Information Overload: Heuristiken bei der Internetnutzung

Online-Kommentare sind eine Gefahr für demokratische Deliberation und gesellschaftlichen Zusammenhalt! Sie verzerren die Wirklichkeit und fördern extreme Meinungen!

Dass der Fokus meiner Arbeit auf Emotionen in Online-Diskursen liegt begründet sich mit diesen Hiobsbotschaften. Studien zeigen Evidenzen, dass Online-Kommentare tatsächlich darauf wirken, wie Nachrichten wahrgenommen (Sikorski, 2016) und Meinungen gebildet werden (Neubaum & Krämer, 2017), was wiederum bei vielleicht gewollter oder ungewollter Manipulation gesellschaftliche Konsequenzen haben könnte. Aber welche Rolle spielen Emotionen in diesem Prozess? Emotionen bilden das Zwischenglied zwischen Rezeption und Urteil. Sie sind im Besonderen ein Teil der Verarbeitung, Interpretation und Bewertung von Informationen im Internet. Mit diesem Satz – oder soweit dieser Behauptung – möchte ich ein grundlegendes Anliegen eröffnen, welcher die Bearbeitung vielen nächsten Blogbeiträgen zur Aufgabe gemacht wird:

Welche Rolle(n) nehmen Emotionen in „Online-Kommentarspalten“ ein?

Mit der Frage und den kommenden Beiträgen möchte ich eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Emotionsbegriff einleiten: „Emotion“ ist ein kaum fassbares, vielfältiges Konzept, was mehrere Wissenschaftsbereiche beschäftigt. Wenn ich mir zunächst darüber im Klaren sein kann, in welcher Hinsicht Emotionen für meine Zielsetzung interessant sind, erhoffe ich mir eine gezieltere Grundlagenaneignung.

Aber ich versuche zunächst kleine Schritte zu machen. Also… was passiert in Online-Kommentarspalten und warum sind Emotionen hier von besonderer Bedeutung? Man stelle sich vor, in der Timeline über einen von vielen Nachrichtenbeiträgen über die Gefahr von Fallobst zu stolpern. Da Bäume durch genetisch veränderte Bedingungen immer größer werden und zunehmend mehr Früchte tragen, ist es immer gefährlicher von fallendem Obst gefährlich getroffen zu werden. Einzelne Kinder sind deswegen bereits verletzt wurden. Eine Mutter berichtet in einem Kommentar von ihrer Angst um ihre Kinder, die auch ohne Aufsicht im Wald spielen. Früher war das problemlos möglich. Heute geht das nicht mehr. Das Beispiel wirkt ein wenig absurd. Aber wenn man Kinder hat, die auch immer im Wald spielen oder schon mal dabei war, wie ein Apfel schwerfällig wie ein Stein auf dem Boden aufprallte, fängt man dann nicht an zu fragen, ob Besorgte_Mutti123 berechtigt besorgt ist?

Vielleicht schon, vor allem, wenn man gerade im Internet unterwegs ist, routiniert und beiläufig die Nachrichten liest. Die Information an sich, aber nicht zuletzt auch die Online-Umgebung beeinflussen, wie wir wahrnehmen, was wir lesen. In Online-Umgebungen arbeitet das Hirn häufig mit Heuristiken, wodurch Emotionen im Besonderen Teil des Verarbeitungsprozesses werden. Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

I – Überforderung im Internet: Information overload.

Vermutlich schreibe ich für Viele nichts Neues, wenn ich erkläre, dass User im Internet permanent mit riesigen Informationsmengen konfrontiert werden. Im Gegensatz zu traditionellen Medienanbietern werden Nachrichtenzeitschriften online konstant aktualisiert: „The news website spiegel.de usually publish several new articles per hour. Furthermore, readers have access to different news articles on the same topic, and journalists can link new articles (e.g., on an emerging scandal) to older news stories” ” (Sikorski, 2016, S. 4483). Überall Informationen, überall Nachrichten. Auf den eigenen Websites, auf den Social Network Timelines, auf den Startseiten. Alle werden aktiv oder passiv versucht von uns zu erfassen. Die Konsequenz ist ein →Information Overload←: Die kognitiven Prozesse in unserem Hirn haben keine endlose Kapazität. Sie sind limitiert, der Arbeitsspeicher irgendwann voll.

