Warum gibt es für Online-Kommentarspalten scheinbar keine Kommunikationsregeln?

„Aufgrund begrenzter Kapazität für Aufmerksamkeit impliziert jeder Sinn mehr als durch Kommunikation explizit werden kann. Daher muss man, um überhaupt handeln zu können, akzeptierte Situationsdefinitionen voraussetzen, die dann in eine bestimmte Richtung ausgelegt werden. Diese Explikation fällt einem oder mehreren Teilnehmern zu. Sie gelangen ins Zentrum gemeinsamer Aufmerksamkeit“ (Geller, 1994, S. 27).

Kommunikation kann nur gelingen, wenn alle Gesprächsteilnehmenden sich auf den gleichen Gegenstand innerhalb einer gemeinsam akzeptierten Situation fokussieren. „Kommunikation gelingen“, das heißt, einer Sequenz von Botschaften einen gemeinsamer Sinn beizumessen und davon ausgehend weiterzuhandeln (Linke, 2010), so auch, einen weiteren Kommentar zu schreiben, oder persönliche Konsequenzen aus etwas zu ziehen, was man in Online-Kommentaren gelesen hat.

Keine Kommunikation ohne Regeln!

In dem Zitat macht Geller am Beispiel der Face-To-Face-Kommunikation die Bedeutung von Aufmerksamkeit und gemeinsamen Situationsverständnis explizit. Was so banal und einfach erscheint (schließlich kommunizieren wir ständig, am Essenstisch, im Büro, an der Supermarktkasse, mit Fremden, Bekannten und Freunden), ist unbewusst das Produkt eines ständigen Ausbalancierens von Erwartungen und Erwartungserwartungen, dem Abgleich von individuellen Normen und Normen der anderen, dem Institutionalisieren von gemeinsamen Normen und deren Überprüfung; alles mit dem Zweck, die Aufmerksamkeit und einen gemeinsamen Punkt zu lenken und einer Situationsdefinition gerecht zu werden. Verändern sich die Bedingungen der Kommunikation oder ist eine Situation fremdartig, „wie (…) etwa durch die Verbreitung der Nutzung technischer Kommunikationsmedien im Allgemeinen“ (Linke, 2010, S. 29), sind die Grundvoraussetzungen für den Prozess des Ausbalancierens noch nicht gegeben. Die Aufmerksamkeit ist nicht zentriert, die Situation nicht definiert. Implizite und seltener explizite Kommunikationsregeln, „Präskriptionen, die anzeigen, welches Verhalten in einem spezifischen Kontext erwünscht, erfordert oder auch verboten ist“ (Linke, 2010, S. 30), schaffen diese Grundvoraussetzungen. Neuartige Kommunikationsweisen unterliegen keinen bekannten Regelsets. Regeln müssen neu verhandelt werden. Das passiert vor allem, indem sie sich implizit im Laufe der Zeit entwickeln (Linke, 2010).

Enthemmung und Empowerment als Erwartungsemotionen

Genau diese Aspekte sind es, die Aufmerksamkeitsdiffusion und die Unerfahrenheit im Einschätzen der Kommunikationssituation, welche ich stets problematisiere, wenn es um das Scheitern von Kommunikation in Kommentaren geht, und darum, dass dieses Missverstehen emotionalisierend wirkt. Emotionen fungieren in dieser Darstellung als Zwischenvariable zwischen Situationsgegebenheit und Reaktion darauf (Heckhausen & Heckhausen, 2010). Je nach Art der Brechung der individuellen Normen bzw. der Erwartungen können Hoffnung oder Enttäuschung bzw. Furcht und Erleichterung als komplementäre Erwartungsemotionen auftreten und das Handeln der Individuen bestimmen. Das Handeln kann sich in Sanktionen wie sozialer Missbilligung oder Belohnung wie Zustimmung oder Lob ausdrücken – im Falle der Online-Kommentare in Enthemmung oder Empowerment.

