Trial&Error II: Die Badewanne

Modell und Auseinandersetzung bezieht sich hauptsächlich auf die Arbeit von Albert (2009) und Heidenreich (1998).

Theoretische Hintergründe

  • Zum Modellkonzept
  • Funktionsweise
  • Vorgehensweise

Fragestellung des Modells: Wie kann die Gesellschaft durch das Verhalten ihrer Bestandteile erklärt werden?

Grundannahme: Ein Makrophänomen bedingt ein anderes Makrophänomen, indem es zunächst Einfluss auf einzelne Akteure und deren von den Randbedingungen abhängigen Verhalten hat. Tatsächliche Handlungen vieler Akteure ergeben in Summe ein neues Makrophänomen.

Kern des Modells:

  • Frage danach, wie soziales Handeln konzipiert werden kann
  • Frage danach, ob soziale Ordnungen individualistisch oder kollektiv entstehen

Allgemeine Anmerkungen:

  • Gesellschaft existiert nicht unabhängig/oberhalb einzelnen Personen: Schema blendet bewusst aus, dass Mikro- und Makroebene einer Gesellschaft nicht unabhängig voneinander sind
  • Mikro-Makro-Problem ist ein dynamischer Prozess in dem die Denk-, Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Verhaltensweisen sozialer Akteure durch vergangene Erfahrungen vorstrukuriert werden und gleichzeitig durch aktuelle Erfahrungen neu konstituiert werden
  • Das Explanandum liegt auf der Makroebene und das Explanan auf der Mikroebene

  • (1) Es existiert ein Makrophänomen, welches sich auf die Individuen einer gesellschaftlichen Gruppierung auswirkt.
  • (2) Die Individuen der Gruppierung handeln entsprechend des Einflusses durch das Makrophänomen
  • (3) Da viele Individuen ähnlich handeln, hat das wiederum Einfluss auf die Gesellschaft und verändert diese.
  • (4) Es bildet sich ein neues Makrophänomen.

Schritt 1: Logik der Situation: Aufstellen von Brückenhypothesen

Fragestellung: Wie beeinflussen strukturelle und institutionelle Bedingungen auf der gesellschaftlichen Ebene die Werte und Einstellungen von Individuen?

  • Brückenhypothesen betreffen subjektive Wahrnehmung der objektiven Situation durch die Akteure
  • Übersetzung der allgemeinem Makro-Situation in die subjektive Mikro-Situation eines Akteurs (typischer Akteur)
  • Innere und äußere Situationsbedingungen werden durch die Akteure zu einer subjektiven Definition der Situation verknüpft
  • Subjektive Definition der Situation der Randbedingungen durch die Akteure
  • Mikroebene „enthält“ Randbedingungen der Erklärung (durch subjektive Definition der Situation)
  • Das theoretisches Gesetz (nomologischer Kern) ist hier verankert.

Schritt 2: Logik der Selektion

Fragestellung: Wie prägen Werte und Einstellungen von Individuen deren Handeln?

  • Erklärung Selektion des Handelns zusammen mit Randbedingungen als allgemeines Handlungsgesetz
  • Kausalgesetz (einziges im Modell): Ergebnisse des Handelns der Akteure sind individuelle Effekte und stellen das “vorläufiges Explanandum” dar

Schritt 3: Logik der Aggregation: Transformation des vorläufigen Explanandums in interessierendes Explanandum

Fragestellung: Wie führt das Handeln vieler Individuen zu neuen strukturellen und instituionellen Bedingungen auf gesellschaftlicher Ebene?

  • Transformation des vorläufigen Explanandums in interessierendes Explanandum
  • Aussagen sind synthetische Identitätsaussagen (es wäre empirische Forschung notwendig, deshalb sollen sie hier nicht als analytischen Definitionen betrachtet werden)

Anwendung des Modells

Zunächst muss ich eine These aufstellen, die ein neues Makrophänomen durch ein bestehendes Makrophänomen erklärt: Der Gegenstand der Online-Kommentarspalten wird vor allem deshalb wissenschaftlich mit starkem Interesse beäugt, weil der neuen Art der Kommunikation ein gesellschaftliches Wirkpotenzial unterstellt wird. Medial als auch in wissenschaftlichen Arbeiten wird damit argumentiert, dass z.B. rassistische Meinungsverbreitung im Netz zu Einstellungsänderung der Individuen führen kann, welche wiederum gesellschaftlich relevante Gruppierungen wie Pegida oder AfD hervorbringen.