Der Zeitpunkt eines Overloads ist nicht bei allen Menschen derselbe: Menschen sind unterschiedlich dazu befähigt und motiviert Informationen zu verarbeiten (Lee & Yoon Jae Jang, 2010). Je nach Person und Persönlichkeitstyp unterscheidet sich der Grad nach Kognitions- und Emotionsbedürfnis. Kognitionsbedürfnis (Need-for-Cognition) „erfasst das Ausmaß, in dem Menschen dazu neigen, sich auf aufwändiges Denken einzulassen“ (Jonas, Stroebe, Hewstone & Reiss, 2014, S. 121). Menschen mit stark ausgeprägten Kognitionsbedürfnis beschäftigen sich intensiver mit Inhalten. Das Emotionsbedürfnis (Need-for-Affect) beschreibt die Motivation sich auf emotionsinduzierende Situationen einzulassen oder sie zu vermeiden (Maio & Esses, 2001). Gerade für Online-Kommentare als „emotionaler Lieferant“ ist das interessant: emotionaler Content erhöht die Aufmerksamkeit (Kühne, 2012, S. 6) und wird also gegebenenfalls noch eher konsumiert als objektive Informationen.

Was macht ein Computer, wenn der Arbeitsspeicher voll ist? Er wird langsamer und muss Daten auf die Festplatte auslagern. Daniel Kahnemann würde argumentieren, System 1 wird zur Verarbeitung verwendet. Wie auch immer man es ausdrücken möchte: Im Falle eines Overloads muss eine kognitive Reduktion erfolgen. Es können nicht alle Informationen verarbeitet werden. Solche Informationen müssen ausgewählt werden, die besonders wichtig erscheinen. Welche das sind, wird über Heuristiken entschieden.

II – Informationsverarbeitung durch Heuristiken

„Heuristik (…) bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen“ (Wikipedia, 2018). Es gibt sehr viele Heuristiken, ohne welche es nicht möglich wäre, sich in der natürlichen Umgebung zurechtzufinden. Einige von ihnen braucht man, um sich in der digitalen Umgebung zurechtzukommen.

Eine sehr bekannte Heuristik ist Consensus-vs. Correctness: Wenn Vorwissen vorhanden ist, man aber nicht die erforderlichen kognitiven Ressourcen hat sich mit den Argumenten anderer ernsthaft auseinanderzusetzen, dann beurteilt man fremde Meinungen einfach als falsch (Lee, 2015). Ganz ähnliches, mit besonderen Bezug auf Medieninhalte, erklärt die Disposition-Content Congruency Hypothesis, “which argues that dispositionally congruent media content may be processed faster and more efficiently than incongruent content because it can be assimilated more readily to the media user’s existing cognitive schemata. Because congruent content requires less cognitive effort, it leaves more resources available for the processing of less salient content (Valkenburg, Peter & Walther, 2016, S. 335-336). Soweit habe ich von Online-Kommentaren immer als eine Form der Kommunikation anderer User geschrieben, aber mit ihrer Form als Anschlusskommunikation nach Nachrichteninhalten nehmen sie eine hybride Form zwischen Massenkommunikation und interpersonaler Kommunikation ein (Neubaum & Krämer, 2017). Betrachtet man Nutzerkommentare als Form der Massenkommunikation können die Einflussmechanismen von Kommentaren mit denen anderer Medieninhalte verglichen werden (Reich, 2011). Sie sind selbst „physischen Botschaften, (…), die mittels dieser materiellen Zeichenträger im Kommunikationsprozess übermittelt werden“ (Bonfadelli, 2002, S. 14) – und dabei eine hohe Reichweite erzielen können. Von daher ist die Betrachtung nicht nut als personale Kommunikation, sondern auch als Medieninhalt langfristig unabdingbar.

Während es anstrengend ist, nichtübereinstimmende Ansichten zu verstehen, ist es umso angenehmer, kongruente Inhalte zu rezipieren. Valkenburg et al. (2016) beschreibt ein Gefühl der Familiarität, was sich einstellt und wiederum einen positiven Effekt und “Vergnügen” erzielt. So beschreibt es die Hedonistic Fluency Hypothesis.

