Welche Variable spielen Emotionen nun eigentlich in meinen Überlegungen?

Die Rolle von Emotionen in meinem Forschungskontext verunsichert mich – und das obwohl „Emotion“ sogar im Titel der Arbeit steht: Sollte ich dann nicht wissen, was ich damit zutun habe?  Dem Ziel etwas näher zu kommen ist die Aufgabe dieses Beitrages.

1 – Die mediale Präsenz von EMOTIONEN

Ob es nun daran liegt, dass ich an dem Thema forsche oder daran, dass es tatsächlich so ist: das öffentliche Interesse an Emotionen erscheint mir gerade besonders groß. Postfaktisch, Hass im Netz, Emotionen statt Fakten. Die Wahrheit ist nur noch ein Gefühl. Der totale Konstruktivismus! Die Welt ist so komplex geworden, sei es politisch, sozial oder medial. Nur noch affektiv können wir sie bewältigen. Aber Gefühle sind ein Problem: sie lenken das Denken und Handeln in die Irrationalität und behindern die Verarbeitung von Fakten. Durch das Teilen von Emotionen online und deren „ewige“ Präsenz im Netz werden individuelle zu kollektiven Emotionen und sind dadurch langlebiger in der Gesellschaft präsent (Schweitzer, Garcia, Schweitzer & Garcia, 2010). Letztendlich bestimmen sie den Tenor öffentlicher Diskussionen.

  • Emotionen als gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit.
  • Emotionen als Gefahr für die Deliberation.
  • Emotionen als Teil der öffentlichen Debatte.
  • Emotionen als Phänomen auf Mikro- und Makroebene (Emotionen als das Produkt von Emotionen).

2 – Emotionen in Kommentaren

Speziell in Online-Diskursen sind Emotionen für mich zunächst einmal das, was ich sehe, wenn ich nutzergenerierte Kommentare im Internet lese. Schockiert über gerade hetzerisch-emotionale Kommentare stehen Nachrichtenseiten für mich als Space höchstmöglicher Objektivität einer Berichterstattung im Fokus. Nachrichtenmedien gestalten die Medienrealität, haben gesellschaftliche Funktionen und schaffen Öffentlichkeit. Die erste Frage, die ich mir dabei immer gestellt habe ist, weshalb die Menschen so emotional sind, wenn sie Nachrichten lesen. Die Kommentierfunktion bietet eine Ausdrucksform für etwas, was da ist, was ich nicht definieren oder identifizieren kann, aber was auf individuelle und gesellschaftliche Zustände hinweisen könnte.

  • Emotionen als Inhalt von Kommentaren im öffentlichen Raum der Nachrichtenwebsites.

3 – Die Online-Umgebung als Emotionalisierungsfaktor

Warum entstehen diese Emotionen im Netz? Bei mir geht es auch um Emotionsentstehung, um Emotionalisierung; nicht nur darum, wo Emotionen online zu finden sind sondern auch, woher sie kommen. Das kann zunächst alles sein. Von Unzufriedenheit im Job bis Meinungsverschiedenheit. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive nähere ich mich der Unbekannten über das Medium, dem Internet, und speziell den Online-Kommentaren.

Ich stelle mir also die Frage: Was am Internet könnte besonders emotionalisierend sein? Hier drängt sich stark die psychologische Verarbeitungsperspektive auf: heuristische Verarbeitungsprozesse, Umgang mit fehlenden Hinweisreizen. Damit habe ich eine stark psychologisch geprägte Begründung für Online-Kommentare gewählt.

  • Emotionen als Produkt heuristischer Verarbeitungsprozesse.
  • Emotionen als Produkt des Umgangs mit fehlenden Hinweisreizen.

Mein Forschungsgegenstand ist aber nicht das ganze Internet, sondern Online-Kommentare. Was an Online-Kommentaren könnte besonders emotionalisierend sein? Hier klafft zunächst noch eine große Ausarbeitungslücke: Klar habe ich Ziegele und Springer gelesen: was Online-Kommentare sind, und welche Funktionalitäten und Eigenschaften für mich entscheidend ist, steht allerdings (immer) noch aus. Was ich weiß ist allerdings, dass Online-Kommentarspalten aus Kommentaren bestehen. Also kann es der Kommentar selbst sein, der emotionalisierend wirkt. Hier unterscheiden sich zumindest entsprechend traditioneller Kommunikationsmodelle grob die Kriterien Form, Inhalt und Beziehung zum Verfassenden, die im Kontext von Emotionalisierung genauer zu betrachten sind.

