Nach dem Prinzip Trial & Error – Einstieg in die Theorieentwicklung

Ich habe neulich einen Tweet gelesen und geteilt, der bei mir auf sehr fruchtbaren Boden gefallen ist:

Wissenschaftstheorie „wird oft als Sammelbezeichnung für alle Auseinandersetzungen mit wissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen verwendet. Im engeren Sinne geht es um Fragen der Theoriebildung, der Analyse von Begriffen, der Explikation von Vorannahmen (Prämissen) und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen oder gesellschaftstheoretischen Zusammenhängen“ (Stangl, 2018).

Aus zwei Gründen hat mich der Tweet angesprochen: Erstens stelle ich (wie bereits in diesem Post erwähnt) infrage, inwiefern mit bestimmten Methoden, die sich gerade großer Beliebtheit erfreuen, die gestellten Fragen beantwortet werden können; und zweitens weiß ich selbst noch nicht so recht, was ich in der Theorieentwicklung eigentlich mache – womit ich völlig unwissend selbst in eine wissenschaftstheoretische Reflexion gerutscht bin. Die Emotionalität von Online-Kommentarspalten ist Produkt eines Zusammenspiels psychologischer und soziologischer Prozessen – das ist meine These. Kommentieren ist individuelles Handeln in konkreten Situationen, eingebettet in soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Immer mehr Faktoren fallen mir auf, die Ursachen für Emotionalität kausal begründen könnten. Kommentieren erscheint durch theoretische Reflexion einerseits als ein in seiner Gänze erklärbares Phänomen, äußert sich bei Betrachtung im Detail aber sehr individuell und extrem unterschiedlich. Einzelne Diskurse und Kommentare erscheinen nicht einem Schema zu folgen, aber einer grundsätzlich ähnlichen Neigung zu entsprechen (Achtung – nur ein Eindruck; eine unbegründete Behauptung!).

Systematisches Methodenvorgehen vs. Orientierungslosigkeit in der Theorieentwicklung

Wie man nun methodisch vorgehen würde, um sich einzelnen theoretischen Hypothesen empirisch zu nähern, ist sehr genau durchdacht. Egal ob quantitativ, qualitativ, inhaltsanalytisch oder durch Befragung, Beobachtung, Experiment: Methodenanwendung erfolgt als systematische Aus- und Abarbeitung, sodass, was auch immer bei einer Untersuchung herauskommt, die Ergebnisse anhand Kriterien guter Forschung (allen voran die Gütekriterien Reliabilität, Validität und Objektivität) beurteilt werden kann. Sodass am Ende mit möglichst großer Sicherheit gesagt werden kann: So ist es. Das trifft zu; sei es auf einen kleinen Personenkreis oder auf alle Deutschen, auf Texte oder Situationen, unter spezifischen oder allgemeinen Umständen. Die Methodengenauigkeit erlaubt es, Aussagen einen Wahrheitswert zuzuschreiben, Ausschnitte aus der Realität zu erklären.

Meine Theorieentwicklung verfolgt zunächst ein anderes Ziel: das „große Ganze“ soll gezeichnet werden. Das ist mit empirischen Methoden gar nicht so gängig. Nicht umsonst ist Luhmanns Systemtheorie nicht empirisch belegt (Oder ist mir da was nicht bekannt?). Als erster Schritt dafür ist ein Hauptanliegen das Erzeugen von Ordnung: viele Ideen, viele Kausalitäten: Wie spielt alles zusammen? Was bemerke ich, was übersehe ich? Was benötige ich und was gehört nicht mehr dazu?