Wenn Kommunikationsregeln die Funktion erfüllen, individuelle Erwartungen zu regulieren und entsprechende Erwartungsemotionen zu reduzieren, erscheinen sie wie die 42 auf die Frage nach Rationalität in Online-Diskursen. Also, Supercomputer? Damit sich neue Regelsets etablieren können, müssen die eigenen Erwartungen verändert, fremde Erwartungen miterwartet und mit den eigenen harmonisiert werden. Diese Anpassungen vollziehen sich zumeist ohne Kommunikation, sondern ergeben sich aus dem Zweck, gewisse Bedürfnisse oder Ziele zu erreichen, die mit der Kommunikation einhergehen. Was sind im Falle von Online-Kommentaren Ziele und Bedürfnisse? Konsens? Spaß? Folgt man den zusammengefassten Ergebnissen der Dissertation von Nina Springer (2014) ergibt sich auf dieser Ebene der Auseinandersetzung vor allem eine Erkenntnis: Die User verfolgen nicht alle das gleiche Ziel.

 

Nina Springer (2014, S. 204)

Institutionalisierung = Erwartungen transformieren, Erwartungserwartungen miterwarten

Dass mit Kommunikation unterschiedliche Ziele einhergehen macht die Überlegung gemeinsamer Normen zwar komplexer, ist aber natürlich nicht unnatürlich und funktioniert, zumindest ab und zu, wohl dennoch. Der Vorgang der Regelentwicklung bzw. der Ausbildung sozialer Normen kann als Institutionalisierung bezeichnet werden.

„Institutionalisierte Erwartungen und Typisierungen dienen der Verhaltenskoordination in Interaktionen, indem sie gleichzeitig Anweisungs- und Auslegungsschemata darstellen. Wer ein bestimmtes Ziel erreichen will, muss sich gemäß dieser Norm verhalten. Wenn ein Verhalten, was dem Schema entspricht, beobachtet wird, wird ausgeschlossen, dass der andere das entsprechende Ziel erreichen will” (Geller, 1994, S. 30).

Der Unterschied von institutionalisierten zu individuellen Normen ist, dass sie unabhängig von Situationen sind: sie existieren über diese hinweg, sind frei von Persönlichkeitsmerkmalen und psychologischen Erwartungen der Situationsteilnehmenden. Soziale Normen sind das Resultat einer Entpersonalisierung des Sollens. Erwartungen werden vom faktischen Konsens aller unabhängig gestellt. Es handelt sich um objektive Gebote, welche auch von jenen berücksichtigt werden, welche nicht Teil einer Situation sind, sondern deren Aufmerksamkeit sich „aktuell anderen Dingen zuwendet“ (potentielle Miterlebende). Geller umschreibt den Charakter institutioneller Erwartungen, indem er sagt, dass man Unterstützung zur Durchsetzung der eigenen Erwartungen durch Anrufung Dritter gewinnen kann. Ein Beispiel dafür, wie gut die Etablierung neuer sozialer Normen in besonderen Kontexten gelingt, bringt Crueger (2013) in einem Essay für die BpB mit dem Karneval:

Dass so etwas funktionieren kann, ist alljährlich an kulturell imprägnierten Ereignissen wie dem Karneval zu erleben, einer kollektiven Übereinkunft zur zeitlich und räumlich definierten sozialen Entgrenzung. Aus dem spezifischen sozialen und kulturellen Kontext gerissen wären die dort vollzogenen Praktiken in weiten Teilen jenseits dessen, was gemeinhin gesellschaftlich toleriert wird. Erst durch die historisch gewachsenen und kulturell akzeptierten äußeren Rahmensetzungen wird der Karneval zur anerkannten Institution.

Wo bleiben die Normen?

