Wer nicht kontextualisiert, wird emotionalisiert oder auch “Gravy?” vs. „Nun nehmen Sie schon endlich die Soße!“

Meine Überlegungen zur Emotionalisierung von Online-Kommentaren nehmen einen einfachen Zusammenhang an: Online-Kommentarkommunikation löst Emotionen aus. Die These stützt sich auf die strukturellen und technischen Bedingungen der Kommunikation, gerade im Unterschied zu anderen Formen. Der Erklärungsgehalt dieser Annahme erscheint mir allerdings unzureichend: Nur weil ein Kommentar eingebettet ist in Nachrichtenwebsites und kaum Kontextinformationen über den Verfassenden vorliegen, löst er nicht zwangsläufig Emotionen aus. So würde jede nutzer’innengenerierte Information im Netz Emotionen auslösen. Was ist es also, was da noch interveniert?

Beim Hineinlesen in die Theorien der Emotionen und Emotionalisierung kam ich dem Fragezeichen näher. Emotionen werden in der Literatur häufig als das Resultat komplexer Kognitionen, wie Vorstellungen, Bewertungen, Erwartungen, Interpretationen beschrieben. Käsermann (1995) schreibt, „dass die Interpretation oder Bewertung einer Situation konstitutiv für das Auftreten einer „Emotion“ ist, und (…) Ziele(n), Normen oder Regeln (…) Grundlage dieser Interpretation oder Bewertung“ (S. 37). Eine Bewertung erfolgt dabei als „eine Art Messung der tatsächlichen im Vergleich zur angezielten, erwarteten oder gewohnheitsmäßig gegebenen Situation“. Nichtzuletzt aus dieser Definition habe ich mir die situativen Perspektive auf Emotionen und Online-Kommentare angeeignet: Emotionen treten auf, weil die Bewertung der Kommunikationssituation in Kommentaren nicht einer erwarteten oder gewohnheitsmäßig gegebenen Situation entspricht. Nun möchte ich eine theoretische Alternative zur “Situation” vorschlagen, welche sich meinen Thesen noch besser anschmiegt: Der Kontext.

Kontext? Woher, was und weshalb?

Kontext ist ein Begriff aus der interaktionalen Soziolinguistik, die maßgeblich von dem amerikanischen Linguisten John J. Gumperz (1922 – 2013) geprägt wurde. Im Folgenden stütze ich mich nicht auf Primärliteratur, sondern auf zwei sekundäre Beiträge von Peter Auer (1986) und Hubert Knoblauch (1991), die sich beide mindestens teilweise stark an Gumperz anlehnen, aber noch weitere Perspektiven einfließen lassen. Nach Gumperz sind Kontexte lokale und soziale Strukturen, die durch die kommunikativen Handlungen in einer Gesellschaft hervorgebracht werden. Kontext ist, wenn „Sprecher und Hörer verbale und nonverbale Zeichen verwenden, mit denen sie das, was zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gesagt wird, auf Wissen beziehen, das früher angesammelt wurde” (Knoblauch, 1991, S. 453). Der Kontext ist, was die materiellen Entitäten aggregiert und unabhängig ist von der in ihm stattfindenden Interaktion. Er übt Einfluss auf die Interaktion aus, die Interaktion aber keinen Einfluss auf den Kontext. Er ist Sammelbecken für Wissen.

Gumperz und Gumperz im Austausch verbaler und nonverbaler Zeichen auf Basis früher angesammelten Wissens zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Der Prozess der Bildung eines gemeinsamen Kontextes ist die Kontextualisierung (interaktiver Kontextbegriff). Die Kontextualisierung ist der Prozess, in dem soziale Situationsdefinitionen und Handlungsformen der Wissensvermittlung, Argumentation und Selbstdarstellung ausgehandelt werden. Kontexte sind im Sinne der Kontextualisierung interaktiv produziert, also durch die Interaktionspartner’innen geschaffen: Die Realität ist das Konstrukt, um eine Situation für dessen praktische Zwecke zu definieren.

