werden Empathie und emotionale Ansteckung teils als unterschiedliche Formen oder unterschiedlicher Ausprägungen gleicher Formen behandelt.


Literatur

Fiehler, R. (2009). Emotionale Kommunikation. In U. Fix, A. Gardt, J. Knape, G. Ungeheuer, A. Burkhardt, H. Steger et al. (Hrsg.), Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. = Handbooks of linguistics and communication science (S. 757-771). Berlin: De Gruyter.

Gerth, S. (2015). Den Krieg im Fokus. Eine Interviewstudie zu emotionalisierenden Bildelementen am Beispiel ausgewählter Kriegsfotografien von James Nachtwey. In F. Reer, K. Sachs-Hombach & S. Schahadat (Hrsg.), Krieg und Konflikt in den Medien. Multidisziplinäre Perspektiven auf mediale Kriegsdarstellungen und deren Wirkungen. Köln: Herbert von Halem Verlag.

Six, U., Gleich, U. & Gimmler, R. (Hrsg.). (2007). Kommunikationspsychologie – Medienpsychologie. Lehrbuch (Anwendung Psychologie, 1. Aufl.). Weinheim: Beltz PVU.

Suckfüll, M. (2004). Rezeptionsmodalitäten. Ein integratives Konstrukt für die Medienwirkungsforschung (Reihe Rezeptionsforschung, Bd. 4). Zugl.: Jena, Univ., Habil.-Schr., 2003. München: Fischer.

Wirth, W. & Schramm, H. (2007). Emotionen, Metaemotionen und Regulationsstrategien bei der Medienrezeption. Ein integratives Modell. In W. Wirth (Hrsg.), Dynamisch-transaktional denken. Theorie und Empirie der Kommunikationswissenschaft ; für Werner Früh (S. 153-184). Köln: Halem.

Wirth, W., Schramm, H. & Böcking, S. (2006). Emotionen bei der Rezeption von Unterhaltung. Eine Diskussion klassischer und aktueller Ansätze zur Erklärung medial vermittelter Emotionen. In B. Frizzoni & I. Tomkowiak (Hrsg.), Unterhaltung. Konzepte – Formen – Wirkungen (S. 221-246). Zürich: Chronos Verl.

Zillmann, D. (2006). Empathy: Affective reactivity to other’ emotional experiences. In J. Bryant & P. Vorderer (Eds.), Psychology of Entertainment (pp. 151-181). Mahwah: Lawerence Erlbaum.

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