Theoretisch gesättigt

Und trotzdem ist Theoriearbeit eine Black Box: Was passiert zwischen Recherche, Hypothesenaufstellung und Theoriebildung?

Lesen, neu kombinieren und komponieren, Argumente formulieren und widerlegen. Wie kann man Literaturarbeit beschreiben? Für empirisches Arbeiten gibt es Anleitungen, wie Methoden wissenschaftlich durchgeführt werden, um reliabel, valide und objektiv zu forschen. Für theoretisches Arbeiten findet sich Literatur, wie man recherchiert, (Hypo-)Thesen aufstellt, wissenschaftlich schreibt. Auch die Bildung von Theorien ist ansatzweise erklärt, wie ich hier schon einmal ausgeführt habe.

Und trotzdem ist Theoriearbeit eine Black Box: Was passiert zwischen Recherche, Hypothesenaufstellung und Theoriebildung? Wann hat man ausreichend recherchiert? Wie erkennt man, dass man es nicht hat? Wie argumentiert man wissenschaftlich und bleibt dabei objektiv? Was ist valide und reliabel in der Theoriearbeit? Ich könnte ewig an dieser Fragenliste weiterschreiben. Ich kenne die Antworten nicht, hadere täglich damit. Dieses Nichtwissen (oder sogar Unwissen?) soll Anlass genug sein, um über diese Fragen zu schreiben.

In diesem Betrag soll es um eine Frage gehen, deren Antwort ich mittlerweile kenne:

Wann hat man endlich alles gelesen?

Die Antwort ist: Niemals. N-I-E-M-A-L-S. Es ist unmöglich, alles über Thema gelesen zu haben. Aus meiner Wahrnehmung begründet sich die Unmöglichkeit nicht nur in der Menge der Literatur, die sich über Jahrhunderte in der Wissenschaft angesammelt hat, sondern damit, dass Themen nicht klar abgegrenzt sind. Sie treten in verschiedenen Disziplinen und Konstellationen auf, nehmen mal großen oder kleinen Anteil an wissenschaftlichen Überlegungen. Sicherlich kann es hilfreich sein, darüber Bescheid zu wissen: Bei der konkreten Arbeit an einem Text aber auch genauso hinderlich.

Manchmal ist es nur eine Überlegung für einen Teilsatz, welche ich überprüfen möchte, herausfinden wollte, was andere vielleicht bereits dazu geschrieben haben. Ganz beiläufig beginne ich eine Recherche und es öffnet sich ein Meer an Wissen und Theorien, welche mir neuartig und fremd sind. Doch einmal in Kontakt gekommen erscheint es mir, als könnte ich den Teilsatz nicht mehr schreiben, ohne alles darüber zu kennen oder als müsste dieses Gebiet noch viel intensiver in meine Arbeit einfließen.

Badegang in der Literatur

Ein- oder zweimal soll es so schon vorgekommen sein, dass ich mir im Literaturgemenge etwas abgetrieben vorgekommen bin. Ich habe dadurch nicht nur Zeit verloren, sondern – und das ist noch viel schlimmer – teilweise zuvor klar erscheinende Argumentationen verwischt. Ich verschiebe Sätze, versuche mit den neuen Informationen andere Argumentationsstränge umzusetzen, wodurch ein Potpourri an Ideen entsteht, aus denen keine Quintessenz gezogen werden kann. Spätestens mit der Bachelorarbeit wird einem dieses Gefühl für Viele zum Vertrauten.

Da meine gesamte Arbeit theoretisch angelegt ist, kämpfe ich mit wechselnden Argumentationssträngen im ganz großen Stil: Die Forschungsfrage selbst ist immer wieder wackelig und damit auch die Reihenfolge der Kapitel, der Argumente und der Sätze. Es passiert mir immer wieder, dass ich neue theoretische Konzepte entdecke, diese einbaue und sich die Struktur der Arbeit grundlegend verändert. Tatsächlich ist es relativ wahrscheinlich, dass die Arbeit ein paar Wochen später strukturell wieder den Ausgangsstatus erreicht.

Unwissenheit schützt vor Fehlern nicht

Hätte man die Recherche allerdings sein gelassen, könnte viel Katastrophaleres passieren: Die Gedanken grenzen nicht an bestehendes wissenschaftliches Wissen an. Inhalte sind redundant oder naiv. Der Beitrag wird überflüssig. Das mit dem Lesen sollte man also doch nicht sein lassen. Ich habe die Hoffnung, dass sich der Wissensproduktionsprozess des wiederholenden Anpassens und dauerhaften Integrierens neuer Ansätze als „normaler Vorgang“ wissenschaftlichen Arbeitens beschreiben lässt – und es nicht nur daran liegt, dass ich völlig Banane bin.