Die erwähnten Mechanismen setzen voraus, dass man sich zu einem Thema bereits eine Meinung gebildet hat. Hat mich sich zuvor noch keine Gedanken gemacht, ob Fallobst tatsächlich gefährlich sein kann, wird es uns beeinflussen, ob nur Besorgte_Mutti123 auf die Gefahren aufmerksam macht, oder noch 20 weitere Kommentierende. Es ist einfacher, auf einen Zug mit vorhandenen Meinungen, Evaluationen und Entscheidungen anderer aufzuspringen, statt sich eigene Gedanken zu machen. Dies beschreibt der Bandwagon-Effekt (Sikorski, 2016). Nutzerkommentare können nach Sundar (2008) als Bandwagon cues fungieren, also Hinweisgeber dafür, was die Mehrheit als wichtig empfindet, als gut; was gerade im Trend ist.

All diese Heuristiken sind kognitive Prozesse, “common means of coping with information overload and uncertainty (Metzger, Flanagin & Medders, 2010, S. 414). Sie beruhen darauf, dass man nicht kognitiv mit Informationen hantiert. Nach der Verarbeitung erfolgt eine Bewertung auf Grundlage einer affektiven Einschätzung. Emotionale Erregungen dienen als Informationen. Kühne (2012) spricht in diesem Zusammenhang von Arousal as Information:

“Arousal is generally assumed to influence information processing by affecting the allocation, emotion-eliciting stimuli activate the automatic attention system and compel the allocation of resources to the sub-processes of encoding and storage. (…) However, recall for processed content is impaired once a certain arousal threshold is exceeded. Increasing arousal tends to narrow one’s focus. Accordingly, high arousal may reduce the total amount of information processed given that attention is focused on the most relevant aspects of the stimulus. The narrowed focus may initially facilitate information processing by ignoring irrelevant information” (Kühne, 2012, S. 6).

III – Folgen der Überforderung: Verschobene Wirklichkeitskonstruktion?

Emotionale Erregung beeinflusst somit nach Kühne nicht, welche Meinungen gebildet werden, sondern wie sie gebildet werden. Sie lenkt das automatische Aufmerksamkeitssystem auf bestimmte Informationen. Andere gegebenenfalls relevante Informationen werden ignoriert (Kühne, 2012). Der Fokus auf spezifische Informationen bestimmt, auf welcher Grundlage User die Realität konstruieren. Die Äpfel erscheinen nun vielleicht so groß wie Kürbisse, die von 100-Meter hohen Bäumen herabfallen. Auf dieser verzerrten Wahrnehmung erklärt sich eine irrationale Meinungsbildung.

Ein Fazit

Der Aufbau des Beitrages unterstellt der Emotionsentstehung durch Rezeption von Online-Kommentaren in Verbindung mit Informationenverarbeitung einen prozesshaften Charakter. Zunächst verarbeitet man Informationen eh schon automatisiert, weil man nicht mit der Menge an Informationen umgehen kann (vorausgesetzt, man ist ein Typ mit geringem Kognitions- und vielleicht noch hohen Emotionsbedürfnis). Mit dieser reduzierten Auffassung bewertet man Informationen, die einem nicht ins Bild passen, besonders emotional, mit der Meinung, die man eh schon hatte oder auf Grundlage der Informationen, die einem gerade vorliegen – was neben einem Artikelinhalt höchstwahrscheinlich emotionale Kommentarinhalte sind. Diese wirken nun entscheidend an der Realitätskonstruktion mit. Die Wahrnehmung der Welt bestimmt final dann die Sicht auf diese.

 

 

Leider kann es nicht so einfach sein. Das Hirn ist keine Festplatte. Kognitionen und Affekte laufen immer unterschiedlich, nicht getrennt und stets gleich prozesshaft ab. Prozesse passieren parallel, in Bezug auf unterschiedliche Informationen, bedingt durch weitere Heuristiken, Personen- und soziale/gesellschaftliche und situative Umgebungseigenschaften. Auch haben nicht alle Emotionen den gleichen Effekt: positive Emotionen unterstützen Emotionsverarbeitung zum Beispiel anders als negative. Realistischer erscheint also ein Modell wie dieses:

 

 

Und nun? 

