Simpel aber wirkungsvoll: Abgrenzungen des Kommentarbegriffs

Um sich definitorisch dem Begriff des Online-Kommentars zu nähern, muss man sich durch ein Dickicht an Definitionen kämpfen. Die Kombination aus Menge an bereits existierender Forschung zu Online-Kommentaren und gleichzeitig einer Jugendlichkeit des Forschungsfeldes bringt ein Begriffswirrwarr mit sich. Je nach inhaltlichen Schwerpunkten werden Online-Kommentare unterschiedlich definiert. Ich mach’ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt. Mein Interesse an Online-Kommentaren kommt aus einer Wirkungsperspektive: Wie kann ich Online-Kommentare so beschreiben, dass ich vielleicht sogar Wirkungsdimensionen daraus ableiten kann?

Media-simulated user-generated conversation deliberative among human users?

Zunächst ein Blick auf Begriffe, die bereits in der Forschung herumschwirren. Im Editorial des Special Issues zu Online-Nutzerkommentaren des SCM verweisen Ziegele et al. (2017) mit einer Auflistung verschiedener Termini bzw. Synonyme für Nutzerkommentare auf die Uneinheitlichkeit des Begriffs und des Forschungsfeldes. Online-Kommentare werden als “user-generated-content”, “human interactivity”, “participatory journalism”, “citizen journalism”, “annotative reporting”, “public discussions”, “online deliberation”, “online debates”, “user participation”, “public opinion”, “media-stimulated interpersonal communication”, “conversations among the users”,  “electronic Word-of-Mouth” oder auch “review” (Ziegele et al. 2017, S. 323) bezeichnet. Die Begriffe zentrieren verschiedene Schwerpunkte. „Human interactivity“ will menschliches Verhalten mit Online-Interaktivitätsmöglichkeiten verstehen. “Participatory journalism” und „citizen journalism“ beschäftigen sich mit Veränderung von Journalismus durch Kommentare. Begriffe wie “public discussions” und “online deliberation” entspringen einem politikwissenschaftlichen Blickwinkel. Sie vertreten mehr oder weniger die Ideen Habermas, wobei Diskurs und „Sprache als Mechanismus der Verständigung“ mit dem Ziel zur „Einigung unter sprach- und handlungsfähigen Subjekten“ (Habermas 1982, S. 386) zu verstehen ist.

Die Definition des Begriffs nach Ziegele (2016) selbst könnte unter “conversations among the users” oder auch unter „public discussion“ subsumiert werden und beschreibt Nutzer*innenkommentare als Anschlusskommunikation:

„Nutzerkommentare sind postkommunikative und asynchrone Online-Anschlusskommunikation in integrierten Öffentlichkeiten, die in Schriftform und im direkten Anschluss an journalistische Beiträge auf Websites oder institutionalisierten Social Web-Auftritten von Nachrichtenmedien veröffentlicht wird. Eine Sequenz von Nutzerkommentaren zu einer spezifischen Nachricht wird als Online-Diskussion definiert“ (Ziegele 2016, S. 38).

Das Besondere an Ziegeles Definition ist, dass ihm eine klare Abgrenzung des Gegenstandes auf vielen Ebenen gelingt und er den Forschungsgegenstand formal greifbar macht. Folgendes verstehe ich unter „Ebenen“:

  • Zweck des Austauschs: „Postkommunikative Anschlusskommunikation“ beschreibt den Zweck eines Austauschs – nämlich die Kommunikation über etwas, was zuvor passiert ist.
  • Kommunikationsform: „Asynchron und schriftlich“ – so kann klar von angrenzenden Formen der Online-Kommunikation wie Chat unterschieden werden.
  • Öffentlichkeitsebene: Der Begriff „integrierte Öffentlichkeit“ beschreibt den Prozess der Verschmelzung von interpersonaler und massenmedialer Kommunikation, da „ „große“ (Medienöffentlichkeit) und „kleine“ (Encounter- und Themenöffentlichkeit) Öffentlichkeiten auf ein- und derselben technischen Plattform zu integrierten Öffentlichkeiten zusammen“ (Ziegele 2016, S. 37) kommen.
  • Kommunikationsverortung: „Im Anschluss an journalistische Beiträge auf Websites oder Social Web-Auftritten“ kommt einer örtlichen Beschreibung gleich. Ziegeles Abgrenzung umschließt Kommentare und Diskussionen zu Artikeln auf Websites von journalistischen Anbietern wie Tageszeitungen (z.B. national, wie Die Zeit, die FAZ, die Süddeutsche oder regional, wie die Braunschweiger Zeitung) und zu Beiträgen von Tageszeitungen auf sozialen Netzwerkseiten wie Facebook oder Twitter (gemeint sind hier die Facebook- oder Twitter-Accounts von Zeitungen). Das ist sehr hilfreich, um Erkenntnisse nicht mit anderen Plattformen wie Blogs und Foren zu vermischen.