Der Sättigungszustand

Aber wo ist dann das Ende, wenn nicht am Ende? Wann hat man sich satt gelesen? In der Grounded Theory, wenn Kategorien induktiv erhoben werden, ist die Sättigung erreicht, wenn sich keine neuen Kategorien aus dem Material mehr ergeben (Spektrum, 2018). Usability-Studien sind gesättigt, wenn Testpersonen zwar noch neue Probleme ans Tageslicht bringen, sich der Anteil an „Überlappungen“, also der Probleme, die mehrere Testpersonen aufdecken, jedoch stetig erhöht. Um 85 % aller Usability-Probleme zu identifizieren werden nur 5 Testpersonen benötigt. Zur Berechnung der Sättigung gibt es eine Formel: N(1-(1-L)n)

  • N = Anzahl aller vorhandenen Usability-Probleme
  • L = Anteil der Probleme, der sich durch eine einzige Testperson identifizieren lässt

Bild:https://www.usabilityblog.de/stichprobengrose-bei-nutzertests-im-labor-wie-viele-testpersonen-sind-wirklich-notig/

Überträgt man den Sättigungsbegriff auf theoretische Forschung, so könnte der Zusammenhang lauten: Je mehr Wissen zu einem Themenbereich besteht (Anzahl an gelesenen wissenschaftlichen Beiträgen), desto höher steigt der Anteil an „Überlappungen“ an Informationen, die man bereits in anderen Beiträgen gelesen hat (Wissen zum Themenbereich). Etwas schwieriger ist es, L zu übersetzen: Kann der Anteil der „gelösten Probleme“ in einer Veröffentlichung prognostiziert werden? Ist er vergleichbar? Einige Paper bauen stark auf relevanten Theorien auf, andere nicht. Das ist in der Usability-Forschung vergleichbar mit der Stichprobenwahl: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teilnehmer ein Usability-Problem aufdeckt, muss für die gesamte Subgruppe gleich sein, wenn man diese als „homogen“ bezeichnen möchte.

Die Recherche von Literatur erscheint mir sogar noch eher als S-Kurve: “Eine Überlagerung von Wachstum und Sättigungskurve nennt man nach ihrer Form S-Kurve. Sie ist eine der häufigsten Kurven überhaupt, wenn es um die Darstellung von Ergebnis als Funktion des Aufwandes (oder der Zeit) geht. Sie besteht aus drei sehr verschiedenen Bereichen, die ohne etwas theoretische Kenntnisse nicht als zusammengehörig betrachtet werden” (Praxilogie, 2018).

Besonders interessant ist hier die Phase 4, weil die Frage wieder aufgegrillen wird, ob zuviel gelesen werden kann: “In der Phase 3 überwiegt dann die Sättigung und das Wachstum ist gering, die Kurve verflacht zusehends. Aufwand wird dann nur noch getrieben, um das Ergebnis zu halten. Selbst mit sehr großem Aufwand ist dann kein Zuwachs mehr zu erwarten. Wird kein zusätzlicher Aufwand mehr getrieben, wird im Normalfall ein Abstieg oder Verfall eintreten.”

Fazit

Welches Fazit lässt sich aus diesem Beitrag ziehen? Setzt man sich intensiv mit einer kommunikationswissenschaftlichen Theorie auseinander, dann sollte man 85 Prozent der Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich in kommunikationswissenschaftlichen Büchern und Journals gelesen haben. Nein, quatsch. Man muss immer und immer weiterlesen, sonst ist mit einem Abstieg zu rechnen. Die Dissertation wird also kein Ende finden. Auch nicht richtig. Ich kann die Frage nicht beantworten. Es gibt nur einen Trostspender für Ratsuchende: Auch wenn ich es (noch) nicht berechnen kann, merke ich, dass die theoretische Sättigung einsetzt. Ich lese vermehrt, was ich bereits weiß, kann die Dinge besser einordnen, besser an Argumentationssträngen festhalten. Das könnte das theoretische Sättigungsgefühl sein.

Es heißt, Wissenschaftler’innen sind nicht klüger als Nichtwissenschaftler’innen: Sie setzen sich nur viel länger mit Themen auseinander.

 

Literatur

https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/grounded-theory/6090

https://www.usabilityblog.de/stichprobengrose-bei-nutzertests-im-labor-wie-viele-testpersonen-sind-wirklich-notig/

http://www.praxilogie.de/s-kurven.html

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