So gesehen ist die Materie die strukturelle Umgebung der Online-Kommentare und der interaktive Kontext ist das, was die User’innen daraus machen. Bei der Überlegung, diese beiden Kontextformen in der Zusammenhangsgrafik einzubetten, habe ich mich außerdem gefragt, in welchem Verhältnis sie stehen. Soweit stelle ich mir den interaktiven Kontext von Online-Kommunikation als Mediator vor: Der materielle Kontext führt nur zum emotionalen Umgang mit Kommmentaren, wenn er auch den interaktiven Kontext beeinflusst.

Diese Überlegungen werde ich aber an anderer Stelle fortsetzen. Kontextheoretisch ist wichtig, dass Menschen sich auf ein Situationskonstrukt einigen müssen, um erfolgreich zu kommunizieren. Der Einigungsprozess wird mit der Theorie der Kontextualisierung beschrieben: Kommunikative Vorgänge werden als Bestandteile sozialer Situationen und Mittel zur Hervorbringung und Aufrechterhaltung sozialer Strukturen untersucht. Dabei deutet die Theorie an, wie Interaktionssituationen und gesamtsgesellschaftliche Strukturen miteinander verbunden sind. Von der Mikrointeraktion auf Makrobedeutung: Wenn das mal nichts für mich ist! Der soziolinguistische Kontextbegriff kann mir also vielleicht dabei helfen, verschiedene Einflussfaktoren auf Emotionalisierung zu systematisieren und die Bedeutung individueller Situationen auf eine gesellschaftliche Ebene zu übertragen.

Kontext ist ein von der (1) Interaktion unabhängiges Sammelbecken für Wissen sowie (2) eine interaktiv produzierte und sozial konstruierte Situation.

Auf einen Kontext kommen

Die Ursache für Emotionen in Online-Kommentaren ist nach dieser Überlegung also, dass Menschen diesen Kommunikationskontext nicht übereinstimmend interpretieren. Knoblauch beschreibt am Beispiel von Sprecher’innen aus unterschiedlichen Kulturen, wie diese zusammenkommen und aufgrund unterschiedlich gebrauchter oder verstandener paralinguistischer Mittel die Intentionen, die erwartbaren Folgen von Handlungssequenzen und die Tragweite sozialer Situationen, nicht verstehen.

„So beherrschen z. B. viele der in England lebenden Asiaten die englische Sprache perfekt, was Wortschatz und Grammatik angeht. Dennoch sind Mißverständnisse in Gesprächen mit weißen Engländern die Regel. (…) Die pakistanische Bedienung in einem Schnellrestaurant im Flughafen Heathrow, die sich in der Intonation ihrer Muttersprache bei ihren Gästen erkundigt, ob sie noch Soße wollen (‘gravy?’), wird so verstanden, als wollte sie sagen: ‘Nun nehmen sie schon endlich die Soße!’“ (Knoblauch, 1991, S. 452).

Soße?

Kann es so auch in Online-Kommentaren sein? In der beschriebenen Situation zeigt sich, dass Handelnde nicht nur mit Sätzen kommunizieren, die Wissen „über“ die Welt vermitteln, sondern „sie stellen ihre Äußerungen zugleich in einen Kontext und ermöglichen so dem Rezipienten Verstehen“ (Auer, 1986, S. 23). Um eine Situation zu verstehen, ist Hintergrundwissen nötig. Hintergrundwissen ist in Form von Schemata organisiert. Schemata sind eine Art komplexe Strukturen des Wissens. „Verstehen“ ist immer eine Frage danach, schematisches Wissen zu integrieren, zu wissen, worum es in einer Situation geht, wie einzelne Äußerungen zu interpretieren sind. Schemata sind aber auch situativ revidierbar und dynamisch: Besitzt man bspw. das Hintergrundwissen über Personenparameter von Interaktionspartner’innen, wie Geschlecht oder Ethnie, und kodiert entsprechend deren Aussagen, kann es auch hier zu Missverständnis kommen: Soziale Identität der Sprecher wird im Kommunikationsprozess selbst deutlich: durch Absicht, die sie erzielen und Form, in der sie das tun.

