Erwartungen zwischen Emotionen und Normenbildung

Dass Gefühle innerhalb von Kommunikation und vor allem bei Meinungsverschiedenheiten entstehen ist nicht spezifisch für Online-Kommentare. Auch ist es eher eine gesamtgesellschaftlich gegenwärtige Eigenheit, dass in politischen Diskursen scheinbar emotional argumentiert wird. Um richtige Kausalitäten nicht zu übersehen und Eigenschaften als Emotionstrigger zu vermuten, welche keine sind, muss bei der Untersuchung von Emotionen in Online-Kommentaren mitgedacht werden, dass es Faktoren gibt, welche nicht speziell für Kommentarspalten gelten, sondern eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen. Einerseits ist es wichtig, diese bei der Ursachensuche zu beachten, andererseits dürfen sie nicht als „Lösung“ auf die Frage nach Emotionalisierungsfaktoren in Kommentaren ausgezeichnet werden.

Als besonders relevant für Emotionsgenese habe ich im letzten Beitrag die Diskussion um den Faktor Erwartungen eröffnet. Erwartungen nehmen im Bewertungsprozess eine maßgeblich emotionsbeeinflussende Position ein. Sie können erfüllt oder enttäuscht werden (Preyer, 2012). Gefühle sind eng an diese Reaktion geknüpft. Ich fühle mich bedrückt, enttäuscht oder selbst wütend, wenn ich hetzerische Online-Kommentare lese. Wie kann das sein? Warum äußern sich “diese Menschen” so unreflektiert und emotional vor allen anderen? Das widerspricht dem, was ich kenne. „Die Enttäuschung von Erwartungen löst bei den Beteiligten [sic!] Irritationen aus, die wir auch psychologisch als Gefühle beschreiben. Man ist zum Beispiel über ein bestimmtes Verhalten enttäuscht, verärgert, niedergeschlagen und erstaunt” (Preyer, 2012, S. 80). Preyers beschriebene Emotionen sind solche, die auch beim Lesen von aggressiven Kommentaren aufkommen können. Erwartungen an Kommentare werden enttäuscht.

Wenn man meine vorherigen Einträge gelesen hat, dann weiß man, dass ich und auch sonst einige Studien gute Gründe sehen, weshalb Kommentare emotional sind. Dennoch scheint etwas anderes von ihnen erwartet zu werden – denn andernfalls würde man weniger emotional darauf reagieren. Oder?

Ursachen falscher Erwartungen an die Kommunikation in Online-Kommentaren

Erwartungen werden vornehmlich aus eigenen Erfahrungen entwickelt – und gleichzeitig ist es nicht möglich, “keine” Erwartungen zu haben (Preyer, 2012). Ist eine Situation neu oder fremdartig, lässt sie unterschiedliche Regelinterpretationen zu, an die falsche Erwartungen geknüpft sein können. Online-Kommentare sind fremd- und neuartig u.a. aufgrund ihrer hybriden Form zwischen Massenkommunikation und interpersonaler Kommunikation (Neubaum & Krämer, 2017). Außerdem sind sie diffus hinsichtlich ihrer Öffentlichkeit und vereinen Kommunikationsformen, an welche grundlegend unterschiedliche Kommunikationsregeln geknüpft sind (einseitig/zweiseitig, privat/öffentlich). Als Kommunikationsregeln ist ein Set von Regeln zu verstehen, welches Menschen miteinander teilen und ein Fundament für Kommunikationsprozesse darstellt. Menschen müssen sich dieser Regeln bewusst sein, müssen diese praktisch umsetzen und aktiv anwenden können. „Mit einer Veränderung von Kommunikationssituationen, wie sie etwa durch die Verbreitung der Nutzung technischer Kommunikationsmedien im Allgemeinen (…), ist auch das Regelwissen neu zu verhandeln“ (Linke, 2010, p. 29), dann darüber existiert das Fundament eines gemeinsamen Wissen möglicherweise noch nicht. Dies könnte auch auf Online-Kommentare zutreffen.

