Friend or Troll? – Welche Erwartungen haben wir, wenn wir Online-Kommentare lesen?

Als ich 2015 immer häufiger über emotionale und aggressive Kommentare im Netz stieß, war ich davon so schockiert, überrascht und überrollt, dass ich sie zum Gegenstand meiner Promotion machte. Wieso waren die Menschen so wütend? Was hatten all die Dinge mit ihnen zu tun? Wieso regten sich Menschen sogar über harmlose Berichte zu Themen wie Fernsehsendungen so unverhältnismäßig auf? Nichts schien positiv oder banal genug, um nicht aggressiv darauf zu reagieren.

2015 – 2018: Über eine sich verändernde Kommunikationskultur

Obwohl mir zu diesem Zeitpunkt nicht mal bewusst war, wie hoffnungsvoll auf das Internet als Ort rationalen Austauschs geblickt wurde, erschienen mir die Kommentare ernüchternd. Auch im öffentlichen Diskurs wurde thematisiert, dass sich Hate Speech oder Shitstorms als populäre Phänomene herausbilden würden. Dass „Hass im Netz“ ein “gesamtgesellschaftliches Problem” sei (Schmid, 2017). In den Jahren 2015/2016 gewann das Thema vor allem aufgrund der Gerichtetheit von Hass und Hetze gegen Geflüchtete an Fahrt. Die großen Fragen lauteten: Warum schreiben User Hasskommentare? Woher kommt der Hass? Wer sind diese Menschen? Alles Nazis? Mediale und wissenschaftliche Auseinandersetzungen kamen zu vielerlei Schlüssen und Begründungen des Verhaltens. Bewusste Einschüchterung (Schmitt, 2017), der Ausbruch der Minderheit aus der Schweigespirale (Schweiger, 2017), technisch bedingte Überforderung, verminderte Selbstaufmerksamkeit (Kaspar, 2017) und so weiter.

Der öffentliche Diskurs drehte sich aber zunehmend nicht mehr darum, warum „so viele“ Menschen Hass empfinden und verbreiten, sondern darum, welche Bedeutung es für Lesende hat, damit konfrontiert zu werden. Eine Forsa-Studie (2017) zeigt in einer Online-Befragung mit ca. 1.000 Personen, dass 67 Prozent der Befragten bereits mit Hasskommentare im Internet in Kontakt waren. Aus öffentlicher und auch kommunikationswissenschaftlicher Perspektive interessiert, was das Lesen von Hass im Internet für die Gesellschaft bedeuten könnte; welche Folgen es haben würde, wenn viele Menschen diese Inhalte lesen. Prognosen wurden gestellt, wie Emotionen im Netz Lesende anstecken (Ferrara & Yang, 2015), sich Kommentare auf Meinungsbildung auswirken (Schweiger, 2017; Ziegele, 2016), sich diese Meinung in politischer Deliberation widerspiegeln und welche Zusammenhänge es geben würde zwischen rechtsextremen Entwicklungen und der emotional ausgelösten Hetze im Netz (Die Zeit Online, 2017).

Längst ist das Thema Hasskommentare im Internet und die Konfrontation damit so routiniert, dass unterschiedlich entweder Vermeidungs- und/oder Konfrontationsstrategien gesucht und angeboten werden, um damit umzugehen. Literatur dazu überschwemmt gerade förmlich den Büchermarkt (ich glaube, Ingrid Brodnig (2016) war eine der Ersten mit Handlungsempfehlungen). Von Kommentaren ausgehende Gefahren werden nicht mehr in Frage gestellt: sie gelten als gesichert.

Mit der Bekanntheit ihrer Wirksamkeit scheinen Hasskommentare sogar vermehrt strategisch aufzutreten. Skandale über systematische Hetzkampagnen nehmen zu. Trolle machen sich die Wirkung von Aggression zunutze. Trolle sind so gesehen auch eine Antwort auf die Debatte um Hasskommentare: Da verbreiteter Hass so einflussreich ist, warum Hass dann nicht gezielt einsetzen? Nach dem Skandal der russischen Troll-Armee wurde im Februar eine Studie des Institute for Strategic Dialogue in London bekannt. Die Auswertung von 18.000 Kommentaren auf Facebook zu Beiträgen von Bild, Focus Online, Kronen-Zeitung, Spiegel Online, tagesschau.de, Welt und den ZDF-heute-Nachrichten zeigte, dass „die Hälfte der Likes [von Hasskommentaren] auf nur fünf Prozent der Accounts“ zurückzuführen ist (DW, 2018). Hasskommentare wurden nun bekanntermaßen nicht als emotionale Entladung von Usern mit zu vielen Gefühlen oder Unzulänglichkeiten in der Vorstellung darüber, dass es Menschen sind, die am anderen Ende der Leitung sitzen, identifiziert. Sie sind das Produkt von Trollen, Social Bots und Algorithmen. Und wir wissen darum.