  • Emotionen als Produkt der Rezeption anderer Online-Kommentare.

4 – Kontext und MissverstehenCartoon Missverständnis

Aber warum können Form, Inhalt und Beziehung Emotionen hervorrufen? Wieder: das kann alles sein. Technische Probleme, Meinungsunterschiede, dass man den Namen eines Kommentierenden blöd findet oder vorherrschende Umgebungsfaktoren und Stimmung. Auch hier gilt: Was ist aus meiner kommunikationswissenschaftlichen Perspektive relevant? Was ist speziell am Kommunikationskontext? Inwiefern verändern sich die Bedingungen so, dass vielleicht Form, Inhalt und Verfassender eher emotionalisieren als in vergleichbaren Formen der Kommunikation – wenn man auch die bisher genannten Faktoren ausblendet? Angenommen, eine Unterhaltung in Kommentaren entspricht in den drei Ebenen einer anderen Kommunikationsform: Was unterscheidet sich neben den genannten Formalien? Was könnte dennoch Emotionen evozieren? Da fällt zuerst etwas auf der Beziehungsebene auf: ich kenne den anderen nicht, weiß nicht, was er gerade tut und kann nicht einschätzen, welche Ziele er sich aus dem Gespräch erhofft. Um miteinander kommunizieren zu können, muss eine gleiche Vorstellung dessen existieren, wie die Kommunikationssituation sich gestaltet. Ist dies nicht gegeben, stimmt die Wahrnehmung einer Situation also nicht überein, kommt es zu Missverständnissen. Missverstehen bewirkt negative Emotionen.

  • Emotionen als das Produkt der nicht übereinstimmenden Wahrnehmung der Kommunikationssituation zwischen den Kommunizierenden.
  • Emotionen als Konsequenz des Missverstehens.

5 – Erwartungen an ein Gespräch

Ein Weiterdenken erfolgt ähnlich wie im Abschnitt davor mit einer weiterführenden “Warum”-Frage: Warum missversteht man sich besonders? Warum wird die Situation nicht übereinstimmend wahrgenommen? Befinden wir uns auf einem Konzert, wissen wir auch, dass der andere uns eventuell nicht versteht. Wir erwarten sogar, dass es passieren kann. Anders in der Online-Kommentarspalte, so meine These: Hier erwarten wir nicht, dass wir missverstanden werden und dass wir den anderen missverstehen. Wir gehen stark von uns aus, erwarten, dass der andere sich in einem vergleichbaren Kontext befindet. Auf einem Konzert funktioniert das. In der Kommentarspalte führt ein zu-sehr-von-sich-ausgehen allerdings zur Enttäuschung von Verstehenserwartungen.

  • Emotionen als Produkt erfüllter und/oder enttäuschter Erwartungen.

6 – Die Frage nach der Veränderlichkeit

Nach dieser These ist im weitesten Sinne Kompetenz zur richtigen Einschätzung ein Faktor, die das Funktionieren von Kommunikation und die emotionale Reaktion auf diese bedingt. VWürde sich eine wahrnehmungsbezogene Emotionalität dann nicht verringern oder verändern, wenn man nur lange genug online kommuniziert und somit diese Kompetenz erwirbt? Diese Frage umschreibt meine These, dass Emotionen im Kontext von Online-Kommentaren abhängig sind von der Erfahrung mit diesen. Sie sind also veränderlich.

  • Emotionen als abhängig von Erfahrung.

7 – Die Entstehung von Normen

Sind Emotionen veränderlich und passen sich entsprechend enttäuschter und erfüllter Erwartungen an, erhalten sie in diesem Kontext keine Produkt- sondern eine Ausgangsposition: Sie sind eine Vorbedingung dafür, dass sich aus Erfahrung und Erwartungen Normen entwickeln.

  • Emotionen als Vorbedingung für die Entstehung sozialer Normen in Online-Kommentaren.

