Theoriendiskurs in der KW: Tagungseindrücke aus der DGPuK2018-PreCon

Es gibt zu viele Theorien, es gibt zu wenige Theorien – das Fazit aus der DGPuK PreCon ist zugleich Grundtenor der Debatte um die Theoriebildung in der Kommunikationswissenschaft als auch ein Paradoxon, was – wie ich gelernt habe – eine Methode sein kann, um systematisch Theorien zu bilden. Was ich aus der PreCon mitnehme sind zum einen grundlegende Herausforderungen und Probleme in der wissenschaftlichen Theoriearbeit sowie explizite Ideen für die Arbeit an meiner theoretischen Dissertation. Zu Beidem möchte ich kurz berichten.

Universität Mannheim (Bildquelle: Uni Mannheim: http://www.uq.edu.au/uqabroad/universit-t-mannheim)

Der Fachdiskurs um wissenschaftliche Theoriearbeit

Als Einstieg eine Situationsbeschreibung: Die PreCon zu “Neue Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft” im Rahmen der DGPuK Jahrestagung fand diesen Mittwoch an der Uni Mannheim statt. Es trafen sich knapp 50 (Nachwuchs-)Wissenschaftler_Innen, um zum Thema Theorien in der Kommunikationswissenschaft vorzutragen, zu tagen und zu diskutieren. Das anwesende Sample an Menschen war eines, welches sich durch eine besondere Zuneigung zu Theorien charakterisieren lässt. Häufig war man sich während der Diskussionen einig, Theorien seien im Fach in irgendeiner Form, sei es durch Anzahl an (öffentlichen) Beiträgen oder Bedeutungszuweisung im gesellschaftlichen Diskurs, unterrepräsentiert. Da war ich ganz gut aufgehoben.

Eingeleitet wurde die PreCon durch einen (überspitzt provokanten) Vortrag von Klaus-Dieter Altmeppen und Tanja Evers. Titel: Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft: vielfältiger Wildwuchs, machtvolle Willkür – und ein einflussloses Fach. Unter anderem wurde das Ende der Integrationswissenschaft ausgerufen und die Bedeutungslosigkeit kommunikationswissenschaftlicher Theorien für die Gesellschaft proklamiert. Nicht zuletzt aufgrund der einführenden Präsentation war die Tagung durch zwei stets wiederkehrende Ideen/Verweise geprägt:

I Es gibt zu viele Theorien, es gibt zu wenige Theorien

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurden zwei paradoxe Positionen immer wieder problematisiert. Sowohl die These zu vieler Theorien in der KW als auch die zu weniger war Teil fast aller Beiträge. „Zu viele Theorien“: bezogen auf  Theorien geringer Reichweite, die sich aus qualitativen und quantitativen Einzelstudien ergeben, beschränkte Aussagekraft und überschaubare Kausalbezüge aufweisen. Sie haben eher Modell-, Konzept oder Aussagencharakter inne, sind „Wildwuchs“. „Zu wenig Theorien“ bezieht sich auf solche mittlerer Reichweite, die bedeutungsvolle Zusammenhänge erkennen und die KW wohl meistens aus fachfremden Bereichen entleiht. Letztendlich handelt es sich also gar nicht um ein Paradoxon. Beides kann zutreffen. Letztendlich ergab sich daraus ein auch für mich wesentliches Fazit bzw. eine Erinnerung: Kommunikation ist der Kern des Faches. Beim “Theorie-Shopping” in anderen Disziplinen darf man das nicht vergessen.

II Theorien und Theoretiker_Innen sind im Fach unterrepräsentiert

Die Resonanz der PreCon war enorm und hat gezeigt, dass das Thema zu wichtig ist, um im Hintergrund zu bleiben – das war der zweite Haupttenor der Tagung. Stimmt vielleicht. Es hat Spaß gemacht, sich darüber auszutauschen wie wichtig Theorien sind und das die Ergebnisse aus Empirie ohne sie teilweise nicht genügend Aussagekraft für die Erklärungen gesellschaftlicher Prozesse erlangen können. Aber die Wahrnehmung von Theorien im Fach nimmt durch interne Treffen kaum zu – falls das überhaupt notwendig ist. Auf der Preisverleihung der eigentlichen Jahrestagung ging zum einen der Dissertationspreis an die theoretische Dissertation von Christian Katzenbach zu Regeln digitaler Kommunikation, wie auch der Zeitschriftenpreis an die theoretische Arbeit von Annie Waldherr zur Öffentlichkeit als komplexes Phänomen. Natürlich ist es dennoch auch mein Interesse, dass Theorien mehr Platz in Journals finden. Was ich für mich sehe ist allerdings auch, dass es fruchtbar erscheint, sich wie andere Publikationsmöglichkeiten zu erschließen.