Über sich verändernde Erwartungen an Online-Kommentare

Seit 2015 haben sich Online-Kommentare im Netz völlig verändert haben. Wenn ich mich heute durch Kommentarspalten scrolle, dann vermute ich hinter grenzwertigen Kommentaren den Vorsatz einer Minderheit. Kurz bedrückt verlieren die Kommentare meine Aufmerksamkeit. Vielleicht verdrehe ich die Augen und schließe ganz einfach den Tab. Die Wirkung der Kommentare auf mich hat sich durch eine Routine und ein anders gelagertes Wissen um den Gegenstand verändert. Mit veränderten Erwartungen sinken aufkeimende Emotionen.

Im selbstverständlichen Bewusstsein darüber, dass mein Empfinden nicht für das aller spricht, fiel mir bei der Auseinandersetzung mit Erwartungen im Prozess von Emotionsentstehung auf, dass gar nicht klar ist, von welchen Erwartungen ich ausgehen kann. Zunächst in der Überlegung, Lesende würden erwarten, dass die Kommentare, die sie rezipieren, von anderen Usern geschrieben wurden und sie sich in einer Art gleichberechtigter Kommunikationssituation befinden, kam mir der Gedanke, dass diese Perspektive veraltet sein könnte. Warum sollten die User das denken? Ich unterstelle den Lesenden in einer Art sowohl Unwissenheit über die Mechanismen des Internets als auch Unerfahrenheit im Umgang damit, die ihnen vielleicht nicht gerecht wird. Was passiert mit den Erwartungen der Nutzenden mit Veränderung der kommunikativen Praktiken? Wie verändert es die emotionale Reaktion auf Kommentare, wenn Lesende nicht mehr gleichberechtigte Nutzende auf der anderen Seite der Leitung erwarten und unverhofft auf Wut stoßen, sondern routiniert Hasskommentare als systematisch platzierte „Werbung“ anerkennen? Eine Tendenz, die in den nächsten Jahren vermutlich noch zunehmen wird.

Über den Einfluss von Erwartungen auf Emotionen

Ist das vielleicht eine wichtige Perspektive, die mir helfen kann, Emotionalisierung richtig zu verstehen? Nach kognitiven Emotionstheorien läuft Emotionsentstehung als Prozess ab, welcher auf Interpretation, Bewertung und Einschätzung einer Situation beruht. Eine Bewertung erfolgt dabei als „eine Art Messung der tatsächlichen im Vergleich zur angezielten, erwarteten oder gewohnheitsmäßig gegebenen Situation“ (Käsermann, 1995, S. 37). „Die tatsächlich emotionalisierende Wirkung von potentiell unterwarteten Ereignissen ist (…) das Produkt einer unter bestimmten kommunikativen Bedingungen vollzogenen Interpretation/Bewertung“ (Käsermann, 1995, S. 55). Aus der psychologischen Sicht wird die Annahme begründet, dass Emotionen etwas sehr individuelles sind, welche vor allem durch persönliche Erfahrungen, Erlebnisse, Wünsche und Erwartungen sowie auch der Persönlichkeit geprägt sind (Schlimbach, 2007). Die Bewertung einer Situation findet prozessual vor der Emotionsentstehung gelagert statt. Emotionen entstehen durch „die bewusste oder unbewusste subjektive Bewertung bzw. Interpretation eines Ereignisses vor dem Hintergrund von Zielen, Wünschen und Überzeugungen“ (Scheve, 2012, S. 116). Ich erkenne vier “Schritte”, die ich nun im Schema darstellte, statt in Textform zu erklären:

 

Im Sinne obiger Auseinandersetzung gehe ich davon aus, dass sich von 2015 bis heute die Erwartungen an die Kommentarspalten seitens der User verändert haben. Ich nehme an, dass die Differenz zwischen Erwartungen und Situationsinterpretation vor ein paar Jahren größer war als heute. Erfahrung und Medienberichten haben einen Lerneffekt ausgelöst, sodass die tatsächliche Situation nun eher den Erwartungen entspricht. Folglich sinkt die Differenz, was sich wiederum auf die Bewertung und Emotionsentstehung auswirkt. Auf die Bewertung der Situation wirken sich im Zeitverlauf vermutlich auch die Ziele aus, die jemand damit verfolgt, Online-Kommentare zu lesen. Beispielhaft könnte jemand statt mit dem Ziel des Informationsaustauschs Kommentare nun eher zu Unterhaltungszwecken nutzen (da die Erfahrung gezeigt hat, dass sich Kommentarspalten nicht für Informationsaustausch eignen).

