Die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation in Online-Diskussionen

Um Online-Kommunikation fassen zu können wird sie häufig mit besser vertrauten Offline-Kommunikationsformaten verglichen. Für Online-Kommentarspalten ist die Offline-Übersetzung der Stammtisch. Der Vergleich zielt auf die Beschreibung einer undurchdachten und enthemmten Gesprächskultur ab. Die Überlegung ist, dass Kommentierende Kommentarspalten als einen sicheren Raum wahrnehmen, in welchem Aussagen verhallen und eine gewisse Anonymität (oder vielleicht auch Leichtigkeit/Unwichtigkeit) vorherrscht – und sich dementsprechend dort äußern. Folgt man Oliver Quiring in der Allgemeinen Zeitung (Artikel von C. Schmidt, 2014) ist ein Online-Kommentar allerdings eher mit einem Schrei auf dem Domplatz als mit einem Tuscheln im örtlichen Lokal vergleichbar.

Die Übersetzung Online-Kommentarspalten›Stammtisch im Sinne von digital›analog funktioniert also nicht passgenau. Dennoch kann der Vergleich dazu beitragen, Emotionen in Online-Diskussionen besser zu verstehen. Im Folgenden möchte ich die Formate vergleichen. Die angestellten Überlegungen zeigen soziologische Differenzen auf. Technische Unterschiede stellen eine Bedingung dar, sollen hier aber nicht im Fokus stehen.

Das Bild vom Stammtisch

Wer auch immer als erstes die Idee hatte, Online-Kommentarspalten mit Stammtischen zu vergleichen, wird dafür nicht das Lexikon herausgeholt haben um den Begriff „Stammtisch“ genau einzugrenzen. Eher beruht die Idee auf einer Art allgemein gültigen Vorstellung. “Stammtisch” erzeugt bei mir das Bild einer (vornehmlich männlich geprägten) Gesprächsrunde, die nach der Arbeit zusammen kommt, um entspannt den Feierabend zu genießen. Der Stammtisch findet in einem Lokal statt, an einem Holztisch (vermutlich assoziiert durch den „Stamm“), am besten noch in einer etwas dunkleren Ecke. Die Teilnehmenden trinken Bier. Sie kennen sich gegenseitig gut, haben eine ähnliche Lebens- und Arbeitswelt und die Ursache ihres Zusammenseins ist nicht zuletzt eine gewisse gegenseitige Sympathie (oder Verwandtschaft). Im Vordergrund des Treffens steht Unterhaltung und Entspannung – und ganz konkret nicht Anstrengung und Stress. Die Stimmung ist also gelassen, Themen sind alltägliche, Äußerung frei und ungehemmt. Man ist unbeobachtet. Leicht kann man sich vorstellen, dass Themen unreflektiert behandelt werden; schließlich geht es weniger darum, Habermas glücklich zu machen als die Gedanken frei zu bekommen.

Erwartungen an die Kommunikation in Kommentarspalten

Würden die Teilnehmenden eines Online-Diskurses tatsächlich ein Stammtischgefühl haben, würde es erklären, weshalb sie sich unreflektiert über Themen aus der eigenen Lebenswelt, Meinungen und Realitätswahrnehmungen äußern. Dass die Kommunikationsform sich unterscheiden (meint, dass die Teilnehmenden nicht in direkter Kommunikation an einem Holztisch sitzen), ist offensichtlich. Weniger offensichtlich sind die soziologischen Unterschiede. Wer spricht da eigentlich hinter den Kommentaren? Wen adressiere ich, wenn ich jetzt etwas poste? In welcher Situation befindet sich der Empfänger, wenn er das liest? Gehen die Kommentierenden bei diesen Fragen von einem Stammtischgefühl aus, stellen sie vielleicht falsche Erwartungen an die Situation. Die Erwartungen betreffen zwei grundlegende Rahmeneigenschaften der Kommunikation: (1) die Vorstellung der Menschen gegenüber und (2) der Einschätzung der situativen Rahmenbedingungen. Sind die Vorstellungen diesbezüglich nicht realitätskonform, ist die richtige Interpretation einer Aussage unwahrscheinlich, würde Luhmann (1981) wohl sagen:

“Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden. Diese unsichtbar gewordene Unwahrscheinlichkeit gilt es vorab zu begreifen, und dazu bedarf es einer sozusagen contra-phänomenologischen Anstrengung. Diese Aufgabe läßt sich lösen, wenn man Kommunikation nicht als Phänomen, sondern als Problem auffaßt; wenn man also nicht einen den Sachverhalt möglichst deckenden Begriff sucht, sondern zunächst fragt, wie Kommunikation überhaupt möglich ist. Dabei stößt man sogleich auf eine Mehrzahl von Problemen, eine Mehrzahl von Hindernissen, die die Kommunikation überwinden muß, damit sie überhaupt zustande kommen kann” (S. 26).

Es folgt eine Erklärung.

Die Unmöglichkeit, sich den anderen zu imaginieren

Wenn ich in öffentlichen Kommentarspalten etwas schreibe, sind diejenigen, mit denen ich kommuniziere, selten meine Freunde. Es sind Unbekannte. Menschen, über die ich keine Informationen habe, auf dessen Grundlage ich mir ein Bild machen könnte. Im Gegensatz zum Stammtisch gibt es keine ähnliche Lebens- und Arbeitswelt und auch Sympathie ist nicht vorausgesetzt. Die Kommentierenden unterscheiden sich unter Umständen grundlegend in ihren Meinungen, in Bildung, Wissen, Kultur.

Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften ist erschwert. Angenommen, zwei Menschen würden sich in ihrem Wissensstand zu einer Thematik stark unterscheiden: Ausschweifende Analysen eines Fachkenners würden von einer weniger informierten Person kaum wahrgenommen werden können. Eher ist sogar vorstellbar, dass eine ausführliche Beschreibung, welche selten zu eindeutigen Aussagen kommt, als Geschwafel interpretiert wird, wenn man nicht weiß, dass eine Fachperson spricht. Umgekehrt könnte der mindere Wert einfacherer Informationen oder Behauptungen von Fachwissenden überinterpretiert werden. Ohne den Kontext zu kennen, können Informationen erschwert eingeordnet werden. Die Bewertung des Inhalts einer Information beruht auch auf dem Wissen über „die Quelle“.

Weiterhin ist es in einer Offline-Welt nicht alltäglich, dass Menschen so aufeinander treffen. Es kann eher wahrscheinlich sein, dass sie eventuell aufgrund ihrer Unterschiede des sozialen Status niemals in Kontakt gekommen wären. Die soziale Position spielt in der Kommunikation eine wesentliche Rolle (Sikorski, 2016). Sie beeinflusst „das Bild, dass die jeweiligen Kommunikationspartner voneinander haben“ und damit „nicht nur den Inhalt kommunikativer Interaktionen, sondern engt auch (…) die Palette möglicher Sprechakte wesentlich ein. Die Art des gewählten Sprechaktes hängt also im hohen Maße von der Beziehung zum jeweiligen Gesprächspartner ab (…) und beeinflusst (ja) die Qualität der Kommunikationssituation“ (Burkart, 2002, S. 117). Würden die Kommentierenden also die Kommentarspalte als Stammtischsituation wahrnehmen, besteht die Gefahr, dass sie sich ein falsches Bild von den ihnen gegenüberschreibenden Person(en) machen. Der Vorstellung entspricht eher Menschen, die ihnen gleich sind, weil es jene sind, die sie sich vorstellen können. In Anlehnung an das Bild wählen sie einen gegebenenfalls „unqualifizierten und unreflektierten“ Sprechakte. Trifft der Sprechakt nicht dem des Lesenden, sinkt die Kommunikationsqualität. „Erst infolge der wechselseitigen Erwartungen sind die beiden Kommunikationspartner imstande, auch die eigentliche Kommunikationssituation, in der sie sich befinden, zu definieren und Sprechakte zu setzen, die dieser Situation angemessen erscheinen“ (Burkart, 2002, S. 118).