An diese Definition des formalen Gegenstandes lehne ich mich in meiner Forschungsarbeit an und bin sehr dankbar dafür, dass es sie gibt. Einen Schwerpunkt möchte ich für mich noch setzen, den man vielleicht als weitere Differenzierung des Begriffs der „Anschlusskommunikation“ fassen könnte. In meinen Posts werfe ich meistens mit den Begriffen „Online-Kommentar(e)“, „Nutzer*innenkommentar“, „Online-Diskussion“ und „Online-Kommentarspalte“ um mich. Was unsystematisch wirkt, versucht dennoch etwas Spezifisches auszudrücken: Die Unterscheidung von Aussage und Austausch, von Medieninhalt und Nutzer*innenprodukt; von Rezipient und Kommunikator – und die Nichtunterscheidung dieser.

Die Bedeutung von Einzahl und Mehrzahl

Anschlusskommunikation hat nicht unbedingt Dialogcharakter, weder zwischen zwei Personen noch zwischen vielen. Häufig stehen Einzelaussagen im Raum, was von Hoppe et al. (2018) auch als „Monologe von einzelnen“ bezeichnet wird. Um Aussagen und Austausch analytisch voneinander zu trennen, möchte ich einfache Begriffe verwenden.

Online-Kommentar. Was ist ein Online-Kommentar? Eine Aussage, eine Reaktion? Beides möglich. Wenn ich nun den Begriff für mich definiere, soll diese Unterscheidung irrelevant sein. Ohne Antworten oder Reaktionen auf einen Online-Kommentar zu betrachten, ist ein Online-Kommentar „nur“ als eine Aussage, als ein Einzelelement zu verstehen. Unter dem Begriff Online-Kommentar ist verstehe ich die Unabhängigkeit einer Aussage von anderen Kommentaren. Damit ist ein Kommentar Mediencontent. Jegliche Formen der Interaktivität werden ausgeblendet. Der Verfassende wird mit diesem Begriff ebenfalls nicht weiter differenziert: Er kann sowohl privater User, professioneller Medienakteur, Social Bot oder Troll sein. Mit dieser Umschreibung kann die Untersuchung eines Online-Kommentars sich auf semantische und syntaktische und/oder pragmatische Faktoren beschränken. Welche Worte und Zeichen beinhaltet der Kommentar? Was ist der Inhalt? Forschung zum Online-Kommentar wäre demnach stark linguistisch geprägt.

Online-Kommentare impliziert hingegen immer die Existenz mehrerer einzelner Kommentare bzw. Aussagen, die sich in einem Verbund befinden. Analytisch könnte man den Begriff so von seiner Einzahl-Variante differenzieren, dass sie stets in Abhängigkeit voneinander betrachtet werden. Abhängigkeit kann formal und inhaltlich bestehen. Liegt keine inhaltliche Abhängigkeit vor, wie es bei Kommentaren häufig der Fall ist, dann könnte man sie einfach Online-Kommentare nennen. Formal voneinander abhängig soll heißen, dass sie zu einem gemeinsamen Artikel oder Social Media Post verfasst wurden. Abhängigkeit besteht unter anderen in ihrer zeitlichen Abfolge, Position im Verlauf oder aber auch Vergleichbarkeit zueinander, u. a. hinsichtlich Kriterien wie Länge oder Sprache. Forschung zu Online-Kommentaren wäre nach dieser Definition nicht wie man annehmen könnte vornehmlich quantitativ und deskriptiv, sondern zur Erforschung der Wirkung stärker auf Kontextanalyse: Wie bedingt die Form von Kommentaren die Wahrnehmung?