Fazit

Die Überlegungen zum Einfluss von Online-Kommentaren auf Erwartungen und Emotionen sind nur beispielhaft für verschiedene Szenarien. Unlängst kann ich ernsthaft Schlüsse daraus ziehen. Um mich umfassend damit auseinanderzusetzen fehlt mir noch zu viel Wissen. Aber das Beispiel verleitet mich dazu, mir selbst einige Fragen zu stellen, anhand denen ich diesen Prozess weiter erforschen muss. Es lassen sich quasi Aufgaben in der Literaturrecherche ableiten:

Das ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber vielleicht ist kann ich damit dem Kern näher kommen und Online-Kommentare als Kommunikationsform besser zu verstehen.

 


Literatur

Brodnig, I. (2016). Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können (1. Auflage). Wien: Brandstätter.

Die Zeit Online (2017, 30. Juni). Bundestag verabschiedet Gesetz gegen Hasskommentare im Internet. Die Zeit Online. Zugriff am 29.08.2017. Verfügbar unter http://www.zeit.de/digital/internet/2017-06/bundestag-verabschiedet-gesetz-gegen-hasskommentare-im-internet

DW (2018). Studie: Minderheit steuert Hass-Kampagnen im Netz. Zugriff am 16.05.2018. Verfügbar unter http://www.dw.com/de/studie-minderheit-steuert-hass-kampagnen-im-netz/a-42667114

Ferrara, E. & Yang, Z. (2015). Measuring Emotional Contagion in Social Media. PloS one, 10 (11), e0142390.

Forsa. (2017). Hate Speech.

Käsermann, M.-L. (1995). Emotion im Gespräch. Auslösung und Wirkung (Aus dem Programm Huber, 1. Aufl.). Bern: Huber.

Kaspar, K. (2017). Hassreden im Internet – Ein besonderes Phänomen computervermittelter Kommunikation? In K. Kaspar, L. Gräßer & A. Riffi (Hrsg.), Online Hate Speech. Perspektiven auf eine neue Form des Hasses (Schriftenreihe zur digitalen Gesellschaft NRW, Band 4, S. 63-70). Düsseldorf: www.kopaed.de.

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. (2017). Der Hass im Netz bleibt ein gesamtgesellschaftliches Problem. Zugriff am 16.05.2018. Verfügbar unter http://www.lfm-nrw.de/service/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2017/2017/mai/hass-im-netz-bleibt-gesamtgesellschaftliches-problem.html

Scheve, C. von (2012). Die sozialen Grundlagen der Emotionsentstehung: Kognitive Strukturen und Prozesse. In A. Schnabel & R. Schützeichel (Hrsg.), Emotionen, Sozialstruktur und Moderne (S. 115-138). Wiesbaden: Springer VS.

Schlimbach, I. (2007). Emotionen und Informationsverarbeitung bei der Medienrezeption. Entwicklung und Überprüfung eines neuen Ansatzes (Reihe Rezeptionsforschung, Bd. 11). Univ., Diss.–Leipzig, 2007. München: Fischer.

Schmitt, J. B. (2017). Online Hate Speech: Definition und Verbreitungsmotivation aus psychologischer Perspektive. In K. Kaspar, L. Gräßer & A. Riffi (Hrsg.), Online Hate Speech. Perspektiven auf eine neue Form des Hasses (Schriftenreihe zur digitalen Gesellschaft NRW, Band 4, S. 51-56). Düsseldorf: www.kopaed.de.

Schweiger, W. (2017). Der (des)informierte Bürger im Netz. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Ziegele, M. (2016). Nutzerkommentare als Anschlusskommunikation. Theorie und qualitative Analyse des Diskussionswerts von Online-Nachrichten (1. Aufl. 2016). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Bildquellen

Troll: https://www.adam-eason.com/dealing-with-trolls-how-to-deal-with-vitriolic-people-online/