Captain, mein Captain! Theorien in der Lehre: Vorstellung eines Lehrprojekts

Theorie ist nicht nur Teil meiner Diss, sondern auch meiner Lehre an der TU Braunschweig. Im Modul über Theorien und Modelle der Kommunikations- und Medienwissenschaften ist das Ziel der Lehrveranstaltung ein möglichst breiter Überblick über die theoretische Seite der KMW: eine Art Einführung, aber dennoch mit Tiefe. Überblick mit Tiefenverständnis: zwei konträre Kompetenzen, die es zu vereinen gilt. Doch gibt es strukturell keine anderen Möglichkeiten. Also müssen wir viel daran setzen, dieses Ziel dennoch zu erreichen. Ein Projekt, was nun mit beginnenden Semester durch das Innovationsprogramm für Gute Lehre* gefördert wurde, möchte ich auf diesem Blog auch gern mitbegleiten und jetzt kurz vorstellen.

Die Kluft zwischen System und Verstehen

Im Club der toten Dichter schafft es John Keating seine Schüler anzuregen, Gegebenheiten zu hinterfragen, zu erkennen, was sie wollen und was möglich ist; was Leben und Lernen bedeutet. Das ist etwas pathetisch, aber auch inspirierend und es deutet auf eine Form des Studierens und Lernens hin, welche unter Bologna nicht mehr gefasst zu werden scheint. An dieser Stelle ist es nicht mein Anliegen eine Diskussion über Bologna und das Wissenschaftssystem vom Zaun zu brechen. Außerdem habe ich mein Studium erst 2015 abgeschlossen und bin letztendlich selbst ein Produkt von Bologna, über das ich hier nun urteile, wenn ich behaupte, dass zunehmender Leistungsdruck, Lernkontrolle durch Prüfungen und die Erfüllung formaler Zwänge die Studierendenmentalität prägen. Sicherlich kann gerade ich das nur bedingt einschätzen. Was ich einschätzen kann ist vielleicht eher die Motivation nach einer gute Note, welche oftmals (und auch nicht ganz unverständlicherweise) über dem Drang nach Wissenserwerb steht. Es ist egal, was ich rechne, hauptsache die Lösung stimmt. Während Studienerfolg im Sinne einer guter Examensnote und eines schnellen Abschlusses definiert werden, scheint sich die Motivation zu verringern, sich einfach mal aus Interesse heraus mit etwas zu beschäftigen. Lernen als Arbeitszeit wird berechnet, erfolgt nicht aus Lust oder Drang. Die Zunahme von angeleitetem Unterricht führe zu einer Verschulung des universitären Systems (Winter, 2015). Man stelle man sich nochmal den Kurs von John Keating vor: Hätte sich der Club der toten Dichter auch herausgebildet, wenn es Noten auf das Verfassen und Vorlesen von Gedichten in Höhlen gegeben hätte?

Herausforderungen für die Vermittlung von Theorien in der KMW

Für unser Theorienseminar heißt creditpointorienterte Leistungsdefinition, dass nicht versucht wird, Theorien nachzuvollziehen; eine Bedeutung dessen was Theorien vermitteln und lehren nicht klar wird und dass größere Zusammenhänge nicht hergestellt werden können. Es macht den Eindruck, als wird je nach Theorie der zeitliche und kognitiv notwendige Aufwand für das Verstehen einer Theorie „berechnet“ und ein Urteil gefällt: Komplexe Theorien wie Luhmanns Systemtheorie zu verstehen wäre verhältnismäßig zu aufwendig und wird gar nicht erst versucht. Theorien oder Modelle mit einfachen Aussagen wie Stimulus-Response oder Gatekeeper werden unüberlegt als zu banal abgetan und die Bedeutung auf anderen Ebene über der formalen Aussage der Theorien hinaus nicht gesucht. Diese Beobachtungen oder Behauptungen sind nicht als Vorwurf oder Schuldzuweisung zu verstehen: es ist ein Missverständnis. Als ehemaliger Schüler abstrahiert man automatisch die dortigen Anforderungen auf die einer Universität als Folgeeinrichtung. Sind die Methoden und Leistungsabfragen außerdem ähnlich, ist naheliegend, dass man nicht in Frage stellt, wie man sich Wissen aneignen kann. Theorien tatsächlich zu verstehen war eigentlich nie gefragt, sondern wiederzugeben, was sie im Wortlaut sagen.

Stellt euch vor, ihr seid ein Fernseher… – Unser Lehrprojekt Neu gedacht!