Auf der Suche nach einem Anker in der Theorienbildung habe ich einige nützliche Beiträge und Bücher gefunden, die Theorien und Theorienentwicklung so zu systematisieren versuchen, dass es greifbar sein kann. Bei meinen Überlegungen berücksichtige ich soweit besonders die Arbeiten von Astleitner (2011), Früh (2013), Hagen, Frey und Koch (2015), Krotz (2005), Manhart (2015) und Opp (2014). Die gelistete Literatur ist verhältnismäßig sehr aktuell, wenn man sich anschaut, worauf häufig Bezug genommen wird. Die Literatur gibt mir viele Antworten auf Fragen wie: Was sind Theorien? Wie erstellt man sie? Welche Kriterien müssen sie erfüllen? Die Antworten unterscheiden sich teilweise enorm. Das verlangt mir Entscheidungen ab hinsichtlich der Richtungen, in welche ich bei der Theorieentwicklung gehen will. Indem ich mich bereits zu Beginn meiner Forschung entscheide, wie meine Theorie sein soll, versuche ich eine Art strukturiertes Vorgehen ähnlich dem eines empirischen Projekts nachzuahmen. Wenn ich weiß, wie meine Theorie sein soll, dann kann ich sie „einfach“ bauen. [#naiv] Also forste ich mich durch die Literatur und versuche mich an folgenden Fragen zu orientieren:

Übergeordnete/grundlegende Überlegungen

  • Was ist eine Theorie? Ist mein Konzept überhaupt eine Theorie oder eher ein Gesetz, Modell oder etwas Thesenartiges?
  • Welchen Zweck/Welche Funktionen soll meine Theorie erfüllen? Soll sie etwas beschreiben, erklären, vorhersagen oder ein Problem lösen? (Astleitner, 2011)
  • Auf welcher Ebene möchte ich gesellschaftliche Phänomene erklären? Bin ich Holist (Makroebene), Individualist (Mikroebene) oder Mikrofundierer (irgendwas dazwischen)? (Früh, 2013)
  • Möchte ich meine Thesen deterministisch (durch Gesetze), probabilistisch (durch Wahrscheinlichkeiten) oder abduktiv (durch Plausibilität) erklären? (Früh, 2013)
Praktische Gedanken/Theorieentwicklung

  • Wie muss die Theorie aufgebaut sein, die meine Annahmen strukturiert und Beziehungen zwischen ihnen zulässt? (Astleitner, 2011)
  • Welcher Theorientyp passt zu den genannten Zweck und Funktionen? (Astleitner, 2011)
  • Wie kann ich bei der Theorienentwicklung vorgehen? Rein Theorielegeitet, das ist schon mal klar, aber wie geht das? (Astleitner, 2011; Hagen et al., 2015; Krotz, 2005)
  • Wie möchte ich die Zusammenhänge darstellen? Satzartig, Non-statement, als Kausaldiagramm, formalisiert, etwas ganz anderes oder alles? (Manhart, 2015, 2015; Opp, 2014)
  • Wie werden Modelle konzipiert? (Manhart, 2015)

Mein Vorgehen: Erstmal eine Abkürzung ausprobieren

Abgestimmt auf mein Thema möchte ich direkt die praktischen Gedanken erarbeiten und erhoffe mir, die übergeordneten, grundlegenden Thesen an entsprechenden Stellen sowieso anlesen zu müssen – und diesen Arbeitsschritt nicht separat zu Beginn abzuwickeln. Ich wähle also zunächst eine Abkürzung. Später werde ich berichten, warum das eine schlechte Idee war. In den nächsten Tagen möchte ich einen Einstieg in die Überlegungen starten, indem ich meine Gedanken anhand vier verschiedener Modelltypen/Diagramme versuche zu strukturieren. Das ermöglichst mir am Ende zu vergleichen, welches am besten passt bzw. welche Elemente ich übernehmen könnte. Ich gehe davon aus, dass mir innerhalb dieser Überlegungen selbst nochmal klarer wird, was Teil der Theorie werden soll/kann – und was nicht; was zusammenspielt, was ich sehe und übersehe, etc. Vielleicht passt keine der Darstellungen. Ich arbeite also nach dem Prinzip Trial&Error. Bis Ende nächster Woche möchte ich meine Thesen auf diesen Modellen fixieren. Den Prozess begleite ich hier in kleineren Beiträgen auf den Blog. Sicherlich eine tolle Frühstückslektüre:

(1) Sozialwissenschaftliche Theorien mit Person- und Umweltmerkmalen nach Astleitner (2011) betreffen “Erklärungen von Ausschnitten von Phänomenen” (S. 75). Das Modell leistet es, Faktoren auf verschiedenen (gesellschaftlichen) Ebenen zu sotieren und Wirkungsmuster und sich gegenseitig beeinflussende Mechanismen abzubilden.

