Methodischer Individualismus (T&E III)

Modell und Auseinandersetzung bezieht sich auf die Arbeit von Opp, K.-D. (2014). Methodologie der Sozialwissenschaften. Einführung in Probleme ihrer Theorienbildung und praktischen Anwendung (7. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

 

Theoretische Hintergründe


Zum Modellkonzept

Fragestellung des Modells: Wie kann man eine Beobachtung mit komplexen Zusammenhängen erklären?

Grundannahme: Es besteht eine Beziehung zwischen Kollektivmerkmalen. Das Explanandum besteht demnach aus einer Makrohypothese.

Kern des Modells: Ziel ist die Erklärung eines Explanandums, welches einen Zusammenhang zwischen einem natürlichen Ereignis und einem kollektiven Sachverhalt annimmt (Makroeigenschaft). Im methodischen Individualismus wird die Theorie dennoch über das Handeln der individuellen Akteure gebildet (meistens Theorie des rationalen Handelns). Es handelt sich also erneut um ein Mikro-Makro-Konzept.

Allgemeine Anmerkungen:

  • Erklärungen können aus Gesetzesaussagen bestehen
  • Erklärungsargumente sind oft die Modelle selbst und der Vorgang der Erklärung selbst ist die Modellbildung

 

Vorgehensweise

(1) Explanandum entwickeln

  • Explanandum besteht aus einem kollektiven Sachverhalt und einem “natürlichen” Ereignis.

(2) Ausgangssituation beschreiben

  • Annahmen über Ausgangstheorie müssen formuliert werden
  • Das Zutreffen einer Handlungstheorie (normalerweise Theorie des rationalen Handelns) ist die erste Annahme des Modells, da das Modell Phänomene auf der Makroebene durch Handlungen der Individuen beschreibt.
  • Annahmen beziehen sich unter anderen auf die Handlungssituation.
  • Annahmen werden durch Vorstellung der Situation erarbeitet, gesteuert durch die Theorie des rationalen Handelns.

(3) Veränderung der Ausgangssituation durch natürliches Ereignis beschreiben

  • Eintreten eines “natürlichen Ereignisses”.
  • Muss unter Bedingungen der Ausgangssituation entstehen können.

(4) Änderung der Handlungen mithilfe einer Handlungstheorie beschreiben

  • Aus Kombination des natürlichen Ereignisses und den Bedingungen der Ausgangssituation leiten sich Handlungen ab.
  • Handlungen werden mit der Handlungstheorie begründet (Verringerung des Nutzens/Erhöhung der Kosten).

(5) Ergebnis formulieren

  • Ergebnis ist das Aggregat der veränderten Handlungen der Individuen (Kollektivmerkmal, Makroebene).

Beispiel

(1) Explanandum: “Menschenmassen lösen sich auf, wenn es anfängt zu regnen.”

(2) Ausgangssituation: Welche Nutzen und Kosten gibt es für das Verbleiben auf dem Platz bzw. für das Verlassen des Platzes?

Annahme 1: Theorie rationalen Handens trifft zu.

Entwicklung von Annahmen unter der Vorstellung einer konkreten Situation

  • Marktplatz, Abschlusskundgebung einer Demonstration
  • Nutzen: Interesse an der Veranstaltung –> Interesse ist unterschiedlich für die einzelnen Teilnehmende: Verteilung des Interesses ist abgestuft (Annahme 1 und 2)
  • Nutzen oder Kosten: Anzahl der Teilnehmenden –> Je weniger Personen an einer Massenveranstaltung teilnehmen, desto unangenehmer ist das Verbleiben vor Ort (man fällt auf, wird angesehen): Verteilung des unangenehmen Gefühls ist bei allen etwa gleich (Annahme 3 und 4)
  • Kosten: Nasswerden ist kostspielig: Verteilung der Kosten ist für alle gleich, da angenommen wird, dass sie darüber bereits informiert waren (Annahme 5)
  • Teilnahme der Veranstaltung kam deshalb zustande, weil vor Beginn der Veranstaltung die Nutzen größer waren als die Kosten (Annahme 6). Dies gilt für alle Teilnehmenden, aber im unterschiedlichen Maße (siehe Annahme 2): Nettonutzen (Nutzen abzüglich Kosten) ist für die Teilnehmenden variabel (Annahme 7)

(3) Veränderung der Ausgangssituation: Es beginnt zu regnen.

