Der Nachwuchstag: Ein Stimmungsbild, oder: The Importance of Pleasure

Präambel

Ob das Wissenschaftssystem für seine Beschäftigten eine gute Sache ist, ist nicht die Frage, die sich gestellt wird. Es scheint eine unumstrittene Tatsache zu sein, dass es nicht so ist. Befristete Verträge und geringe Stellenprozente ermöglichen keine Zukunftsplanung. Hinzu kommen der anhaltende Veröffentlichungsdruck, hierarchische Abhängigkeiten und zahllose Überstunden, die junge Wissenschaftler*innen an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit bringen können.

Gleichsam ist unsere Tätigkeit erfüllend, erlaubt Flexibilität und Schaffensfreiheit. Das Mehr dieser Selbsterfüllung rechtfertigt die strukturellen Bedingungen. Das heißt: Wer machen kann, was ihn erfüllt, der braucht keine gute Bezahlung oder Freizeit. Der muss sich auch mal durchbeißen und tun, was von ihm verlangt wird. Alternativ gibt es andere Wege als in der Wissenschaft, wo ein etwaiger Verlust der Selbsterfüllung mit mehr Finanzierung und Freizeit ausgeglichen werden können. Häufig wird so argumentiert. Darf Erfüllung als Rechtfertigung für kritische Arbeitsbedingungen herangezogen werden? Funktioniert diese Rechnung?

Der diesjährige Nachwuchstag in Bremen

Im zweijährigen Turnus veranstalten die Nachwuchssprecher*innen der DGPuK eine Tagung für junge Kommunikationswissenschaftler*innen. Der 4. DGPuK-Nachwuchstag fand in den vergangenen Tagen – vom 6. bis 8. September – in Bremen statt. Das Besondere an der Tagung ist, dass nicht die Inhalte des Fachs im Fokus stehen, sondern die wissenschaftliche Karriere. Ein Teilnehmender hat das Privileg, Tipps und Erfahrungsberichte aus den Leben erfahrener Wissenschaftler*innen aufzuschnappen, Abläufe im Wissenschaftssystem kennenzulernen und im besten Fall gleich zu realisieren, dass das ja ganz schön steinig ist mit den Veröffentlichungen und so. Das kann tatsächlich recht bedrückend sein.

Im Panel „Karriereperspektiven nach der Promotion“ erhielt das junge Publikum anhand erfolgreicher Beispiele einen Einblick in alternative Karrieren und individuelle Wege in und/oder mit der Wissenschaft. Es war wirklich ein tolles Panel, in dem klar gezeigt wurde, dass es sowohl in als auch außerhalb der Wissenschaft Wege gibt, Selbsterfüllung und gute Arbeitsbedingungen zu kombinieren. Die Botschaft: Tue, was dir Spaß macht, was dich langfristig begeistert und was dich erfüllt. Wenn du weißt, was du willst, dann ergeben sich die Wege beinahe zufällig – und die müssen nun mal nicht immer in einer Professur münden. Der Aufruf, ein Selbstverständnis zu entwickeln und mit diesem den akademischen Problemen zu begegnen, war inspirierend und motivierend. Doch was bedeutet das für die (alltägliche) Praxis?

Jemand neben mir meldete sich und fragte nach. Gibt es denn für all jene, die Wissenschaft zwar irgendwie gern und auch zweifelsfrei gut betreiben, aber deren Fokus beispielsweise in der Familie oder sonstiger Freizeitgestaltung liegt, keinen „sicheren“ Platz an Hochschulen und Forschungseinrichtungen? Die Antworten waren Tipps, wie ich sie auch gegeben hätte: Wenn es keinen Spaß macht, dann steht es einem frei, andere, ebenso erstrebenswerte Wege zu gehen. Sich im Wissenschaftssystem zu stressen ist sinnlos. Das stimmt auch, oder? In anderen Worten bedeutet das leider auch: Es eignet sich nur ein ganz bestimmter Typus Mensch für eine wissenschaftliche Karriere. Jemand, der bedingungslos dafür brennt und bereit ist, im Zweifel unabsehbare Finanzierung zu akzeptieren und psychische Belastung einzustecken.

Ja, vielleicht ist es so: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen im wissenschaftlichen System und diese werden natürlich mit Menschen besetzt, die am besten dazu passen. In der Wirtschaft ist es genauso. Was ist aber das Beste für die Wissenschaft? Profit ist oder sollte es nicht sein. Eher etwa exzellente Erkenntnisse zu erzielen oder noch etwas philosophischer: Die Welt bestmöglich zu ergründen, erklären und zu verstehen.

Geht das mit Menschen, wie jene, die sich aktuell wohlfühlen oder benötigt es verschiedene Typen, die aufgrund ihrer Heterogenität gemeinsam die Welt besser verstehen können? Wenn ich mein Geschriebenes so lese, klingt das ehrlicherweise sogar für mich naiv. Aber es fällt mir auch schwer, eine andere Deutung zuzulassen.

Wer tun will, was ihn glücklich macht muss sich erstmal sicher sein, was das ist.

Ich weiß, dass eine andere Botschaft auf dem Nachwuchstag und in einigen Panels vermittelt wurde. Junge Wissenschaftler sollen ein festes Selbstverständnis entwickeln. Sie sollen wissen, was sie wollen und bedingungslos danach streben – auch wenn das zur Folge hat, andere Wege wählen zu müssen als die breitgetretenen. Dieses Streben wird immer zu einem erfolgreichen Ziel führen. Ein hoffnungsvolles Fazit – und ehrlich gesagt klingt auch das etwas idealistisch und naiv. Richtig verstanden, ist es das aber nicht unbedingt: Beim Streben nach dem Richtigen kann es auch zur Lösung zählen, sich mit den Arbeitsbedingungen zu arrangieren.

Sind die Bedingungen für mich denn wirklich so schlecht? Wären andere Bedingungen wirklich so viel besser? Ganz persönlich versetzt mir die Vorstellung einer lebenslangen Beschäftigung in der gleichen Institution eher einen Schrecken, als sich ständig neu definieren zu müssen. Die Frage nach der Akzeptanz der Bedingungen stelle ich mir aufgrund der vorläufigen Ergebnisse einer aktuellen Nachwuchsbefragung, die im Rahmen der Vollversammlung präsentiert wurde. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen und vielleicht Dinge zu verraten, die nicht nach außen dringen sollen, zeigte sich, dass der Nachwuchs nur teils/teils mit der Beschäftigungssituation zufrieden ist. In den einzelnen Tops, die die Arbeitsbedingungen widerspiegeln, waren die Zufriedenheitswerte allerdings recht hoch. Was ist es denn, womit wir tatsächlich unzufrieden sind? Sind vielleicht Befristungen und viele Arbeitsstunden etwas, worüber wir gern sprechen, was uns aber eigentlich nicht so sehr stört?

Was erwartet der Nachwuchs von der Wissenschaft und die Wissenschaft vom Nachwuchs?

Wissenschaftliche Berufswege gestalten sich sehr individuell. Die Bedingungen des Systems können sich nur dann ausweiten und verbessern, wenn wir wissen, welche wir benötigen und diese auch einfordern. Es erfordert also einen Austausch darüber, was die Wissenschaft vom Nachwuchs braucht und der Nachwuchs von der Wissenschaft. Auch das ist gemeint, wenn dazu aufgerufen wird, ein Selbstverständnis zu entwickeln.

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