Mein Ziel ist es, all diese Einflussfaktoren zu identifizieren, zu systematisieren, sie zur Erklärung von Emotionen in der speziellen Umgebung von Online-Kommentarspalten heranzuziehen. Aber welche sind das alles? Welche Variablen beeinflussen Informationsverarbeitung und Emotionsbildung? Wie sollen alle erkannt, systematisiert und gegeneinander abgewogen werden? Ist das überhaupt möglich? Ich benötige einen Rahmen, der mir hilft, eine Beschränkung zu fassen; ein Konzept, mit welchem eine Systematisierung möglich ist, mit Bezug auf meinen Gegenstand: den Online-Kommentaren. Aber auch hier sind nicht alle gleich: Wo gibt es Unterscheidungen? Was ist mit den Kommentaren gemeint? Auf welche Eigenschaften kommt es an?


Literatur

Bonfadelli, H. (2002). Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen (UTB Medien- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 2354, 1. Aufl.). Konstanz: UVK Verl.-Ges.

Die Zeit Online (2017, 30. Juni). Bundestag verabschiedet Gesetz gegen Hasskommentare im Internet. Die Zeit Online. Zugriff am 29.08.2017. Verfügbar unter http://www.zeit.de/digital/internet/2017-06/bundestag-verabschiedet-gesetz-gegen-hasskommentare-im-internet

Jonas, K., Stroebe, W., Hewstone, M. & Reiss, M. (Hrsg.). (2014). Sozialpsychologie. Mit 25 Tabellen (Springer-Lehrbuch, 6., vollst. überarb. Aufl.). Berlin: Springer.

Kühne, R. (2012). Media-Induced Affects and Opinion Formation: How Related and Unrelated Affects Influence Political Opinions. Living Reviews in Democracy (3). Zugriff am 12.10.2017. Verfügbar unter https://www.lrd.ethz.ch/index.php/lrd/article/viewArticle/31

Lee, E.-J. & Yoon Jae Jang. (2010). What Do Others’ Reactions to News on Internet Portal Sites Tell Us? Effects of Presentation Format and Readers’ Need for Cognition on Reality Perception. Communication Research, 37 (6), 825-846.

Lee, M. (2015). The Persuasive Effects of Reading Others’ Comments on a News Article. Current Psychology, 34 (4), 753-761.

Maio, G. R. & Esses, V. M. (2001). The Need for Affect. Individual Differences in the Motivation to Approach or Avoid Emotions. Journal of Personality, 69 (4), 583-614.

Metzger, M. J., Flanagin, A. J. & Medders, R. B. (2010). Social and Heuristic Approaches to Credibility Evaluation Online. Journal of Communication, 60 (3), 413-439.

Neubaum, G. & Krämer, N. C. (2017). Opinion Climates in Social Media. Blending Mass and Interpersonal Communication. Human Communication Research, 348.

Reich, Z. (2011). User Comments. The transformation of participatory space. In J. B. Singer (Hrsg.), Participatory journalism. Guarding open gates at online newspapers (S. 96-117). Chichester, West Sussex, U.K: Wiley-Blackwell.

Sikorski, C. v. (2016). The effects of reader comments on the perception of personalized scandals: Exploring the roles of comment valence and commenters’social status. International Journal of Communication (10), 4480-4501.

Sundar, S. S. (2008). The MAIN Model: A Heuristic Approach to Understanding Technology Effects on Credibility. Digital Media, Youth, and Credibility, 73-100.

Valkenburg, P. M., Peter, J. & Walther, J. B. (2016). Media Effects: Theory and Research. Annual review of psychology, 67, 315-338.

https://de.wikipedia.org/wiki/Heuristik


Bildquellen

Apfel: https://www.samerbergernachrichten.de/26-bad-feilnbacher-apfelmarkt-beginnt-am-6-oktober/#jp-carousel-19538

Informationsflut: https://www.welt.de/fernsehen/article13027269/Aeltere-Menschen-sind-mit-Informationsflut-ueberfordert.html

Hintergrund: https://vogtland-zauber.de/die-osterburg-in-weida-die-wiege-des-vogtlands/

Bunte Menschen: https://www.kerstin-hoffmann.de/pr-doktor/psychologie-des-weitersagens-so-motivieren-sie-andere-menschen-ihre-botschaften-zu-verbreiten/

Persönlichkeit: http://www.webquests.ch/dschingiskhanphsg.html?page=84923