Verschiedene Erwartungen an Kommunikationsregeln gehen außerdem mit den geringen Kontexthinweisen einher: In Kommentarspalten können sich Menschen mit verschiedenen sozialen Positionen und Weltvorstellungen unterhalten, ohne dass ihnen dieser Unterschied bewusst sind (Sikorski, 2016). Die soziale Position spielt in der Kommunikation eine wesentliche Rolle: Sie beeinflusst „das Bild, dass die jeweiligen Kommunikationspartner voneinander haben“ und damit sowohl den Inhalt kommunikativer Interaktionen als auch die Palette möglicher Sprechakte. In keiner mir bekannten Situation treten so unterschiedliche Menschen in Kontakt: eine Eigenschaft, die für Online-Kommentare sehr spezifisch scheint und es schwer für User macht, die Kommunikationssituation zu definieren und realistische Erwartungen zu haben. Doch „erst infolge der wechselseitigen Erwartungen sind die beiden Kommunikationspartner imstande, auch die eigentliche Kommunikationssituation, in der sie sich befinden, zu definieren und Sprechakte zu setzen, die dieser Situation angemessen erscheinen“ (Burkart, 2002, p. 118).

Geller (1994) lehnt sich stark an Luhmann an und ergänzt, dass um überhaupt Handeln zu können, “akzeptierte Situationsdefinitionen” die Voraussetzung sind. Er argumentiert: „Aufgrund begrenzter Kapazität für Aufmerksamkeit impliziert jeder Sinn mehr als durch Kommunikation explizit werden kann“ (S. 27). Online-Kommentare sprengen bekannterweise in ihrer Online-Umgebung die Grenzen mentaler Kapazitäten ohnehin: doch scheint das eine Eigenschaft aller Kommunikationssituationen zu sein. Wohin die Aufmerksamkeit sich richtet, bestimmen auch Faktoren, die über die Kommunikation hinausgehen. Damit User sich verstehen können, müssen sie ihre Aufmerksamkeit auf die gleichen Gegenstände richten. Das können sie, wenn sie Erfahrung darin haben, worauf die anderen ihre Aufmerksamkeit richten und was sie erwarten. Soziale Situationen erfordern es, Erwartungserwartungen zu haben. Erwartungen daran, was andere erwarten. Doch woher soll man das wissen, wenn man den anderen nicht kennt und die Situationen einen fremd ist?

Struktur von Erwartungen

Ich fange wieder an, Usern eine gewisse Unfähigkeit zu unterstellen, die ihnen nicht gerecht wird. Online-Kommentarspalten haben sich bereits weiterentwickelt und Kommunikationsweisen verändert. Was ganz natürlich ist, denn Erwartungen sind auf den Enttäuschungsfall gerichtet und stellen sich durch Lernen ein (Geller, 1994). Sie sind „eine Struktur auf dem Sprung“: sie passen sich an, so auch, wie im letzten Beitrag vermutet, hinsichtlich der Art von Kommunikation in Kommentaren. Erwartung „bestimmt sich selbst im Unterschied zu ihrer möglichen Enttäuschung, nutzt jedoch die Enttäuschung nicht etwa dazu, gar nicht mehr zu erwarten, sondern dazu etwas anderes zu erwarten, inklusive der Möglichkeit, nichts zu erwarten“ (Preyer, 2012, p. 77).

Das stimmt allerdings nur zum Teil: Erwartungen müssen sich nicht anpassen. Lernen und Nicht-Lernen erfüllen gleiche Funktion der Enttäuschungsbewältigung „Über Erwartungen wird dem einzelnen die Freiheit ermöglicht, seine Erwartungen bei Enttäuschung beizubehalten oder zu ändern. Er kann lernen, muss es aber nicht“ (Geller, 1994, p. 25). Erwartungen sind entweder kognitiv (Erwartungeinstellung durch Lernen) oder kontrafaktisch Erwartungen. Kontrafaktisch wird der Enttäuschungsfall als unwichtig erklärt. Es ist nicht notwendig, auf Abweichungen mit Verhaltenskorrektur zu reagieren, so dass nicht automatisch ein Lernprozess ausgelöst wird. Es kann also sein, dass wir an Erwartungen festhalten, obwohl wir andere Erfahrungen machen.

