Kommunikations-wissenschaftliche Theorien(aus)bildung als blinder Fleck

[von Laura Wolff]

Montag, 27.10.2014 16:45 Uhr: Ich stehe zum ersten Mal als Lehrende vor einem Seminar, erläutere Ziele, den Ablauf und verteile Referatsthemen. Dabei blicken mir freundliche, aber von der Routine leicht bis schwer gelangweilte Gesichter entgegen. Themen werden gewählt, eher nach passenden Terminen als nach Interesse. Ich habe die Veranstaltung „Theorien und Modelle der Kommunikations- und Medienwissenschaften“ für Bachelorstudierende mit ihrem bestehenden Konzept übernommen, das im Wesentlichen einen ‚klassichen‘ Theoriekanon in Form von Studierendenreferaten vermittelt. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich diese Lernform grundsätzlich ablehne, aber sie setzt einiges an Kompetenzen, Motivation, Engagement und guter Beratung voraus, um zu gelingen. Schnell wurde mir eine gewisse Problemlage deutlich, die hier bereits zur Sprache gekommen ist. Zwei erweiternde Überlegungen möchte ich im Folgenden ausführen, um letztendlich einen blinden Fleck in der Theorienvermittlung zu identifizieren:

  • Theorienvermittlung folgt einer gewissen Routine (inhaltlich sowohl als auch hinsichtlich der Vermittlungsform).
  • Lernziele und Niveau werden zu wenig differenziert.

Routinierte Vermittlungsformen

Vorwiegend geht es beim theoretischen Wissenserwerb um das Erlernen von Faktenwissen, anstelle von Meta-, Prozess- und Transferwissen. In den Hausarbeiten werden Wissenstransfer und die kritisch argumentative Auseinandersetzung mit Theorien zwar gefordert, diese wird in der Lehrveranstaltung selbst jedoch selten systematisch geübt. Hier fehlt es, ausgenommen von klassischen Textexzerpten und Thesenpapieren, an innovativen (hochschuldidaktischen) Ansätzen, theoretisches Analysieren zu vermitteln. Das Abrücken von bisherigen Vermittlungsformen hin zu innovativen Ansätzen schafft Verbesserungsmöglichkeiten auf zwei Ebenen:

(1) Wissenserwerb und Erkenntnisgewinn auf Studierendenseite verbessern: Studierende empfinden theoretische Inhalte zudem oftmals schwer verständlich, abstrakt und ‚lebensfern‘. Hier stellt sich die Frage, wie Theorievermittlung stärker praxisorientiert und lebensweltlich ansetzen kann. Auch die Vermittlung von Metawissen, wodurch der Stellenwert von Theorien als Erkenntnismodelle stärker verdeutlicht wird, könnte dem Zweck dienen, theoretische Lerninhalte einzuordnen und ihre Bedeutung (für die Erklärung auch alltäglicher Phänomene) zu erkennen.

(2) Forschung durch Studierende vorantreiben: Im Sinne einer gelebten Verbindung von Forschung und Lehre, sollten (wie bereits an anderer Stelle betont), Studierende zum kritischen und reflektierten Umgang mit Lerninhalten befähigt werden. Dies ist zwar ein stark normativ geleitetes Anliegen, aber wenn es gelingt, kann ein ‚Dialog auf Augenhöhe‘ stattfinden und die spezifische studentische Perpspektive (die gerade in unserem Fach wertvolle Einsichten in gegenwärtige Phänomene und Wandelungsprozesse erlaubt) gewinnbringend für die Forschung fruchtbar gemacht werden. Studierende als Teilhabende im wissenschaftlichen Diskurses anzusprechen, kann mintunter auch stärker zum mitdenken, mitforschen anregen.

Anders – idealerweise besser!

Diese Diagnose motivierte uns schließlich darüber nachzudenken, wie wir Theorienvermittlung anders, idealerweise besser* gestalten können. Durch kürzliche Veröffentlichungen nehmen wir an, dass wir mit unseren Eindrücken und Vorhaben zumindest nicht ganz alleine dastehen. Hagen, Frey & Koch (2015) sprechen in ihrem Paper von einer „mangelnden methodischen Reflexion der Theoriebildung“ insgesamt:

„Man könnte über eine solch stiefmütterliche Behandlung des Theorieentwicklungsprozesses hinwegsehen, sofern sie für den wissenschaftlichen Ertrag konsequenzenlos wäre. Allerdings liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Ergebnisse und ihrer Genese zu vermuten: Aus einer mangelnden methodischen Reflexion der Theoriebildung in Forschung und Lehre können eine mangelhafte Entwicklung entsprechender Kompetenzen bei Studierenden und Forschenden, daraus wiederum schwache theoretische Fundierung wissenschaftlicher Projekte, defizitäre Theorien und ein niedriger Innovationsgrad der Forschung insgesamt resultieren (vgl. Astleitner 2011, S. 15; Jaccard und Jacoby 2010, S. 3; Swedberg 2012, S. 7)“ (Hagen, Frey & Koch, 2015, S. 125).