(Astleitner, 2011, S. 77)

(2) Die Coleman Badewanne ist ein soziologischer Klassiker. Sie ist ein Mikro-Makro-Modell, welches versucht gesellschaftliches Verhaltenmit dem ihrer Bestandteile zu erklären. Entsprechend meiner Annahmen bezüglich der Emotionalität von Online-Kommentaren erscheint genau diese Perspektive passend.

(3) Der Methologischer Individualismus oder das (strukturell-)individualistische Forschungsprogramm nach Opp (2014) wird vor allem für die Erklärung komplexerer Zusammenhänge in den Sozialwissenschaften herangezogen, insbesondere in den Bereichen der Wirtschaftswissenschaft, im „Rational Choice“-Ansatz der Soziologie und dem „Public Choice“-Ansatz der politischen Wissenschaft. Erklärungsargumente werden als Modelle und der Vorgang der Erklärung selbst als Modellbildung bezeichnet. Auch die Badewanne ist methodologischer Individualismus. Die Darstellung nach Opp ist deswegen interessant, weil sie weniger grafisch modellhaft als satzartig versucht, Zusammenhänge vorzustellen.

(Opp, 2014, S. 100)

(4) Das Kausaldiagramm möchte ich letztendlich zur Zusammenfassung und Reflexion meiner Erfahrungen mit den anderen Modellen nutzen. Die Form des Kausaldiagramms ist grundlegend sehr offen gehalten, weshalb ich es mit ausgewählt habe. Das Bildbeispiel hier ist gleich passend zum Thema gewählt:

 

 

Fazit zur Wissenschaftstheorie

Gerade in der Auseinandersetzung mit Opp wurde mir bewusst, wie tief die Materie der Wissenschaftstheorie ist – und es öffnet sich die Frage, wie tief man darin eintauchen muss, um gute theoretische wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Auch hier begründet sich noch einmal stark die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Gedanken. Das wird sich wohl kommend immer widerspiegeln. Aber nun erst einmal bis zum nächsten Eintrag – also bis sehr bald!

  • Literatur

Astleitner, H. (2011). Theorieentwicklung für SozialwissenschaftlerInnen (UTB Pädagogik, Bd. 3461, 1. Aufl.). Wien: Böhlau.

Früh, W. (2013). Wissenschaftstheoretische Grundlagen empirischer Forschung. In W. Schweiger & A. Fahr (Hrsg.), Handbuch Medienwirkungsforschung (S. 39-66). Wiesbaden: Springer VS.

Hagen, S., Frey, F. & Koch, S. (2015). Theoriebildung in der Kommunikationswissenschaft. Publizistik, 60 (2), 123-146.

Krotz, F. (2005). Neue Theorien entwickeln. Eine Einführung in die Grounded Theory, die Heuristische Sozialforschung und die Ethnographie anhand von Beispielen aus der Kommunikationsforschung. Köln: von Halem.

Manhart, K. (2015). KI-Modelle in den Sozialwissenschaften. Logische Struktur und wissensbasierte Systeme von Balancetheorien (Scientia Nova). Berlin, Boston: Oldenbourg Wissenschaftsverlag.

Opp, K.-D. (2014). Methodologie der Sozialwissenschaften. Einführung in Probleme ihrer Theorienbildung und praktischen Anwendung (7., wesentlich überarb. Aufl. 2014). Wiesbaden: Springer VS.

Stangl, W. (2018). Warum Wissenschaftstheorie. [werner stangl]s arbeitsblätter. WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPAEDAGOGIK/WissenschaftstheorieWarum.shtml (2018-04-09).

  • Internetbildquellen

Trial & Error: https://performancemanagementcompanyblog.com/2012/03/08/on-trial-and-error-blame-frames-and-gotchas-engagement-innovation-really/

Coleman Badewanne: http://www.energiemakeovernop.nl/coleman-badewanne.html

Kausaldiagramm: https://soziologieblog.hypotheses.org/7316

2 Kommentare

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