Die Wahl des richtigen Sprechaktes ist nicht nur situationsabhängig. Scheve (2012) formuliert, dass neben den Strukturen des Denkens auch die Strukturen des Empfindens sich in gesellschaftlichen Gruppen unterscheiden können. „Die kognitiven Grundlagen von Emotionen, die mentalen Strukturen des Selbst, sind also immer in die soziale Umwelt eingebettet und durch diese entsprechend geprägt“ (Scheve, 2012, S. 119). Diese Prägung definiert soziale Normen und Regeln. Nicht nur kommunikativ, sondern auch emotional kann es also zu einer Art Miss- oder Unverständnis kommen, wenn die soziale Umwelt eine andere als üblich ist – und einem das nicht einmal unbedingt bewusst wird.

Die Unmöglichkeit, die Situation des anderen zu kennen

Der Stammtisch ist Freizeit. Das Lesen oder Schreiben eines Kommentars passiert nicht immer im Freizeitmoment. Diskursteilnehmende sitzen vielleicht gerade im Bus, oder im Büro, vielleicht klettern sie auch auf Bäume oder stehen auf einer Bühne. Es ist völlig ungewiss, was nebenher passiert, wie viel Aufmerksamkeit eine Person dieser „Unterhaltung“ schenkt, wie genau sie liest oder darüber nachdenkt, in welcher Stimmung sie ist; ob es nachts ist oder tags. Online-Diskussionen finden immer in einem virtuellen Raum statt, welcher neben einem realen Raum existiert. Knorr Cetina (Knorr Cetina, 2009)2009) bezeichnet den virtuellen Raum als eine synthetische Situation. Eine synthetische Situation ist eine Erweiterung zur Face-to-Face-Situation. Sie entkoppelt den Körper von Interaktion und wird medial unter Verwendung sogenannter skopischer Medien hergestellt. Skopische Medien sind Medien, die zum „Sehen und Beobachten“ befähigen (Einspänner-Pflock & Reichmann, 2014, S. 57). Eine synthetische Situation ist durch das Vorhandensein eines Vorder- und eines Hintergrundes gekennzeichnet. Der Vordergrund ist die elektronische Situation, welche Aufmerksamkeit erfordert. Der Hintergrund ist die physische Situation, die sensorisch wahrnehmbar ist und auditive Aufmerksamkeit zieht, während man sich eigentlich auf den Vordergrund konzentriert.

Wie viel Aufmerksamkeit jemand der synthetischen Situation schenken kann, definiert auch die Erwartungen an die Antwort der anderen. Sowohl bezüglich Raum als auch Zeit unterscheiden sich die Situationen der Diskursteilnehmenden im unterschiedlichen Ausmaß. Vor einem Post ist dieses Ausmaß nicht erkennbar, und dennoch bestehen gewisse Erwartungen daran. Sich die richtige Situation vorzustellen und vor diesem Hintergrund passende Erwartungen zu haben, ist ebenso unwahrscheinlich, wie eine realitätsnahe Imagination anderer Kommentierender.

Die Unmöglichkeit, Aussagen richtig zu interpretieren und die Auswirkungen auf Emotionen

Ohne zu wissen, wer der andere ist, mit dem man spricht und in welchem Raum und zu welcher Zeit er sich an der Kommunikation beteiligt, macht es beinahe zu einer Unmöglichkeit, den richtigen Sprechakt zu wählen sowie das Geschriebene des anderen zu verstehen. Die Erwartung auf ähnliche Meinungen im ähnlichen sprachlichen Duktus anzutreffen, wird nicht erfüllt bzw. ist unwahrscheinlich. Menschen unterschiedlicher sozialer Positionen haben unterschiedliche Erwartungen von angemessen und unangemessen und grundlegend vielleicht sogar unterschiedliche emotionale Strukturen.