Schließlich dreht es auch hier um die Problematik, dass wenig transparent gemacht wird, wie theoretisches Forschen Erkenntnisse generiert, welche Vorgehensweisen, Strategien und Grundsätzen dabei verfolgt werden. Wenn die Vermittlung von Metawissen in Form der methodischen Reflexion der Theoriebildung das Ziel ist, so müsste in theoretischen Lehrveranstaltungen auch vermittelt werden, wie der Forschungsprozess theoretischen Arbeitens im Detail aussieht. Und mit Blick auf empirisch ausgerichtete Forschungsprojekte bedeutet dies auch, dass stärker die Verbindung theoretischer und empirischer Analyse im Zuge des Erkenntnisgewinnungsprozesses aufgezeigt werden sollte. Zum Theorieverständnis gehört in diesem Zusammenhang, Theorien nicht als Entitäten zu verstehen: Sie sind vorläufige Konzepte, die stets (in den Sozialwissenschaften vornehmlich empirisch) überprüft, angepasst und weiterentwickelt werden müssen.

Die Diskussionen um die kommunikationswissenschaftliche Methodenausbildung (Krotz, Keppler, Meyen, Neumann-Braun & Wagner, 2012) hat verdeutlicht, dass auch mit Blick auf die Lehre wichtige Verständigungsprozesse über die Identität des Faches stattfinden. Eine Diskussion über die Theorienausbildung (und ihrer sinnvollen Verbindung mit der Methodenausbildung) kann daher nur bereichernd sein.

Bisher fehlt hier jedoch ein systematischer Überblick, der Gesprächsgrundlage für derartige Diskussionen bilden kann. Der Status quo der Theorien(aus)bildung ist also der blinde Fleck, um den es hier geht!

Zugegebenermaßen eine etwas abgedroschene Floskel, aber durchaus passend, denn es bedeutet nicht, dass Theorien nicht bereits im Sinne der oben geforderten Ziele erfolgreich bzw. innovativ gelehrt werden, vielmehr muss mit einem Überblick nur erstmal Licht ins Dunkel gebracht werden.

Fragen an Lehrende

  • Welche Theorien werden im Fach gelehrt?
  • In welcher Art von Lehrveranstaltungen und mit welchen Lernformen werden Theorien vermittelt?
  • Welche Literatur wird zur Vermittlung von Theorien genutzt (Einführungswerke, Handbücher, Journal Artikel, etc.)?
  • Wie werden Texte aufbereitet und behandelt?
  • Welche Ziele verfolgen Lehrende bei der Vermittlung von Theorien (Faktenwissen, Wissenstransfer, Metawissen,…)
  • Welche Probleme bzw. Defizite sehen Lehrende bei der Vermittlung von Theorien?
  • Wie bewerten Lehrende unterschiedliche Vermittlungsformen (z. B. Referat durch Studierende)?
  • Welche Ideen, Wünsche, Anregungen haben Lehrende bzgl. der Theorienvermittlung?

Das Wissen über die Vermittlung von Theorien im gesamten Fach kann sich nur bedingt auf die Verbesserung der Lehre auswirken, wenn wir nicht den Blickwinkel der Studierenden in unsere Überlegungen einbeziehen. Dass Theorien als trocken wahrgenommen werden, dass sie mit Langeweile und Alltagsferne assoziiert werden, verstehen wir als strukturelles und nicht als individuelles Phänomen:

Fragen an Studierende

  • Welches alltägliche, schulische oder universitäre Vorwissen besteht zu Theorien?
  • Welche Vorstellungen gibt es darüber, was Theorien sind, wofür man sie benötigt und woher sie kommen?
  • Welche Probleme stehen im Zusammenhang mit Missverständnissen im Umgang mit und negativen Vorurteilen zu theoretischen Wissen?
  • Welche Lernformen sprechen Studierende eher an und bauen auf ihre bestehenden Denkstrukturen auf?

Der Beitrag präsentiert Überlegungen, über welche wir unbedingt mit anderen ins Gespräch kommen und bestehende Diskussionen im Fach weiterführen wollen. Auf der Pre-Con “Neue Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft” im Rahmen der DGPuK-Jahrestagung in Mannheim sollen Gedanken zur Status-Quo-Frage der Theorienvermittlung im Fach (neben dem Format der Theoriendebatte, welches an anderer Stelle im Blog noch einmal aufgegriffen werden wird) Platz finden, um enthusiastische Anhänger oder berechtigte Kritiker anzusprechen. Wir freuen uns darauf!

Über die Autorin

Laura Wolff ist seit Oktober 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kommunikations- und Medienwissenschaften an der TU Braunschweig. Sie forscht zu Komplexitätsbewältigung in Onlineumgebungen. Ihre Lehrveranstaltungen stehen hauptsächlich unter einem theoretischen Fokus. Auch im Institutsalltag zeigt sie sich als Theorie-Nerd.

 


Literatur

Hagen, S., Frey, F. & Koch, S. (2015). Theoriebildung in der Kommunikationswissenschaft. Publi-zistik, 60 (2), 123–146. https://doi.org/10.1007/s11616-015-0229-5##

Krotz, F., Keppler, A., Meyen, M., Neumann-Braun, K. & Wagner, U. (2012). Stellungnahme zum Beitrag „Zur Methodenausbildung in kommunikationswissenschaftlichen Bachelor- und Master-studiengängen“. Publizistik, 57 (1), 95–102. https://doi.org/10.1007/s11616-011-0135-4##

*Anmerkung der Blogbetreiberin: Besser, nur besser!

1 Kommentar

Kommentare sind geschlossen.