Trial&Error – Modell I: Theorien mit Person- und Umweltmerkmalen

Modell und Auseinandersetzung bezieht sich auf die Arbeit von Astleitner, H. (2011). Theorieentwicklung für SozialwissenschaftlerInnen (UTB Pädagogik, Bd. 3461, 1. Aufl.). Wien: Böhlau.

Theoretische Hintergründe


Zum Modellkonzept

Fragestellung des Modells: Welche grundsätzlichen, möglichst allgemeinen Theorien können menschliches Verhalten erklären?

Grundannahme: V = f (P, U) » Verhalten ist Funktion von Person- und Umweltfaktoren: Verhalten wird von Merkmalen der Persönlichkeit und des Kontexts beeinflusst

Kern des Modells: Zur Beschreibung und Erklärung von Phänomenen werden bestimmte Faktoren genannt und aufgelistet sowie Mechanismen angeführt, die aufzeigen, wie ausgewählte Faktoren auf ein Phänomen einwirken. Faktoren und Mechanismen werden in theoretischen Aussagen zusammengefasst.

Allgemeine Anmerkungen:

  • Gleiche Person- und Umweltfaktoren können auch zu unterschiedlichen Verhalten führen (Funktion bezieht sich treffender formuliert auf die Wahrnehmung der Person/Umwelt, nicht unbedingt darauf, wie sie tatsächlich ist)
  • Es besteht die Gefahr der Explosion der Anzahl der Faktoren: rationale/analytische Variablenreduktion notwendig, Typenbildung

Elemente des Modellkonzepts

  • Phänomene: Sachverhalte/Erscheinungen, die in der Realität auftreten und theoretisch erklärt werden sollen
  • Faktoren: Eigenschaften, die das Verhalten bedingen, Unterscheidung in Person- und Umweltfaktoren
  • Ebenen: Hierarchisch organisierte Orte bzw. Kristallisationspunkte von Wirkfaktoren
  • Mechanismen: Wirkmuster von Faktoren, die betrachteten Phänomene beeinflussen

Funktionsweise

  • Theoretische Annahmen (gestrichelte Linien) betreffen Ausschnitte (Kreisringe) von Phänomenen (Sterne).
  • Phänomene stellen ausgewählte Ausschnitte aus der Realität dar.
  • In theoretischen Annahmen wird versucht, Person- und Umweltmerkmale (Parallelogramme) auf unterschiedlichen Ebenen miteinander zu verbinden.
  • Auf den unterschiedlichen Ebenen werden Ausschnitte ausgewählt, die bestimmte Person- und Umweltmerkmale betreffen.
  • Innerhalb dieser Ausschnitte werden Mechanismen (Blockpfeile in vier Richtungen) angenommen.

 

Vorgehensweise

Schritt 1: Person- und Umweltfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen benennen

  • erfolgt meistens auf Grundlage von Literaturrecherche

Schritt 2: Theoretisch angenommene Mechanismen formulieren

Beispielhafte Mechanismen beim einzelnen Menschen:

  • Informationsverarbeitung, Motivierung, Emotionalisierung, Einstellungsbildung/-auswirkung
  • Verhalten aktiviert durch Erwartungen, wahrgenommene Anreize und Willensprozesse, Gefühle, Bildung verhaltensrelevanter Einstellung aus Vorstellungen, Überzeugungen und Werthaltungen
  • Personmerkmale auf individueller Ebene auch bestimmt durch Situationen/Erfahrungen

Beispielhafte Mechanismen in Gruppen:

  • Gruppen funktionieren nach bestimmten Regeln hinsichtlich Kommunikationsprozessen, Orten, Zeitpunkten; sprachliche Gepflogenheiten, verwendete Begriffe, Formulierungen, etc.
  • Gruppenmitglieder verfolgen unterschiedliche Ziele oder Methoden der Problemlösung, was zu Konflikten führt
  • Gruppenmitglieder haben bestimmte Beziehungen, ausgezeichnet durch Abhängigkeit, Zusammenarbeit und sozial-emotionale Verbindung

Beispielhafte Mechanismen in der Gesellschaft:

  • Weitreichende Auswirkungen auf Menschen und Verhaltenweisen
  • Prozesse der Sozialisation: Integration einzelner Menschen in übergeordnete, soziale Einheiten
  • Aufgaben innerhalb einer Gesellschaft sind an Rollen geknüpft, gründen in sozialen Schemata, die die Erwartungen an Rollenträger betreffen
  • Rollen beziehen sich auf Geschlechteridentität, berufliche Identität, sozial benachteiligte Identität