Dafür ist es notwendig, sich damit zu beschäftigen, wie Erwartungen entstehen. Gehen wir zunächst davon aus, dass Erwartungen auf Erfahrungen beruhen. Erfahrungen erfolgen in Form von Typen. Dabei sind Typen Abstraktionen von Erfahrungen, die in Hinblick auf Vergleichsgesichtspunkte gemacht werden. Typisierung ermöglicht, dass sich Erwartungen an Vorerinnerungen eines bestimmten Objektes/Ereignisses ausbilden können (Geller, 1994). In bekannten Situationen wird Verhalten nach spezifischen Erwartungen ausgerichtet. Spezifisch bedeutet, dass es auf konkrete Erfahrungen in bestimmten Situationen beruht. In unbekannten Situationen wird Verhalten nach generalisierten Erwartungen ausgerichtet (Kassebaum, 2004). Diese beruhen auf Erfahrungen einer Vielzahl ähnlicher Situationen oder extern durch Übernahme der Erfahrungen anderer oder durch die Bewertung von Massenmedien. Generalisierte Erwartungen sind abstrahierte Lernerfahrungen eines Individuums und sehr änderungsresistent. Weiterhin können Erwartungen normativ, heißt nicht erfahrungsbasiert, sein und sind daher gleichzusetzen mit Wünschen und Hoffnungen.

Entsprechend könnte man argumentieren, wenn doch Menschen schon lang im Netz unterwegs sind und noch immer emotional auf Kommentare reagieren, dass im Umgang mit Online-Kommentaren Erfahrungen häufig kontrafaktisch bewertet werden oder die Hoffnungen und Wünsche aufrecht erhalten werden, welche daran gesetzt sind. Und gleichzeitig sind die Mechanismen nicht so linear: Von Vorerfahrungen kann nicht einfach auf Erwartungen geschlossen werden. Erwartungen lassen immer mehrere Möglichkeiten zu, als tatsächlich realisiert werden können. Bedeutet, man glaubt nicht, dass jeder Kommentar ein Hasskommentar sein muss; es sind auch andere Varianten vorstellbar. Damit sind Erwartungen vielschichtig bzw. komplex. Außerdem sind sie zufällig bzw. kontingent: Sie setzen Sachverhalte voraus, welche nicht gegeben sein müssen; am Beispiel von Online-Kommentaren bekannterweise, dass die anderen einen ähnlichen Wissensstand oder allgemein Ähnlichkeiten haben mit einem selbst (Geller, 1994).

Dass Erwartungen eingehalten werden ist bei der Unterschiedlichkeit von Situationen und Erwartungen selbst unmöglich; dass sie gebrochen werden ist aber wie bereits erwähnt nichts Ungewöhnliches: es ist Teil von Erwartungen. Die Verletzung von Erwartungen erfüllt sogar Funktion: Innerhalb einer Gruppe werden positive und negative Gefühle bei Befolgung und Verletzung von Erwartungen ausgelöst. „Das erfordert von den Systemmitgliedern eine entsprechende Konditionierung und den Umgang mit Selektionen, die mit Erwartungen einhergehen“.

Fazit

Erwartungen innerhalb von Gruppen sind über Emotionen anpassbar. Kommunikation und Verhalten regeln sich in Gruppen, stimmt sich ein. Für die Auseinandersetzung mit Online-Kommentaren ist das eine besondere Perspektive: über Erwartungen können Wechselwirkungen mitgedacht werden, um entstehende Dynamiken der Kommunikationssituation und –regeln zu verstehen. Werden Erwartungen nicht erfüllt, kommt es in der Regel zur Anpassung der Erwartungshaltung und der Umgang miteinander wird konditioniert. Eine enttäuschende Erfahrung in der Rezeption von Online-Kommentaren führt also dazu, dass man seine Erwartung an die tatsächlichen sozialen Normen anpasst – und entsprechend anders oder abnehmend emotional darauf reagiert. Durch diese Art Feedbackschleifen (Waldherr, 2017) wird eine Dynamik erzeugt, welche die Kommunikationssituation auch insofern bestimmt, dass die Rollen Rezipierender und Kommunizierender nicht klar verteilt sind und sich mit veränderter Erwartungshaltung auch die Kommentare selbst ändern. Persönliche Erwartungen sind dabei als individuelle Normen zu verstehen, welche, sobald „alle“ sie anerkennen, zu sozialen Normen werden können. Erwartungserwartungen, also das Verständnis davon, was andere erwarten und die Ausrichtung danach ist „Voraussetzung für soziale Normbildung“ (Geller, 1994, p. 25). Soziale Normbildung? Ein Aspekt, der vielleicht interessant ist?