Problembasiert könnte man von der Annahme ausgehen, dass emotionale Online-Kommunikation die Emotionalisierung auf gesellschaftlicher Ebene bedingt/fördert. Online-Kommentare sind auf der Mikroebene zu verorten. Sie sind etwas, was Individuen tun. Auf der Makroebene steht die Ursache für emotionale Online-Kommunikation als die subjektiv wahrgenommene objektive Situation. Die Frage, weshalb Individuen emotional kommentieren möchte ich im Kontext von Heuristiken mit Überforderung beantworten. Überforderung entsteht durch einen Überschuss an Informationen, durch eine  Komplexitätssteigerung, die als “Metatrend der Medialisierung” zu betrachten ist (angelehnt an Wolff, 2017). Einmal das Pferd von hinten aufgezäumt soll im Folgenden Schritt für Schritt darauf eingegangen werden.

Schritt 1: Logik der Situation: Aufstellen von Brückenhypothesen

Fragestellung: Wie beeinflusst die Komplexitätssteigerung als Metatrend der Medialisierung die Werte und Einstellungen von Individuen?

  • Objektiv findet durch Medialisierung eine Komplexitätssteigerung der Wahrnehmungsumgebung von Mediennutzenden statt.
  • Als äußerliche Situationsbedingung äußert sich Komplexitätssteigerung mit einer nicht zu bewältigenden Menge an Informationen, welche über verschiedene Medien auf Individuen “einströmen”. Das Internet nimmt hier natürlich eine besondere Rolle an.
  • Subjektiv wird nicht bewusst wahrgenommen, dass Situationen komplexer sind (so nehme ich an). Eher wird nicht verstanden, was passiert.
  • Missverständnis kann sich unterschiedlich äußern, unter anderen durch Frustration, Zweifel, Misstrauen. Diese Arten der emotionalen Verarbeitung stellen die inneren Situationsbedingungen dar.
  • Die Verknüpfung der äußerer und innerer Situationsbedingungen fasse ich stark vereinfachend in Unsicherheit zusammen.
  • Als Brückenhypothese ergibt sich: Objektive Komplexitätssteigerung führt bei Individuum zu Unsicherheit.
  • Die Randbedingungen sind die, welche die Medienwelt den Mediennutzenden vorgeben. Im Rahmen der Medialisierung sind das vornehmlich die Eigenschaften des Internets, welche bereits auch in anderen Einträgen thematisiert wurden. Die Randbedingungen sind auch die Möglichkeiten zur direkten Kommunikation mit Akteuren gegen die sich in spezifischen Momenten das Gefühl von Unsicherheit richtet.
  • Die Akteure definieren die Situation in Abhängigkeit ihrer Unsicherheit und den Möglichkeiten diese zu bewältigen.

Schritt 2: Logik der Selektion

Fragestellung: Wie prägt Unsicherheit der Individuen deren Handeln?

  • Die Selektion des Handelns der Individuen bezieht sich auf die Reduktion/der Bewältigung der entstandenen Unsicherheit. Dies geschieht innerlich zunächst emotional. Durch die Randbedingungen kann das allgemeine Handlungsgesetz formuliert werden, dass das Vorhandensein von Unsicherheit in Verbindung mit der Möglichkeit, diese zu reduzieren durch Kommentieren, zu emotionalen Kommentaren führt.
  • Das Kausalgesetz: Ergebnisse des Handelns (Kommentare) sind individuelle Effekte (Emotionalisierung anderer User). Dies ist das vorläufige Explanandum.