Fazit 

Als Fazit fasse ich, dass ausgehend von einem Stammtisch das Verstehen von Kommentaren und bedeutungsvolles Vermitteln eigener Inhalte unwahrscheinlich erscheint. Auch in weniger persönlichen sozialen Situationen sind Begegnungen und Unterhaltungen nahezu unmöglich, die es in Online-Diskussionen nicht sind. Der Unwahrscheinlichkeit erfolgreicher Kommunikation sind sich die Kommentierenden tendenziell eher nicht bewusst. Erwartungen einer glückenden Kommunikation im Sinne anderer (besonders aus der Offline-Welt) bekannter Kommunikationsformen können kaum erfüllt werden – sie werden enttäuscht. Als „eine Art Messung der tatsächlichen im Vergleich zur angezielten, erwarteten oder gewohnheitsgemäß gegebenen Situation“ erfolgt eine Bewertung der Kommunikation und eine Überprüfung der Normkompatibilität. Wird die Erwartung bzw. die Norm nicht erfüllt, was wahrscheinlich der Fall ist, ist die Bewertung schlecht und negative Gefühle entstehen (Preyer, 2012).

Auf diesen Überlegungen begründet sich die Annahme, dass fehlerhafte Erwartungen an Online-Kommentare verglichen mit aus der Offline-Welt bekannter Kommunikationsformen negative Emotionen hervorrufen. Durch das Vergleichsbeispiel des Stammtisches kann gefasst werden, wie sich die fehlerhaften Erwartungen manifestieren. Der Beitrag hat noch einmal dazu beigetragen mein Dissertationsvorhaben zu begründen. Negative Emotionen sind nicht nur als das Ergebnis der Rezeption von Artikeln und Kommentarinhalten oder als gezielt platzierte Hetze zu verstehen. Erwartet man von Online-Kommentaren, sie würde wie bekannte Formen der Kommunikation funktionieren, erscheinen negative Emotionen auch strukturell bedingt.

Vielleicht muss ein grundlegend anderer Blick auf Online-Kommentarspalten geworfen werden, um stattfindende Mechanismen zu fassen. 

Mit den Überlegungen resultiere ich in der Frage, wie Online-Diskussion verstanden und  untersucht werden können, wenn sie nicht den bekannten Kommunikationsmustern entsprechen. Der aktuelle Beitrag öffnet einige Themenbereiche, mit welchen ich mich kommend intensiver auseinandersetzen muss.

  • Literatur

Burkart, R. (2002). Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder ; Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft (UTB Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Bd. 2259, 4., überarb. und aktualisierte Aufl.). Teilw. zugl.: [Wien, Univ.], Habil.-Schr., [1983]. Wien: Böhlau.

Einspänner-Pflock, J. & Reichmann, W. (2014). “Digitale Sozialität” und die “synthetische Situation”. Konzeptionen mediatisierter Interaktion. In F. Krotz, C. Despotović & M.-M. Kruse (Hrsg.), Die Mediatisierung sozialer Welten. Synergien empirischer Forschung (Medien, Kultur, Kommunikation, S. 53-72). Wiesbaden: Springer VS.

Knorr Cetina, K. (2009). The Synthetic Situation. Interactionism for a Global World. Symbolic Interaction, 32 (1), 61-87.

Luhmann, N. (1981). Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Soziologische Aufklärung, / Niklas Luhmann ; 3, 3. Aufl.). Opladen: VS Verl. für Sozialwiss.

Preyer, G. (2012). Rolle, Status, Erwartungen und soziale Gruppe. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Scheve, C. von (2012). Die sozialen Grundlagen der Emotionsentstehung: Kognitive Strukturen und Prozesse. In A. Schnabel & R. Schützeichel (Hrsg.), Emotionen, Sozialstruktur und Moderne (S. 115-138). Wiesbaden: Springer VS.

Schmidt, C. (2014). Anonymen Senf dazu geben: Projekt “Mein Digitaler Stammtisch” in Mainz untersucht Online-Kommentare. Allgemeine Zeitung. Zugriff am 21.02.2018. Verfügbar unter http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/anonymen-senf-dazu-geben-projekt-mein-digitaler-stammtisch-in-mainz-untersucht-online-kommentare_14793600.htm

Sikorski, C. v. (2016). The effects of reader comments on the perception of personalized scandals: Exploring the roles of comment valence and commenters’social status. International Journal of Communication (10), 4480-4501.

  • Bildquellen

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