Dieser heute doch sehr theoretische Beitrag stellt Erwartungen als einen Faktor dar, welcher Emotionen im Besonderen beeinflusst. Neben Überlegungen dazu, wie falsche Erwartungen an Online-Kommentarspalten zu begründen sind, wurde auf die Frage eingegangen, welche Erwartungen Rezipierende an Online-Kommentare stellen können. Als Antworten wurden nicht konkrete Erwartungshaltungen gesucht, sondern Recherchen und Überlegungen darüber angestellt, welche Strukturen Erwartungen haben können. Sind es normative Erwartungen, also eher Wünsche und Hoffnungen? Beruhen die Erwartungen auf eigenen oder Erfahrungen oder sind sie extern angeeignet? Reagieren Menschen kognitiv auf enttäuschte Erwartungen oder kontrafaktisch? Könnten das Ursachen dafür sein, dass User emotional auf Kommentare reagieren?

Ich komme zum Schluss ganz typisch nochmal mit einer Grafik um die Ecke, um mir die Zusammenhänge zu merken:

 

Dieser Beitrag und Erwartungen an sich werfen aber auch gleichzeitig wieder eine Vielzahl neuer Fragen auf: Welche Emotionen gehen konkret mit Erwartungen einher? Was passiert, wenn Erwartungen immer wieder enttäuscht werden? Was ist notwendig, damit aus Erwartungen als eine Art individueller Normen soziale Normen entwickelt werden? Es steht an, sich damit auseinanderzusetzen, ohne den Fokus auf die Gegenstände KOMMUNIKATION und EMOTION zu verlieren.

Ahoi und danke fürs Lesen!

*Anmerkungen zum Beitragsbild: Die mit https://www.jasondavies.com/wordcloud/ erstellte Wordcloud verdankt ihren Auftritt diesen sehr textlastigen Beitrag und der Hoffnung, dass die vielen bunten Farben zum Anklicken einladen. Mehr Bedeutung steckt nicht drin. Typisch Wordclouds.


Literatur

Burkart, R. (2002). Kommunikationswissenschaft: Grundlagen und Problemfelder ; Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Teilw. zugl.: [Wien, Univ.], Habil.-Schr., [1983] (4., überarb. und aktualisierte Aufl.). UTB Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft: Vol. 2259. Wien: Böhlau.

Geller, H. (1994). Position, Rolle, Situation: Zur Aktualisierung soziologischer Analyseinstrumente. Opladen: Leske + Budrich.

Kassebaum, U. B. (2004). Interpersonelles Vertrauen: Entwicklung eines Inventars zur Erfassung spezifischer Aspekte des Konstrukts. Universität Hamburg, Hamburg.

Linke, C. (2010). Medien im Alltag von Paaren: Eine Studie zur Mediatisierung der Kommunikation in Paarbeziehungen. Zugl.: Erfurt, Univ., Diss., 2009 (1. Aufl.). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

Neubaum, G., & Krämer, N. C. (2017). Opinion Climates in Social Media: Blending Mass and Interpersonal Communication. Human Communication Research, 348. https://doi.org/10.1111/hcre.12118

Preyer, G. (2012). Rolle, Status, Erwartungen und soziale Gruppe. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Sikorski, C. v. (2016). The effects of reader comments on the perception of personalized scandals: Exploring the roles of comment valence and commenters’social status. International Journal of Communication. (10), 4480–4501.

Waldherr, A. (2017). Öffentlichkeit als komplexes System. Theoretischer Entwurf und methodische Konsequenzen. Medien & Kommunikationswissenschaft, 65(3), 534–549. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2017-3-534