Schritt 3: Logik der Aggregation: Transformation des vorläufigen Explanandums in interessierendes Explanandum

Fragestellung: Wie führt emotionales Kommentieren vieler Individuen zu Emotionalisierung/Postfaktizität?

  • Transformiert man da vorläufige Explanandum zu dem interessierenden so kann man formulieren: Indem einzelne Akteure vielfach anderer Akteure durch Produktion emotionaler Kommentare anderer emotionalisieren, entsteht ein gesellschaftlicher Fokus auf Emotionen statt auf Fakten (Postfaktizismus). An dieser Stelle fällt besonders auf, dass die Transformation synthetisch ist und ohne empirische Belege wackelig erscheint.

 

 

Fazit

Ich habe nur eine sehr einfache Variante der Badewanne angewandt, womit viele Potenziale für eine differenziertere Auseinandersetzung verloren gegangen sind (wie es bspw. eine Unterscheidung der individualistischen und holistischen Badewanne nach Albert (2009) geleistet hätte). Das Prinzip hat sich mir dennoch erschlossen und auch der Nutzen, der für meine theoretischen Überlegungen daraus entsteht: Die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Online-Kommentarspalten verschafft sich seine Legitimation durch die Bedeutung, die sie auf der Makroebene einnehmen. Somit eignet sich die Badewanne in der Weise wie ich sie angewandt habe zur Relevanzbegründung. Ebenso kann sie aber auch zur Prognose herangezogen werden. Würde man eine emotionalisierte Gesellschaft als bestehendes Makrophänomen annehmen: Wie beeinflusst dies zukünftig die Individuen und welche gesellschaftliche Veränderung ist aufgrunddessen anzunehmen?

Die Badewanne erfüllt einen anderen Zweck als Astleitners Theorieentwicklungen zur Klärung menschlicher Verhaltensweisen, welche auf individualer Ebene stärker ins Detail geht. Psychologische Aspekte werden eher thematisiert, welche in der Badewanne wenig Platz finden. Hierfür benötigt die Badewanne noch eine tiefere Ebene unter dem Boden.

Bei der Erarbeitung ist mir bewusst geworden, dass ich mein Ziel klarer erarbeiten muss: Möchte ich Emotionsentstehung als Prozess komplett erklären oder etwas entdecken, was vorher noch nicht bekannt war? Welche von mir soweit erdachten Auswirkungen auf das Verhalten sind Explanans, welche Explanandums; welche sind auf der Makro- und welche auf der Mikroebene? Diese Entscheidungen bedingen auch, inwiefern ich mich theoretisch an Erklärungsmodelle aus der Soziologie (ich sehe es vor mir: die Medienbadewanne!), Kommunikationswissenschaft oder Psychologie (Emotionsmodelle) anlehnen werde.

*Weiterführende Gedanken auch im Notelog (“Wie sieht eine emotionale Badewanne aus (21.04.2018)”)

  • Literatur

Albert, G. (2009). Sachverhalte in der Badewanne. Zu den allgemeinen ontologischen Grundlagen des Makro-Mikro-Makro-Modells der soziologischen Erklärung. In J. Greve, A. Schnabel & R. Schützeichel (Hrsg.), Das Mikro-Makro-Modell der soziologischen Erklärung (S. 21-48). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Heidenreich, M. (1998). Die Gesellschaft im Individuum. In H. Schwaetzer & H. Stahl-Schwaetzer (Hrsg.), L’ homme machine? Anthropologie im Umbruch ; ein interdisziplinäres Symposion (Philosophische Texte und Studien, Bd. 45, S. 229-247). Hildesheim: Olms.

Opp, K.-D. (2014). Das Aggregationsproblem bei Mikro-Makro-Erklärungen. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 66 (S1), 155-188.

Wolff, L. (2017). Komplexitätsbewältigung und Hypertextualität. Systematisierung des Forschungsfelds und Entwurf eines aneignungstheoretischen Untersuchungsansatzes. Medien & Kommunikationswissenschaft, 65 (3), 517-533.

  • Internetbildquellen

Coleman Badewanne: http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/272932