Schritt 3: Theoretische Annahmen formulieren

  • Ausformulieren von Sätzen, die letztendlich die Theorie darstellen

Hinweis: Komplexe Interaktion von Person- und Umweltfaktoren beachten

  • Effekte eines Faktors können einen anderen Faktoren verstärken oder abschwächen
  • Sehr theoretische komplexe Annahmen werden formalisiert formuliert, d.h. in einer mathematischen Formel ausgedrückt
  • Prozesse auf einer Ebene sind Basis für das Auftreten von Phänomenen auf feiner anderen Ebene » nicht nur zwischen Faktoren auf einer Ebene, sondern auch zwischen den Ebenen entstehen Wechselwirkungen
  • Sehr komplexe Zusammenhänge werden besser formalisiert ausgedrückt
  •  Verknüpfungsarten von Einflüssen:
    1. Additive/reduzierende Verknüpfung bei eigenständigen Einflüssen: Faktor führt zu Erhöhung/Verringerung eines Phänomens
    2. Multiplikative oder teilende Verknüpfung bei bedingten Einflüssen: Einfluss von Personfaktor abhängig von Umweltfaktor und umgekehrt
    3. Funktionale Verknüpfungen bei komplexen Einflüssen: Umweltfaktoren bei bestimmten Personfaktoren üben sich in ganz bestimmter Art und Weise aus

Beispiel

Phänomen: “Der Transfer von Weiterbildung in den Berufsalltag ist mangelhaft.”

Schritt 1: Person- und Umweltfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen benennen.

Ebene I: Schule und Arbeitsbedingungen

  • a – Relevante Personmerkmale: Schulisches Kooperationsklima von Lehrerinnen und Lehrern
  • b – Relevante Umweltmerkmale: Zeit für Planung, Gestaltung und Bewertung von Unterrichtsinnovationen

Ebene II: Der eigene Unterricht in verschiedenen Klassen

  • c – Relevante Personmerkmale: Fertigkeiten im Unterrichtsmanagement (unter anderen)
  • d – Relevante Umweltmerkmale: Heterogenitätsgrad der Schüler in einer Klasse

Ebene III: Individuelle Persönlichkeit der Lehrperson

  • e – Relevante Personmerkmale: Kontrolle der eigenen Motivation als Indikator dafür, neue Projekte eher in Angriff zu nehmen
  • f – Relevante Umweltmerkmale: Belohnungssystem bei Integration von unterrichtlichen Neuigkeiten

Schritt 2: Theoretisch angenommene Mechanismen formulieren

Auf Ebene I – Soziale Abstimmung von Neuerungen in der Schule:

  • Annahme: Veränderungen im Unterricht passieren nur dann, wenn sie sozial abgesichert sind bzw. Angst vor Fehlern reduziert wird
  • Abhängig von Kooperationsbereitschaft der Lehrer und Zeitressourcen

Auf Ebene II – Individualisieren des Lernens im Unterricht:

  • Annahme: Unterrichtinnovationen gelingen nur dann, wenn Lehrerinnen und Lehrer Individualisierung des Lernens schaffen können
  • Abhängig von Vorhandensein von Fertigkeiten im Unterrichtsmanagement und Verschiedenartigkeit der Schüler (mittlerer Heterogenitätsgrad am besten geeignet)

Auf Ebene III -Individuelles Motivationsmanagement:

  • Annahme: Unterrichtinnovationen gelingen nur über Motivation der Lehrerinnen und Lehrer
  • Abhängig von Persönlichkeit (die durch Persönlichkeitstraining gefördert werden kann) und extrinsische Motivation wie Gehalt

Schritt 3: Theoretische Annahmen formulieren

Theorie zum Problem des mangelnden Transfers von Weiterbildung in den alltäglichen Unterricht:

a) Problem kann dadurch verringert werden, dass seine soziale Abstimmung zwischen Lehrenden erfolgt, wofür Zeitressourcen bereitgestellt werden müssen

b) Problem kann dadurch verringert werden, dass Individualisierung des Lernens im Unterricht erzielt wird, welch durch Unterrichtsmanagementkompetenzen der Lerperson optimal sein sollte und der Heterogenitätsgrad der Schüler ein mittlerer ist.

c) Problem kann dadurch verringert werden, dass Lehrerinnen und Lehrer ein individuelles Motivationsmanagement betreiben, welches durch intrinsische und extrinsische Faktoren bedingt ist.

Hinweis: Komplexe Interaktion von Person- und Umweltfaktoren beachten

Wird am Beispiel nicht aufgezeigt.

Anwendung des Modells

Menschliches Verhalten soll durch Person- und Umweltmerkmale erklärt werden. Die Annahme ist:

Phänomen: “Kommunikation in Online-Kommentarspalten ist im besonderem Maße enthemmt.”