(4) Änderung der Nutzen und Kosten des Verbleibens und Folgen für da Verhalten der Teilnehmenden:

  • Kosten des Verbleibens steigen an (weil Nasswerden kostpielig ist und es regnet; Annahme 5 und 8).
  • Siehe Grafik: Nach und nach verlassen die Teilnehmenden die Veranstaltung als Folge von Annahme 3, 2 und 7.
  • Weil einzelne Menschen die Veranstaltung verlassen, führt das  letztendlich dazu, dass alle dies tun (Mikro-Makro).

(5) Ergebnis: Die Versammlung löst sich auf.

 

Anwendung des Modells

Ein Zusammenhang zwischen einem natürlichen Ereignis und einem kollektiven Sachverhalt wird angenommen. Als kollektiven Sachverhalt lege ich emotionale Kommunikation (von Menschenmassen, als Kollektivverhalten) fest. Durch welches “natürliche Ereignis” könnten sie ausgelöst werden? Eine grundlegende These meinerseits ist, dass Emotionen im Netz durch Unterschiede von Online-Diskussionen zu Offline-Diskussionen zustandekommen, welche den Usern nicht vertraut sind. Ursachen dafür sind falsche Erwartungen, Missverständnisse, Fehlwahrnehmungen und ähnliches. Als natürliches Ereignis in diesem Beispiel würde ich deshalb den Wechsel von offline zu online bestimmen.

Anwendung

(1) Explanandum:

Kommunikation ist emotionaler, wenn sie online passiert (im Vergleich zu direkter Kommunikation).

(2) Ausgangssituation:

Auch hier ist Annahme 1, dass die Theorie rationalen Handelns zutrifft, das heißt, größtmöglicher Nutzen bei geringstmöglichen Kosten erzielt werden soll. Somit muss zunächst klar sein, was Kosten und Nutzen von emotionaler Kommunikation ist: Welche Nutzen und Kosten entstehen durch eine emotionale bzw. rationale Kommunikation? Ich möchte dabei einen Fokus auf die Veränderung der sozialen Komponenten legen.

Kosten: Rationale Argumentation kostet kognitiven Aufwand | Nutzen: Rationale Argumentation führt zu Konsensbildung.

  • Annahme 1:  Theorie rationalen Handelns

Als nächste soll die Entwicklung von Annahmen unter der Vorstellung einer konkreten Situation passieren. Ich möchte mir zunächst eine Situation imaginieren, die offline stattfindet, aber ab Schritt (3) auch online vorstellbar ist. Das ist schwierig, da es kein Kommunikationsszenario gibt, was identisch überführen lässt. Ich entscheide mich für die Vorstellung einer Art Gruppendiskussion: In einer Gruppe von fünfzehn Leuten unterhalten sich die Teilnehmenden über ein Thema. Es wird kontrovers diskutiert. Ziel der Diskussion ist es, einen Konsens zu finden. Die Teilnehmenden vertreten unterschiedliche soziale Gruppen, was teilweise zu Kommunikationsschwierigkeiten führt. Sie sitzen in einer Reihe, wobei die erste und die 15. Person am weitesten voneinander entfernt sitzen.

  • Annahme 2: Das Interesse der Teilnehmenden, einen Konsens zu finden ist unterschiedlich groß und abgestuft. (Interesse an der Konsensfindung)

Bei Annahme 3 handelt es sich um eine Brückenannahme, um einen nicht direkten Kosteneffekt, der mit der rationalen Argumentieren einhergeht, sondern einem indirekten Effekt. An dieser Stelle möchte ich Verständnis in unterschiedlicher Ausprägung einbringen:

  • Annahme 3.1: Je weniger die Argumente der anderen Teilnehmenden verstanden werden, desto schwieriger ist es, rational zu argumentieren. (Das Verständnis ist abhängig von der Ähnlichkeit der Teilnehmenden)
  • Annahme 3.2: Je weniger ich einen anderen Teilnehmenden kenne/wahrnehme, desto schwieriger ist es, rational zu argumentieren. (Das Verständnis ist abhängig von der Empathie mit anderen Teilnehmenden)
  • Annahme 3.3: Je weniger Personen rational argumentieren, desto weniger verständliche Argumente werden eingebracht und desto schwieriger ist es, rational zu argumentieren.

Es ergeben sich aus diesen Annahmen folgende weitere Annahmen:

  • Annahme 4: Die Kosten für rationales Argumentieren bei schrumpfender Ähnlichkeit und Empathie der Teilnehmenden sind unterschiedlich groß und abgestuft.
  • Annahme 5: Die Kosten des kognitiven Aufwands für rationales Argumentieren ist für alle Teilnehmenden gleich.
  • Annahme 6: Offline ist der Nettonutzen für rationales Argumentieren größer als der Nettonutzen, emotional zu argumentieren.
  • Annahme 7: Die Differenz des Nettonutzen für rationales und emotionales Argumentierens ist bei den Teilnehmenden verschieden (aufgrund von Annahme 2).