Online-Diskussion. Existiert zusätzlich eine inhaltliche Abhängigkeit zwischen mehreren Kommentaren, kann der Begriff Online-Diskussion genutzt werden. Inhaltlicher Bezug meint, dass Aussagen anderer Kommunizierender aufgegriffen werden. Formal bzw. technisch drückt sich das häufig in Antwort- bzw. Folgekommentare aus oder das andere User namentlich erwähnt werden. Das ist jedoch keine notwendige Bedingung. User können sich inhaltlich auch auf andere Kommentare beziehen, ohne direkt zu antworten oder jemanden zu verlinken. Über diesen Begriff soll ausgedrückt werden, dass sich eine Analyse auf Austausch bezieht: Wie verläuft ein Gespräch? Welche interpersonalen Gegebenheiten bedingen den Verlauf?

Begriff Beschreibung Wann verwenden?
Online-Kommentar Ein Kommentar als Aussage, unabhängig betrachtet von anderen Kommentaren, Betrachtung von Kommentar als Mediencontent Frage nach semantischen, syntaktischen und pragmatischen Einflussfaktoren
Online-Kommentare Mehrere Kommentare zu einem gemeinsamen Nachrichtenbeitrag ohne direkten Bezug zueinander, Betrachtung von Kommentareinheit als Mediencontent Frage nach Bedeutung von formalen Bezügen, u. a. zeitliche Abfolge, Position im Verlauf, Vergleichswerte untereinander), keine Berücksichtigung inhaltlicher Aspekte
Online-Diskussion Mehrere Kommentare zu einem gemeinsamen Nachrichtenbeitrag mit direkten Bezug zueinander, Kommentareinheit als Austausch/Gespräch Betrachtung von inhaltlichen Bezügen zueinander, dynamischen und interaktiven Prozessen

Somit differenziere ich Aussage und Austausch, bzw. Mediencontent und Gespräch, indem Aussagen einzeln oder in formaler und inhaltlicher Abhängigkeit betrachtet werden.

Die räumliche Verortung

Auf den Begriff Online-Kommentarspalte greife ich immer dann zurück, wenn es irrelevant ist, ob einer oder mehrere Kommentare unter einem Beitrag gepostet werden oder ob sie sich aufeinander beziehen. Hierbei geht es vornehmlich um hypothetische Fragen, zum Beispiel nach Potenzialen der Kommunikationsform oder „externen“ Einflussfaktoren. Der Begriff umschifft es, Online-Kommentare hinsichtlich ihrer Interaktivität zu bewerten. Er hat einen räumlichen Charakter. Es ist so, als würde man über einen Konferenzraum sprechen: Manchmal ist niemand drin, manchmal gibt es Vorträge, manchmal Diskussionen.

Begriff Beschreibung Wann verwenden?
Online- Kommentarspalte Umschreibung für Online-Kommentare in Unabhängigkeit von Menge und Bezügen Hypothetische und normative Fragestellungen

Eine weitere Frage aus Wirkungsperspektive, in dessen Kontext der Begriff der Online-Kommentarspalte verwendet werden kann ist: Wie bedingen äußere Faktoren die Wahrnehmung von Online-Kommentaren?

Der Unterschied zwischen „Online“ und „User“

Weiter oben habe ich bereits aufgegriffen, dass der Begriff des Online-Kommentars keine Unterscheidung von Akteursgruppen leisten soll. Aus der Betrachtenden- oder Lesendenperspektive, dessen emotionale Reaktionen für meine Arbeit von Interesse sind, ist es selten mit Sicherheit möglich, einen Akteur auszumachen. Wann ist ein Kommentar von einem gleichrangigen User? Wann von einem professionellen Journalisten und wann von einem Social Bot? In den meisten Fällen kann nur eine Persona in Online-Kommentaren mit Gewissheit identifiziert werden: die eigene Ich. Ein User weiß sicher, von wem ein Kommentar stammt, wenn er oder sie ihn geschrieben hat.

