Kommentar zum Sonntag – Im Namen der Attributionspsychologie, was fällt severus1985 ein!

Als Kommentarforscherin lese ich viele Komentare und möchte mit dieser Kategorie sonntäglich meine liebsten Kommentar der Woche vorstellen. Sei es, weil er besonders klug, interessant, lustig ist oder weil er meine Thesen und Überlegungen zu Kommentarkommunikation bestätigt oder widerlegt. Ich nenne die Kategorie: Kommentar zum Sonntag.

Der Kommentar zum Sonntag ist heute ein Antwortkommentar von severus1985 (193 Beiträge, registriert bei Spiegel Online seit September 2011)  auf der_sinnlose (166 Beiträge, registriert seit Mai 2010).

 

Plattform: Spiegel Online

Artikeltitel: Aktion Pkw-Verzicht: “Ich habe mein Auto kaum vermisst”

Artikelthema: In Berlin will ein Bezirk seine Bewohner vom Auto entwöhnen: Wer seinen Wagen für vier Wochen wegsperren ließ, erhielt dafür Gutscheine für Bus und Bahn. Ein Teilnehmer berichtet.

User: severus1985

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der_sinnlose stellt sich aufgrund des Artikels vor, wie es wäre, ohne eigenes Auto täglich den Weg zur Arbeit zu beschreiten. Er kalkuliert Kosten, denkt über Öffis und Fahrrad, sogar über Mobilitätsketten nach. Seine Rechnung ist einfach, meint er: es geht nicht, wenn sich die Bedingungen nicht ändern. Dem User severus1985 ist beim Lesen der Argumente eines besonders aufgefallen: dass der_sinnlose nach einer 10km-Radtour duschen muss. Er schlussfolgert: der_sinnlose sollte seine Fitness verbessern.

Das Bewusstsein über das Anderssein

Ich stecke im Augenblick in der Auswertung einer themenverwandten empirischen Studie und bin bei meiner Recherche über eine interessante Dissertation zu menschlicher Diversität und Fremdverstehen gestoßen. Die Arbeit von Markus Bredendiek (2015) behandelt theoretische Konzepte aus verschiedenen psychologischen Fachbereichen und schlägt ein zweidimensionales Modell des Fremdverstehens vor. Im Kern nimmt die Arbeit keinen expliziten Bezug auf mediale Vermittlungsformen – bis auf einer Ausnahme:

“Mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnologien gelingt es vielen Menschen, in Kommunikationskontakt zu Fremden zu gelangen, denen sie realiter nie begegnet wären. Wenn auch über die Qualität solcher interpersonalen Austauschprozesse gestritten werden kann, stellen sie dennoch eine breit gelebte und bislang unbekannte Aufgabe an das Fremdverstehen. Problematisch in den angestrebten Kommunikationsprozessen wird hierbei nicht mehr das Problem der Andersartigkeit, sondern vielmehr das Problem der unreflektierten Vorannahme einer universellen Gemeinsamkeit. Dies kann wiederum zu Verständnisproblemen führen, da die Berücksichtigung realer Unterschiedlichkeiten außen vor bleibt” (S. 19).

Menschen sind verschieden und vielfältig. Zu banal? Nein. Unterschiede gibt es nicht nur kulturell, auch, wenn diese nach Bredendiek die wohl am deutlichsten „sinnlich erfahrbare Form von Verschiedenheit, in der sich menschliche Vielfalt manifestiert“. Diversität gibt es im Alltag, dort sogar noch viel häufiger, nur nicht in unserem aktiven Bewusstsein. Eine Konsequenz ist, dass bei einer Zuschreibung von Handlungsursachen zu schwach berücksichtigt wird, dass Menschen andere Handlungsmotive haben können, als wir selbst. Besonders wenn soziale Kontexthinweise wie Unterschiede in Sprache und körperlicher Merkmale, Kleidung oder Beruf, Geschlecht und Alter fehlen, gerät auch die Unterschiedlichkeit in Vergessenheit: Jemanden zu verstehen ist eine soziokognitive Leistung, die mit Anpassung einhergeht, aber gar nicht erst erbracht wird, wenn Unterschiedlichkeit nicht als Ursache auf dem Schirm ist.

Hat der_sinnlose wirklich Fitness nötig oder wohnt er im Bergland, ist bereits in die Jahre gekommen, hat gesundheitliche Defizite oder einen sehr guten Stoffwechsel? 