Schritt 1: Person- und Umweltfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen benennen

Ebene I – Online-Kommentarspalten und Kommunikationsbedingungen im Allgemeinen

  1. Relevante Personmerkmale: Kommunikationsverhalten zwischen Internetusern
  2. Relevante Umweltmerkmale: Kommunikationsbedingungen von Online-Kommentarspalten geprägt durch reduzierte Kommunikationskanäle (hauptsächlich Schrift) und Anonymität

Ebene II – Spezifische Online-Diskussion in einer Kommentarspalte

  1. Relevante Personmerkmale: (Eigene) Fertigkeiten zur verständlichen schriftlichen Kommunikation online
  2. Relevante Umweltmerkmale: Eigenschaften/Typus der anderen Kommunikationsteilnehmender

Ebene III – Individuelle Möglichkeiten zur Vermeidung enthemmten Verhaltens einer an der Kommunikation beteiligten Person (Individuum)

  1. Relevante Personmerkmale: Persönliche Möglichkieten zur Vermeidung von Enthemmtheit in der Online-Kommunikation durch verfügbare kognitive Kapazitäten
  2. Relevante Umweltmerkmale: Resonanz auf enthemmte/sachliche Kommunikation durch andere (erkenntnisreiches Diskussionsfazit, positive Kommunikationserfahrung)/Strafe für enthemmtes Kommunizieren)


Schritt 2: Theoretisch angenommene Mechanismen formulieren

Auf Ebene I – Geringe Möglichkeiten zur gegenseitigen Wahrnehmung:

  • Annahme: Enthemmtheit lässt sich durch intensivere Wahrnehmung der Kommunikation als menschliche Kommunikation vermeiden
  • Abhängig von Bereitschaft zur Vermeidung enthemmter Kommunikation im Internet, welche wiederum durch Wahrnehmung der anderen als Personen bedingt ist, was durch zusätzliche Kommunikationskanäle oder Reduktion von Anonymität erreicht werden könnte

Auf Ebene II – Hohes Potential für Missverständnisse:

  • Annahme: Enthemmtheit lässt sich durch besseres Verständnis der Kommunizierenden vermeiden
  • Abhängig von Vorhandensein von Fertigkeiten in der schriftlichen Kommunikation und Eigenschaften anderer Kommunikationsteilnehmender im Chat (gelingt am besten, wenn Personen sich ähnlich sind)

Auf Ebene III – Eingeschränkte Möglichkeiten zur Vermeidung von Enthemmtheit:

  • Annahme: Enthemmtheit lässt sich dann vermeiden, wenn eigenes Interesse besteht, selbst gehemmter/sachlicher zu argumentieren
  • Abhängig von kognitiver Energie, kognitiven Zustand und extrinsischer Motivation bspw. durch erkenntnisreiches Diskussionsfazit und/oder freundliche Kommunikationserfahrung

 


Schritt 3: Theoretische Annahmen formulieren

Theorie der Enthemmtheit in der Online-Kommunikation

a) Enthemmtheit kommt durch geringe gegenseitige Wahrnehmung füreinander zustande, woran Bereitschaft der Diskussionsteilnehmenden und strukturelle Reduktion von Ungewissheiten (Erhöhung der Kommunikationskanäle, Reduktion der Anonymität) mitwirken.

b) Enthemmtheit kommt durch Missverständnisse zustande, welche durch unausgeprägte schriftliche Kommunikationskompetenzen und Kommunikationspartnern mit unähnlichen Eigenschaften bedingt ist.

c) Enthemmtheit kommt durch eingeschränkte Möglichkeiten zur Vermeidung zustande, da der Kommentierende persönlich keine kognitiven Kapazitäten aufbringen kann, um Informationen zu verarbeiten und keine positiven Erfahrungen durch extern erleben.

Visuelle Darstellung des Modells

 

 

Fazit

Feedback zu diesem Modell:

Besonders hilfreich war:

  • Prinzip der Ebenen: Die Ebenen sind nicht gleichzusetzen mit Mikro-/Meso-/Makro. Sie veranschaulichen die Kontexte, in die ein Individuum eingebettet ist, was bei der Identifikation und Abgrenzung von Einflussfaktoren hilfreich ist.

Angepasst werden müsste/das Modell erfüllt soweit nicht:

  • Modell betrachtet pro “Durchführung” nur ein Phänomen: Um komplexe Interaktionen darzustellen würde es eines zusätzliches Modells oder einer Art Zusammenführung benötigen.
  • Modell betrachtet pro Ebene immer nur eine Ursache: Transfer zwischen den Ebenen sollte zwar abgedeckt sein mit den Mechanismen” wird sie bei der aktuellen Anwendung noch nicht. Die genannten Verknüpfungsarten müssten noch in einer nachvollziehbaren Form ergänzt werden.
  • Die gebildeten theoretischen Annahmen stehen soweit noch nicht in Bezug zueinander und Interaktionseffekte werden dadurch noch nicht beachtet. Hier ist eventuell eine Art Formalisierung nötig.
  • Die Gefahr der Explosion besteht tatsächlich: Es gibt keine Gründe Ausschlusskriterien für Faktoren.

Ich muss grundlegend feststellen, dass ich nun doch viel umfangreicher an der Ausarbeitung des Modells gesessen habe als zunächst angenommen. Aber das Fazit ist: Es war absolut hilfreich, Gedanken auf diese Art zu ordnen und ich habe das Gefühl, dass ich der Vorstellung darüber, wie ich später ein Modell entwickeln werde, um einiges näher gekommen bin.

 

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