Menschen können sich sozial darauf einigen es als gemeinsame Norm zu akzeptieren, tagsüber betrunken in absurden Kostümen auf die Straße zu gehen. Sie verstehen sich dabei (außer, sie wehren sich akkut, was auch eine Bewältigungsform nicht-erfüllter Erwartungen ist, siehe letzter Beitrag). Warum scheinen aber Kommentarspalten noch keine Institutionalisierung erlebt zu haben? In expliziter Weise haben sie das sogar: Nachrichtenanbieter kontrollieren ihre Kommentarspalten immer intensiver. Der Bundestag verabschiedet am 30. Juni 2017 das Netzdurchsetzungsgesetz, welches „Onlinenetzwerke zu einem härteren Vorgehen gegen Hetze und Terrorpropaganda verpflichten soll“ (Die Zeit Online, 2017). Ratgeber im Umgang mit Kommentaren werden fast schon inflationär veröffentlicht. Sind es die besonders schweren Bedingungen für Normierung der Aufmerksamkeit und der Schaffung eines gemeinsamen Situationsverständnisses? Oder sind die Bedürfnisse und Ziele der User zu vielseitig oder gar nicht kommunikationsorientiert? Von denjenigen, die kommunikationsorientierte Bedürfnisse haben, ist entsprechend des Uses & Gratifications-Ansatzes anzunehmen, dass sie bei Misserfolgen auf andere Tätigkeiten zue Bedürfnisbefriedigung zurückgreifen. So beobachtet man es auch bei Kommentaren: Viele haben einfach aufgehört, sie zu lesen. Aber wer bleibt übrig?

Fazit

Die These ist, dass Emotionalisierung in Online-Kommentaren dadurch entsteht, dass die Erwartungen bzw. individuelle Normen sich nicht zu sozialen Normen vereinen lassen. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Bedürfnisse und Ziele, welche sich keinem gegenseitigen Verständnis erfreuen können, löst Erwartungsemotionen aus, welche sich in Handlungen wie emotional-aufgeladenen Kommentaren oder Meinungsänderung widerspiegeln können.

Entsprechend wäre es eine “Frage der Zeit” beziehungsweise von Institutionalisierungsprozessen, dass sich soziale Normen herausbilden und Emotionen zumindest hinsichtlich Erwartungen wie von selbst reduzieren.

Doch einfach darauf zu warten verweist auf die Frage, wieso es noch nicht dazu gekommen ist: Liegen die Probleme in den kommunikativen Bedingungen von Online-Kommentaren, an der Unterschiedlichkeit der Ziele der User – oder an deren Kommunikationsferne?


Literatur

Crueger, J. (2013). Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Raum: Konflikt um die Reichweite sozialer Normen – Essay. Zugriff am 27.05.2018. Verfügbar unter http://www.bpb.de/apuz/157544/privatheit-und-oeffentlichkeit-im-digitalen-raum-konflikt-um-die-reichweite-sozialer-normen?p=all

Geller, H. (1994). Position, Rolle, Situation. Zur Aktualisierung soziologischer Analyseinstrumente. Opladen: Leske + Budrich.

Heckhausen, J. & Heckhausen, H. (2010). Motivation und Handeln (Springer-Lehrbuch, 5. Aufl. 2018). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Linke, C. (2010). Medien im Alltag von Paaren. Eine Studie zur Mediatisierung der Kommunikation in Paarbeziehungen (1. Aufl.). Zugl.: Erfurt, Univ., Diss., 2009. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

Springer, N. (2014). Beschmutzte Öffentlichkeit? Warum Menschen die Kommentarfunktion auf Online-Nachrichtenseiten als öffentliche Toilettenwand benutzen, warum Besucher ihre Hinterlassenschaften trotzdem lesen, und wie die Wände im Anschluss aussehen (Mediennutzung, Bd. 20). Univ., Diss.–München, 2012. Berlin: LIT.

Die Zeit Online (2017, 30. Juni). Bundestag verabschiedet Gesetz gegen Hasskommentare im Internet. Die Zeit Online. Zugriff am 29.08.2017. Verfügbar unter http://www.zeit.de/digital/internet/2017-06/bundestag-verabschiedet-gesetz-gegen-hasskommentare-im-internet

Bildmaterial

Bild Karneval: https://pixabay.com/de/luftschlangen-karneval-party-bunt-3099550/