Mit dem simplen Prinzip von Gedankenexperimenten wollen wir festgefahrenen Denkmustern den Garaus machen. Wir wollen spezifisch auf den Lerninhalt des Theorienseminars bezogene Gedankenexperimente konzeptionieren und die Sinnhaftigkeit von einzelnen Theorien und auch Theorien und Wissenschaften an sich verdeutlichen. In Gedankenexperimenten werden gedanklich Situationen konstruiert, die real so nicht oder nur sehr schwer herzustellen sind. Gedankenexperimente sind ein Konzept, das vor allem aus der Philosophie bekannt ist, und erfüllen in der Didaktik die Aufgabe, Lernenden die „Augen zu öffnen und ihnen etwas bewusst zu machen, ihnen etwas zu beweisen, sie warnen, versuchen, ihren Horizont zu erweitern“ (Engels, 2004). Durch Gedankenexperimente können Theorien veranschaulicht werden – und auch weiter gedacht. Sie können Fragen aufwerfen, Szenarien konstruieren, Zukunftsvisionen entwickeln oder Geschichten erzählen. Auch die Arbeit mit und Entwicklung von Utopien bzw. Dystopien ist eine Form der kritischen Auseinandersetzung durch sogenanntes Möglichkeitsdenken: fiktive Szenarien über eine fortschreitende Digitalisierung sowie ihre Auswirkungen auf Kommunikationsformen ebenso wie die Imagination, in einer Welt ohne Internet zu leben, können Überlegungen dazu anregen, wie diese theoretisch zu beschreiben sind.4 Zudem kann durch Storytelling-Formate das Verständnis wissenschaftlicher Prozesse hinter der Theorieentwicklung erhöht werden, z. B. durch einen Bericht darüber, wie Niklas Luhmann an der Systemtheorie arbeitete. Sein Besuch der Favelas brasilianischer Großstädte hat dazu geführt, dass er sich von seinem Theoriegebäude entfernte und von seinen persönlichen Erlebnissen hat beeinflussen lassen (– „Zur Überraschung aller Wohlgesinnten muß man feststellen, daß es doch Exklusion gibt, und zwar so massenhaft und in einer Art von Elend, die sich der Beschreibung entzieht“ (Luhmann, 1996)).

Letztendlich wollen wir die entwickelten Experimente natürlich medial aufbereiten. Ein Beispiel für gelungene mediale Aufbereitung ist dieses hier. Bei uns wird die Qualität im Wesentlichen davon abhängen, wie die Studierenden sich beteiligen, wie viel Lust sie mitbringen. Das klingt soweit vielleicht noch etwas abstrakt – einige inspirierende Ideen hatten wir aber schon, und möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten hier gern teilen. Im Sommersemester ist im Übrigen erst einmal Konzeptionsphase. Im kommenden Wintersemester geht es los. Über Ideen zu Experimenten halte ich hier auf dem Laufenden – und nehme auch gern welche entgegen. 😉

Da kommt noch was…

Soviel erst einmal dazu. Da ich aber bin nicht die Einzige im Team bin, die sich für Theorien begeistern kann, begleiten noch andere Projekte begleiten unsere Lehre und die wissenschaftliche Betrachtung von Lehre. Ein weiteres Projekt, was wir vor längerer Zeit durchgeführt haben aber nun auch in unser wissenschaftliches Arbeiten nutzbar integrieren wollen, ist das Debattenprojekt. Gemeinsam mit Laura Wolff und Monika Taddicken werde ich hierzu auch auf der Pre-Con “Neue Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft” im Rahmen der DGPuK-Jahrestagung in Mannheim einen Vortrag halten. Im Vorfeld dazu erscheinen dann auch hier noch ein paar weitere Informationen.

Diese Zusammenfassung und aktuelle News aus den Projekten gibt es im Menü unter dem Reiter Teaching Theory.


Literatur

Bargel, T.; Ramm, M.; Multrus, F. & Bargel, H. (2009). Schwierigkeiten und Belastungen im Bachelorstudium – wie berechtigt sind die studentischen Klagen?. Beiträge zur Hochschulforschung, 34. Jahrgang, 01/2012

Engels, H. (2004). „Nehmen wir an…“: Das Gedankenexperiment in der didaktischen Absicht. Weinheim: Beltz Verlag.

Luhmann, N. (1996). Jenseits von Barbarei. In Max Miller, Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Modernität und Barbarei (S. 219-230). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Winter, M. (2015). Bologna – die ungeliebte Reform und ihre Folgen. Abgerufen von http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/204075/bologna-folgen?p=all.

*Was ist das Innovationsprogramm? Ein Auszug aus der Selbstbschreibung: “Mit einer Förderung im Rahmen des Innovationsprogramms Gute Lehre ermöglicht Ihnen das Projekt teach4TU die Umsetzung Ihrer innovativen Lehr-Lern-Idee. Neben der Unterstützung in Form von Personal- und Sachmitteln werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der geförderten Innovationsprojekte durch das Projekt teach4TU und den Bereich Medienbildung umfassend begleitet und beraten.” Weitere Infos findet ihr hier.

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