Menschen nutzen sogenannte naive Handlungstheorien, um Verhalten zu erklären und in einen sinnstiftenden Bedeutungszusammenhang zu bringen. Soziale Stimuli werden unter (1) bestehendem Vorwissen (2) in einer Interaktionssituation wahrgenommen, noch etwas selektiv verzerrt und dann verarbeitet. (3) Erwartungen werden gebildet, wie sich die Interaktion gestaltet und welche durch Erfüllung oder Enttäuschung die (4) Wahrnehmung und Bewertung des Verhaltens beeinflussen. Das Ergebnis dieses Prozesses: eine kausale Attribution, warum sich Menschen so oder so verhalten. Bredendiek hat für diesen Teil seiner Arbeit an Gilbert and Malone (1995) angelehnt und das übersichtliche Sequenzmodell von Attributionsprozessen übernommen:

Warum glaubt severus1985, dass der_sinnlos nicht fit ist?

Bei der Wahrnehmung und Bewertung  entstehen Attributionsfehler als (4/5) Diskrepanz zwischen den Erwartungen über das Verhalten anderer und der konkreten Wahrnehmung eines bestimmten Verhaltens. Es werden falsche Handlungsmotive zugeschrieben. Wieso?

(1) Fremdbezogene Zuschreibungen orientieren sich an der eigenen sozialen Identität. Vielleicht hat severus1985 eine persönlichen körperlichen Schwächen oder ist kein besonders herausragender Schwitzer (bzw. nimmt es selbst nicht so wahr). Von diesem Standpunkt aus urteilt er auch darüber, wie intensiv der_sinnlose zu schwitzen hat.

(2) Personen dazu neigen, dem Verhalten Fremder stabilen Personeneigenschaften zuzuschreiben. Unsportlichkeit ist eine stabile Personeneigenschaft, während es Laune oder Stimmung nicht sind. Der Artikel hat so einige User dazu veranlasst, sich zu rechtfertigen und zu argumentieren, dass ihr Leben ohne Auto wirklich schwerer oder kaum machbar wäre. Vielleicht hat das den User der_sinnlose zu seiner Aussage getrieben, auf den Zug aufzuspringen und etwas zu übertreiben.

(3) Menschen neigen dazu, Verhaltensweisen eher internalen Attributionen zuzuschreiben als externalen, bedeutet, dass sie aufgrund einer Aussage eher denken, die Persönlichkeit einer Person oder andere Personeneigenschaften seien die Ursache eines Verhaltens, statt situative oder kontextuelle Bedingungen. Für severus1985 muss es also an den körperlichen Eigenschaften liegen, dass der_sinnlose schwitzt, nicht Situation, in der er sich befindet: dass er im Bergland lebt, sein Fahrrad klapprig ist oder beides.

Keine Rechtfertigung für die Verhaltensweisen anderer im Netz – aber für die eigenen?

Der Kommentar zeigt, was für ein persönliches Bild sich several1985 von der_sinnlose macht, ohne überhaupt Informationen über ihn zu kennen. Er bewertet die Personeneigenschaften eines völlig unbekannten ohne grundsätzliche menschliche Diversität oder Kontextvariablen wahrzunehmen. Beim Kommentarlesen fallen diese Bewertungsweisen auch implizit auf: Achtet mal darauf.

Was ich in der Auswertung der empirischen Studie noch beobachte ist übrigens, dass User ihr eigenes Verhalten in der Online-Kommunikation sehr wohl damit begründen und “rechtfertigen”, wie der Kommunikationskontext sich gestaltet; das bei anderen aber nicht wahrnehmen. Bedeutet: “Ich hatte nicht genug Platz, meinen Standpunkt genauer zu erklären” vs. “Der andere hat keine Ahnung vom Thema, denn er hat seinen Standpunkt nicht erklärt”. Superinteressant, aber das ist noch nicht spruchreif.

 

Bis bald!

 


Literatur

Bredendiek, M. (2015). Menschliche Diversität und Fremdverstehen. Eine psychologische Untersuchung der menschlichen Fremdreflexion. Wiesbaden: Springer.

Gilbert, D. T. & Malone, P. S. (1995). The Correspondence Bias. Psychological Bulletin. 117(1), 21-38.

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