„So wird z.B. die Tatsache, dass ein Interaktionsteilnehmer ‚Lehrer‘ und die anderen ‚Schüler‘, oder die eine ‚Ärztin‘ und der andere ‚Patient‘ ist, nicht schon deshalb relevant, weil eine solche Kategorisierung aufgrund unseres externen Wissens möglich ist, sondern es ist nachzuweisen, dass die Teilnehmer auch tatsächlich mit diesen Kategorien (und nicht erwa mit alternativ verfügbaren wie ‚Bekannter‘, ‚Nachbar‘ oder ‚Musikfan‘) operieren. Wichtig ist, ob ein objektiv vorliegendes Kontextmerkmal (nur nicht individuell, sondern wechselseitig) wahrgenommen, d.h. zu einem Teil der Interaktion wird (Auer, 1986, S. 23)

Schemata sind (1) komplexe Strukturen des Wissens sowie (2) situativ revidierbare, dynamische Strukturen.

Kontextualisierung auch als Grundriss, um empirisch zu forschen

Gesprächsteilnehmende müssen sich auf die Gültigkeit eines bestimmten Kontexts einigen: WIE das geht, ist Gegenstand der Kontextualisierungsforschung. Beispielsweise werden Situationen nach Kontextualisierungshinweise bzw. schlüssel oder Kodes untersucht, die dazu dienen, auf Bedeutungen zu verweisen. Kodes bringen Sprecherintentionen, soziale Identität des Sprechers und Rahmen der sozialen Situation zum Ausdruck, wie u. a. Blickverhalten, Prosodie, etc. Ziel der Analyse in der Kontextualisierungsforschung ist die Entdeckung von Regeln, die die Angemessenheit bestimmter Formen des Diskurses in bestimmten Typen sozialer Beziehungen leiten. Es kann der sogenannte Sprechhaushalts einer Gesellschaft und seiner Funktionen damit erfasst werden.

Kontextualisierungshinweise bzw. -schlüssel sind Kodes, die innerhalb eines Kontextes auf Bedeutungen von Aussagen verweisen.

Fazit

Die Beschreibung der Online-Kommentarkommunikation erscheint mir über die Theorie der Kontextualisierung einige Thesen aufzugreifen, die sich in meiner bisherigen Auseinandersetzung herausgebildet haben. Sowohl einfache, als auch komplexe Zusammenhänge versuchen im Kontext beschrieben zu werden. Auch wird innerhalb der Theorie die Bedeutung von Elementen von der Mikroebene auf eine Makroebene übertragen und somit die gesellschaftliche Relevanz betont. Innerhalb ihrer Ausführungen gehen Auer und Knoblauch noch intensiver auf verschiedene Ebenen von Schemata und Untergliederungen von Kontexten ein und schaffen so eine analytische Rahmung, um Kontexte zu untersuchen (auch dem werde ich mich zu einem späteren Zeitpunkt genau widmen). Die Idee fruchtet also noch ganz frisch und währenddessen bin ich im Kopf ganz überschwänglich schon dabei, meiner Dissertation einen neuen Namen zu geben. “Online-Kommentare im Kontext”, “Kontext, Kontext, Kommentar” oder eben “Wer nicht emotionalisiert, wird kontextualisiert”.

 


Literatur

Auer, P. (1986). Kontextualisierung. Studium Linguistik (19), 22-47.

Käsermann, M.-L. (1995). Emotion im Gespräch. Auslösung und Wirkung (Aus dem Programm Huber, 1. Aufl.). Bern: Huber.

Knoblauch, H. (1991). Kommunikation im Kontext. Zeitschrift für Soziologie, 20 (6), 446-462.

Bildmaterial

Gumperz: https://senate.universityofcalifornia.edu/_files/inmemoriam/html/JohnJosephGumperz.html

Soßerie: https://pixabay.com/de/oliven%C3%B6l-%C3%B6l-produkte-essen-k%C3%BCche-3326703/

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