Ich möchte für diesen Aspekt die bewusste Unterscheidung in Online-Kommentar und User-Kommentar hinzufügen. Den Begriff User-Kommentar entleihe ich mir von Hoppe et al. (2018), auch wenn er in seiner deutschen Bezeichnung des „Nutzer*innenkommentars“ eigentlich schon weit verbreitet ist; dabei aber nicht auf den hier betonten Unterschied verweist: User-Kommentare werden von „Privatpersonen und nicht von professionellen Medienakteuren, wie zum Beispiel Journalisten, PR- oder Marketing Agenturen“ (Hoppe et al. 2018, S. 217) verfasst. Ergänzen möchte ich als dritte Gruppe neben Privatpersonen und professionellen Medienakteuren die Gruppe der Bots und Trolls, für die ich im Augenblick keine schöne, übergeordnete Bezeichnung parat habe. Kommentare von Bots und Trolls sind keine User-Kommentare.

Begriff Beschreibung Wann verwenden?
Online-Kommentar Aussage unter einem Nachrichtenbeitrag online ohne Berücksichtigung der Identität Verfassenden Fragen nach Wirkung durch Form und Inhalt
User-Kommentar Aussage eines privaten Users unter einem Nachrichtenbeitrag Fragen nach Handlungsmotivation und Reaktionen

Den Begriff Online-Kommentare, könnte man sagen, ist ein Reiz, auf den reagiert wird. Der User-Kommentar ist als Interpretation auf diesen und andere Reize interpretierbar.

Fazit

Erfolgreicher zwischenmenschlicher Austausch setzt voraus, dass man weiß, worüber man miteinander spricht. Die von mir hier abgegrenzten Begriffe sind alltäglich und erscheinen klar – und können dennoch missverständlich sein. Beschreibt und definiert man sie ausführlich, können Missverständnisse nicht nur vermieden werden, sondern bieten sie zusätzlich analytisches Potenzial. Ich kann mit ihnen abgrenzen, ob ich mich semantisch, syntaktisch und pragmatisch mit einem Kommentar auseinandersetzen möchte, oder ob mich eher dynamische Aspekte zwischen Kommentaren interessieren. Ich kann Nicht-Erfassbares bewusst ausgrenzen und damit eine kommunikative Grundlage schaffen, auch, um selbst besser zu verstehen.

Wie immer bin ich noch nicht ganz fertig mit meinen Gedanken. Vielleicht ist es sinnvoller – statt mit solche allgemein gültigen Begriffen wie Online-Kommentar etc.  – mit eigenen Begriffen zu arbeiten, sich neue auszudenken, die dann nur mit der von mir verwiesenen Definition belegt sind. Gleichzeitig widerstrebt mir der Gedanke, noch mehr Begriffswirrwarr in den Pot zu werfen. Weiterhin gibt es sicher noch mehr Ebenen oder Begriffe, die helfen können, Wirkungsmechanismen zu identifizieren und zu betrachten. Ich muss aber erstmal aus dem Sommerloch krabbeln.

Viele Grüße!

 


Literatur

Habermas, Jürgen (1982): Theorie des Kommunikativen Handelns. Band 1. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Theorie des kommunikativen Handelns, / Jürgen Habermas ; 1).

Hoppe, Imke; Lörcher, Ines; Neverla, Irene; Kießling, Bastian (2018): Gespräch zwischen vielen oder Monologe von einzelnen? Das Konzept ‘Interaktivität’ und seine Eignung für die inhaltsanalytische Erfassung der Komplexität von Online-Kommentaren. DOI: 10.17174/dcr.v4.9.

Ziegele, Marc (2016): Nutzerkommentare als Anschlusskommunikation. Theorie und qualitative Analyse des Diskussionswerts von Online-Nachrichten. 1. Aufl. 2016. Wiesbaden, s.l.: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Ziegele, Marc; Springer, Nina; Jost, Pablo; Wright, Scott (2017): Online user comments across news and other content formats. Multidisciplinary perspectives, new directions. In: SC|M 6 (4), S. 315–332. DOI: 10.5771/2192-4007-2017-4-315.

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