(3) Veränderung der Ausgangssituation:

Annahme 8: Die gleiche Kommunikationssituation wird nun in einen Online-Kontext übertragen.

(4) Änderung der Nutzen und Kosten:

  1. Kosten des rationalen Argumentierens steigen an (Annahmen 3 und 8).
  2. Teilnehmende mit der geringsten Nutzendifferenz einer rationalen Argumentation argumentieren emotional (Annahme 2, 4 und 7): Menschen, die nicht auf Konsensbildung aussieht sondern eher ihre eigenen Interessen vertreten wollen, neigen durch steigendes Missverständnis schneller zu emotionaler Argumentationweise.
  3. Kosten rationalen Argumentierens steigen durch sinkendes Verständnis durch mehr emotionale Argumente (Annahme 3.3)
  4. Weitere Teilnehmende mit geringster Nutzendifferenz einer rationalen Argumentation argumentieren ebenfalls emotional (Annahme 2, 4 und 7)
  5. Kosten rationalen Argumentierens steigen durch abnehmenden Wert der Diskussion (Annahme 3)
  6. Weitere Teilnehmende mit geringster Nutzendifferenz einer rationalen Argumentation argumentieren ebenfalls emotional (Annahme 2 und 7)

Schritte 5 und 6 erfolgen,  bis alle Teilnehmenden emotional argumentieren.

(5) Ergebnis:

Kommunikation online ist emotionaler als offline.

Visualisierung

Fazit

Das wichtigste Fazit ist wohl, dass es mir ziemlich schwer fiel sowohl ein natürliches Ereignis als auch einen kollektiven Sachverhalt zu finden, den ich gut in dieses Verhältnis bringen kann – und ich bin mir auch nicht sicher, ob mir das sonderlich gut gelungen ist. Der methodische Individualismus hat für mich und meinen Forschungskontext eher neue Fragen aufgeworfen, als welche zu beantworten. Ich bin etwas angeeckt mit der Auslegung des Begriffs Makro: Im Beispiel sind “Menschenmassen” einer Versammlung die Makroebene. Makro wird hier verstanden als “Aggregration individueller Merkmale im Zeitverlauf” (Opp, 2014, S. 102). Im soziologischen Sinne betrifft die Makroebene jedoch eher gesellschaftliche (Teil-)Systeme wie politische Systeme. Ganz entscheidend leitet sich bei mir die Frage ab, was Emotionalisierung oder Postfaktizität eigentlich auf Makroebene bedeutet: Dass “Menschenmassen” emotional handeln (wie es letztendlich auch im Modell erarbeitet wird, wobei Kommunikation als “Kollektiveigenschaft” ausgelegt wird), oder dass politische Entscheidungsträger emotional handeln (wie man es wohl Donald Trump unterstellen würde)? Trotz Ähnlichkeiten des Modells mit der Badewanne ist mir hier diese begriffliche Unklarheit erst aufgefallen.

Weiterhin ist es mir nicht gelungen, in diesem Modell das unterzubringen, was ich eigentlich unterbringen wollte: meine Hypothesen zur Begründung, weshalb Kommunikation eher emotional ist. Ich begründe diese vor allem mit falschen Erwartungen an die Kommunikationssituation. Ich denke, zum einen liegt das Problem an der Art meiner Ausarbeitung, aber zum anderen auch darin, dass das Modell nicht geeignet ist: Es stellt eher auf eine prozessartige Sicht ab: Im Zeitverlauf verändert sich eine angenommene Makroeigenschaft zu einer anderen. Dies würde bedeuten, dass zunächst wenige Menschen emotional kommentiert haben und später viele, bishin zu “alle”. Es unterstellt also eine steigende Emotionalität in Online-Kommentarspalten, was in empirischen Untersuchung bislang stets widerlegt wurde, und was auch nicht ist, was ich damit ausdrücken wollte.

So richtig hat das also nicht geklappt. Aber ich habe neue Fragen aufgeworfen:

  • Was bedeutet Emotionalisierung der Gesellschaft eigentlich? Inwiefern ist die Makroebene als Aggregat individueller Merkmale zu verstehen oder als Beschreibung von gesellschaftlichen Teilsystemen?
  • Welche Modelle eignen sich, um Erwartungen und Emotionen besser zu fassen und inwiefern ist ein Ebenenwechsel dafür notwendig?