Eine weitere Sache, dir mir tatsächlich am Herzen liegt und nicht Tenor der Tagung war, sondern derer persönlicher Gespräche, war festzustellen, dass es „nicht nur mir so geht“ mit dem Glaube, dass Kommunikation in digitalen Räumen sich schwer durch rein empirisches Arbeiten verstehen lässt. Dass nicht nur ich glaube, dass es an theoretischen Aufarbeiten mangelt. Wie muss digitale Kommunikation überhaupt verstanden werden? Welche Beobachtungen können durch bestehende Theoriearbeiten bereits erklärt werden, ohne, dass es dafür neue Mikrotheorien braucht?

Ideen für meine Arbeit

Die PreCon hatte durch Ideen- und Erfahrungsaustausch einen echten Mehrwert für mich und meine Dissertation. Nun gilt es, diesen auch festzuhalten und umzusetzen.

1 – Der Kern der Kommunikationswissenschaft ist Kommunikation!

Natürlich. Und dennoch: Versucht man einen neuen Blick auf Online-Kommentarspalten zu werfen, kommt man schnell von einer Idee auf die nächste, die die Prozesse online beschreiben könnten – und so landet man schnell auch mal in Soziologie und Psychologie. Ich bin Kommunikationswissenschaftlerin und mein Blickwinkel ist kommunikationswissenschaftlich. Notiz an mich selbst.

2 – Theoriebildung: Es gibt zu viele, es gibt zu wenige. Beeinflusst das mein Ziel?

Wie kann ich bei der Theoriebildung eine mittlere Reichweite erreichen, die vielleicht nicht nur zum Wildwuchs beiträgt? Wie kann ein Konzept so erstellt werden, dass andere Wissenschaftler_Innen damit arbeiten können (ein Punkt, der bei der Arbeit von Annie Waldherr besonders gelobt wurde) und/oder relevante Zusammenhänge erklären kann?

3 – Eine Theorie strategisch entwickeln, um nicht vom Weg abzukommen

Welche Strategien gibt es zur Theorievermittlung? Wie kann Theorievermittlung methodisch gefasst werden? Die Arbeit von Hagen, Frey und Koch dazu hatte ich bereits zitiert. In der Tagung wurden Weiterentwicklungen von Benjamin Krämer und Felix Frey vorgestellt, die mir vielleicht helfen, die ersten beiden Punkte gezielt anzugehen. Einfache Zusammenhänge können durch die Variation von Kausalverhältnissen oder Kreuztabellierungen strategisch angegangen werden. Komplexere Strategien der Theoriebildung sind für mich jedoch wohl eher von Bedeutung. Krämer und Frey haben folgende Strategien genannt, die sie in der Vielzahl theoretischer Arbeiten von Luhmann identifiziert haben:

  • Unterscheidungen treffen und auf sich selbst anwenden: Ist Recht eigentlich rechtens?
  • Probleme finden, die schon gelöst sind: Wie steigt die Erfolgschance von Kommunikation? (eine Idee, die ich bereits selbst hatte und verwirklicht habe)
  • Paradoxien erzeugen: Wer Knappheit beseitigen will, erzeugt Knappheit; man kann nicht sagen dass man meint, was man sagt
  • Autologische Theorien: Wissenschaft ist auch nur ein Funktionssystem; seine Evolution musste früher oder später die Systemtheorie hervorbringen

Fazit

Ein Eindruck bleibt da noch:

Viel Wille, wissenschaftlich mit den technischen Entwicklungen mitzuhalten, aber noch keine Lösungen.

Vielleicht ist es so, dass Wissenschaftler_Innen versuchen sich theoretisch der technischen Entwicklung von Datafizierung und Digitalisierung unentwegt zu nähern, aber noch nicht ganz hinterherkommen. Und vielleicht kann ich einen Teil dazu beitragen. Zumindest ist der Gedanke herausfordernd und animierend, um weiter am Projekt zu arbeiten. Danke für die tolle Tagung.