Fazit

Forschungstechnisch findet hier also ein Rundumschlag von Emotionen über die verschiedenen Felder der Kommunikationswissenschaft bis hin über die verschiedenen Fachbereiche der Sozialwissenschaft statt. Emotionen nehmen verschiedene Rollen als Wirkungsprodukt und -bedinger ein. Mir selbst fällt die Auswahl der Rollen von Emotionen und der emotionalisierenden Faktoren an einigen Stellen als unvollständig auf. Aber mit der Ausarbeitung der Gedanken gelingt es mir leichter, diese Stellen zu identifizieren. Ich frage mich nun: Soll meine Dissertation sich mit der übergeordneten Rolle von Emotionen in Online-Kommentaren befassen und eine Darstellung der verschiedenen Perspektiven liefern oder soll ich mich für eine Perspektive entscheiden, nur für die Emotionalisierung beispielsweise und intensiv mit dieser befassen? Aber ganz grundlegend, als Nachklapp zu diesen Überlegungen, stelle ich mir noch eine andere Frage:

Geht es überhaupt um Emotionen oder ist da noch was anderes?

Mit nur einer Frage kann ich die Überlegungen Beitrages zunächst aushebeln: Sind es überhaupt „gesteigerte“ Emotionen, was ich (und andere) da behaupten zu beobachten? Winterhoff-Spurk und Schwab (2001) haben sich schon beim Fernsehen gefragt, ob die „ vielen, schnell dargebotenen und emotional höchst unterschiedlichen Inhalte(n) vom Zuschauer emotional nur noch sehr oberflächlich verarbeitet werden” können“ (S. 23). Der Zuschauende „hat möglicherweise nicht mehr die Zeit für das, was in der frühen deutschen Psychologie als ‚tiefes Gefühl‘ bezeichnet wurde“. Aus Medienwirkungsperspektive sollte also auch gefragt werden, ob wir eher aufgrund einer emotionalen Abflachung im Bezug auf Medien nun große Emotionen unterstellen, wo eigentlich nur ein „Grundzustand“ vorherrscht, ein “Normalzustand”. Liegt vielleicht eine falsche Erwartung auf Forscherseite an die Emotionen vor? Es benötigt also zunächst eine genaue Definition von dem, was wir Emotionen nennen.

 


Literatur

Dzogang, F., Lightman, S. & Cristianini, N. (2018). Diurnal variations of psychometric indicators in Twitter content. PloS one, 13 (6), e0197002.

Garcia, D., Kappas, A., Küster, D. & Schweitzer, F. (2016). The dynamics of emotions in online interaction. Royal Society open science, 3 (8).

Meltzer, C. E. (2017). Medienwirkung trotz Erfahrung. Der Einfluss von direkter und medial vermittelter Erfahrung eines Ereignisses (1. Auflage 2017). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Schweitzer, F., Garcia, D., Schweitzer, F. & Garcia, D. (2010). An Agent-Based Model of Collective Emotions in Online Communities // An agent-based model of collective emotions in online communities. The European Physical Journal B, 77 (4), 533-545.

Wimmer, J. (2013). Kontextualisierung versus Komplexitätsreduktion. Medienwirkung aus kulturtheoretischer Perspektive. In W. Schweiger & A. Fahr (Hrsg.), Handbuch Medienwirkungsforschung (S. 113-129). Wiesbaden: Springer VS.

Winterhoff-Spurk, P. & Schwab, F. (2001). “In the mood” – Zur Kultivierung von Emotionen durch Fernsehen. Magazin Forschung (2), 20-33.

Bildmaterial

Bild Hasskommentare:

https://www.cicero.de/kultur/politik-und-wahrheit-willkommen-in-der-postfaktischen-welt

https://www.zeit.de/digital/internet/2018-06/hetze-internet-polizei-wohnungsdurchsuchungen-hasskommentare

https://www.mainpost.de/ueberregional/politik/zeitgeschehen/Fake-News-Wenn-Emotionen-Fakten-schlagen;art16698,9572526

Comic: http://www.toonsup.com/cartoons/missverstaendnis+23

Soziale Normen: tsss.ca/channels/culture-leadership/new-u-of-t-study-to-learn-how-voluntary-sustainability-standards-becomes-a-corporate-norm

 

 

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